José Ovejero © Álvaro Minguito / Stefan Kutzenberger © Nicole Kiefer / Internationale Literaturdialoge
»Welche Rolle spielt die Kunst in der Gesellschaft? Dient sie ›nur‹ dem ästhetischen Genuss? Ist sie vor allem eine gehobene Art der Unterhaltung? Oder spielt sie auch eine Rolle bei der Erweiterung unseres Verständnisses des Individuums, der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Welt im Allgemeinen?«
José Ovejero
Der Frage nach der Beziehung zwischen der Literatur und der Welt nähern sich der Autor und Literaturwissenschaftler Stefan Kutzenberger und der Schriftsteller und Übersetzer José Ovejero in ihrem gemeinsamen Projekt auf essayistische Weise an. Entstanden sind zwei durch einen Leitfaden miteinander verbundene Texte: Während der österreichische Projektpartner sich auf spanischsprachige Werke konzentriert, widmet sich sein spanischer Kollege der deutschsprachigen Literatur.
Literatur und Moral
»Obwohl ich ästhetischen Genuss und kluge Unterhaltung sehr schätze, glaube ich, dass Literatur und Kunst auch dazu beitragen, unsere Welt durch spezifische Arten vom Bewusstsein zu verändern – allerdings zum Guten und zum Schlechten.«
José Ovejero
In seinem Essay mit dem Titel »Die unheimliche Fähigkeit, die Gegenwart vorauszusagen« stellt José Ovejero Christa Wolf und ihr Werk »Kassandra« (1983) ins Zentrum seiner Überlegungen. Für die ostdeutsche Autorin habe er sich schon entschieden gehabt, bevor überhaupt abgemacht gewesen sei, dass die beiden Projektpartner, die einander letztes Jahr im Rahmen der Buch Wien kennengelernt haben, die Literaturen »tauschen« würden. Denn:
»Christa Wolf fasziniert mich, weil sie Wege zeigt, wie Literatur aus ihrem Elfenbeinturm herunterkommen und sich mit dem sozialen und politischen Geschehen beschäftigen kann, ohne dabei plakativ oder platt pädagogisch zu werden, d.h., mit Beibehaltung von der Komplexität und des ästhetischen Wertes, die Literatur immer eigen sein soll. Und ›Kassandra‹ ist ein feines Beispiel dafür.«
José Ovejero

Literatur habe, so argumentiert der spanische Autor, die Macht, »uns die reale Welt zu zeigen, auch dort, wo es uns missfällt, sie anzusehen.« Neben Christa Wolfs berühmter, auf den Mythos des Trojanischen Krieges zurückgreifender Erzählung über eine Frau, die sich zu schweigen weigere, führt José Ovejero weitere bedeutende Beispiele hierfür an: Gert Ledigs apokalyptischen Antikriegsroman »Vergeltung« (1956) sowie »Die Klavierspielerin« (1983) und »Lust« (1989) von Elfriede Jelinek.
Wenngleich alle drei genannten Schriftsteller*innen zur engagierten Literatur gezählt werden können, sei der Anspruch, bewusst eine politische, moralische Dimension in ein Werk zu bringen, keine Voraussetzung dafür, eben diese Kraft freizusetzen. Denn Literatur habe die Eigenschaft, den Autor*innen unabhängig von ihrer Intention immer auch zu entweichen und sich zu verselbständigen. Doch was bedeutet dies für die Künstler*innen, auch für José Ovejero selbst? Verfolgt er in seinen eigenen literarischen Werken das Ziel, das Innerste der Gesellschaft zu durchleuchten?
»Ich finde, Kunst hat keine Pflicht, desto weniger moralisch oder konstruktiv zu sein. Kunst muss frei sein – und ich bin mir des double binds bewusst. Es wäre eine Katastrophe zu verlangen, dass Kafka oder Borges moralisch oder engagiert sein müssten.
Gleichzeitig entsteht Kunst im gesellschaftlichen Raum und wirkt auf diesem Raum –auch politisch – egal wie die Absichten des Künstlers sind. Aber es gibt Autoren – und dazu zähle ich mich –, die bewusst durch ihre Werke am gesellschaftlichen Geschehen teilnehmen wollen. Für mich ist Kunst ein Weg, ›gefühlte Kenntnis‹ zu schaffen, d.h., nicht nur auf der rationalen, sondern auch auf eine empathisch-emotionalen Ebene zu agieren. Und diese Art Kenntnis ist eine Vorbedingung für jede aktive Veränderung der Gesellschaft.«
José Ovejero
Literatur als größtkomplexe Antwort
Auch für Stefan Kutzenberger beginne Literatur dann, wenn sie sich verselbstständige:
»Wirklich magisch wird es in dem Moment, in dem die Literatur etwas anderes macht, die Figuren sich verselbständigen, die Handlung in eine andere Richtung geht. Und plötzlich merkt man, da ist etwas Größeres am Arbeiten«
Stefan Kutzenberger
In seinem Essay »Die Barbierschüssel und der Zauberhelm« widmet er sich einem Schriftsteller, dem sein Werk so sehr entglitten sei, dass dieses »alles, was der Roman kann«, schon vorwegnehme: Miguel de Cervantes, der mit seinem bis heute unübertroffenen »Don Quijote« im Jahr 1605 einen der ersten realistischen Romane unserer Kultur geschaffen habe, und zugleich auch den ersten postmodernen und metafiktionalen Roman.

Wie Stefan Kutzenberger in seinem Text anhand einiger Beispiele herauszuarbeiten versuche, zeige das Werk, dass die Welt verschieden interpretierbar sei. Somit könne die Figur des Don Quijote, die trotz ihres abgeschlossenen Weltbildes immer wieder Brüche in der Weltsicht zulasse, auch als Vorbild eines demokratischen Menschen dienen:
»In den Zwischenräumen von Weltsicht und Realität beginnt Demokratie, indem man feststellt: Gut, das ist meine Meinung, du hast eine andere Meinung – wieso müssen wir uns deswegen schlagen?«
Stefan Kutzenberger
Neben diesem Klassiker der Weltliteratur kommt er in dem Essay auch auf ein Werk der Gegenwartsliteratur zu sprechen, den Roman »Bad Hombre« der argentinischen Autorin Pola Oloixarac aus dem Jahr 2024. Die Rezeption des Buches, das Vorwürfe sexueller Gewalt thematisiere, sich dabei jedoch jeglicher moralisch eindeutiger Stellungnahme verweigere, sei bespielhaft dafür, wie schwer es uns heute falle, Zweideutigkeiten zuzulassen. Diesen Verlust der Grauzonen sieht Stefan Kutzenberger, wie er in unserem Gespräch betont, als eines der größten Probleme unserer heutigen Zeit an:
»Es ist eine große Gefahr für die Gesellschaft, wenn komplexe Themen nach einem vorgefertigten Schema abgehandelt werden. Die ehrlichere Herangehensweise wäre der Graubereich, dass wir eben nicht ›ja‹ oder ›nein‹ sagen.«
Stefan Kutzenberger
Um diese grauen Zwischenräume auszumessen und zu verbalisieren, sei die Literatur ein geeignetes Medium. Sie könne, so ist er sich sicher, die »größtkomplexe Antwort« auf die »größtkomplexe Frage« geben:
»Das meine ich ganz ernst: dass ein Roman als Gesamttext, diese vielen tausenden Seiten von der ersten bis zur letzten, die Antwort auf eine komplexe Frage geben kann. Und diese Antwort kann man dann auch nicht mehr simplifizieren.«
Stefan Kutzenberger
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José Ovejero © Álvaro Minguito -
Stefan Kutzenberger © Nicole Kiefer / Internationale Literaturdialoge
José Ovejeros Text kann hier im spanischsprachigen Original gelesen werden: