Ist die Literatur in Gefahr, aber gleichzeitig auch gefährlich? Warum könnte sie gerade deshalb schützenswert und schutzbedürftig sein? Und welchen Einfluss hatte die politische Lage in Polen in den Jahren 2015–2022 auf die Situation von Künstler*innen?
Diese und weitere Fragen untersuchen die österreichische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Friederike Gösweiner und ihr Projektpartner, der polnische Schriftsteller und Fotograf Mikołaj Łożiński, im Rahmen der Literaturdialoge-Ausschreibung in zwei Texten.
Ein Projekt, verschiedene Ansätze
Wie Friedrike Gösweiner im Gespräch erzählt, habe sie Mikołaj Łożiński bereits im Jahr 2016, während eines Aufenthaltes im Literarischen Colloquium Berlin (LCB), kennengelernt. Das LCB sei für sie ein besonderer Ort gewesen, um »mit fremdsprachigen Autor*innen in Berührung und auch organisch ins Gespräch« zu kommen. Eine literarische Zusammenarbeit mit Mikołaj Łożiński habe bisher jedoch noch nicht stattgefunden. Bereits bei ihrem Austausch zu Beginn des Projekts sei rasch deutlich geworden, dass ihre Texte in unterschiedliche Richtungen gehen würden, auch wenn beide verbunden seien durch den Fokus auf das Potenzial der Literatur, bestehende politische Systeme gefährden zu können. Somit sei der Entschluss getroffen worden, zwei getrennte Texte zu schreiben. Unterschiede sind hierbei nicht nur thematisch, sondern auch formal zu erkennen – so entschied sich Friederike Gösweiner für einen literarischen Dialog, während Mikołaj Łożiński einen Essay verfasste.
»Mir war relativ schnell klar, dass es, wenn es um die Kraft der Literatur geht, bei mir ein literarischer Text sein muss und nicht ein Text, der sich an der Grenze bewegt. Am gerade noch Literatur Sein, was ein Essay normalerweise tut, weil er wenige literarische Mittel verwendet.«
Friederike Gösweiner
Mikołaj Łożiński sei es hingegen wichtig gewesen, keinen theoretischen Text zu verfassen, »but rather to tell the story of my own experience of living and working under a government that posed a threat to democracy in Poland.« Wenngleich er sich selbst primär als Autor von Prosatexten sehe, habe ihn das Thema »of an individual’s small history set against the backdrop of larger history« interessiert.
Ist Literatur in Gefahr oder doch gefährlich?
Als Ausgangspunkt ihres literarischen Textes »Lustwandeln durch Yellow Scape oder Einige Thesen über die schutzbedürftige Gefährlichkeit der Literatur« nennt Friedrike Gösweiner zwei Dinge – einerseits ein Gemälde der japanisch-schweizerischen Malerin Leiko Ikemura und andererseits Martin Luthers Abhandlung seiner 95 Thesen gegen den Ablasshandel.
Nach einem Ausstellungsbesuch in der Albertina, bei dem sie Leiko Ikemuras Gemälde »Yellow Scape« gesehen habe (Link zum Gemälde), sei die Idee entstanden, durch eine sehr einfache und absichtlich surreale Kurzgeschichte zumindest ansatzweise literarisch zu zeigen, was der Text an Thesen theoretisch formuliert. Diese Thesen, das eigentliche Thema der Ausschreibung, sind in Form eines Dialogs zwischen zwei Figuren gestaltet, weil Gespräche Nähe herstellen. »Gerade, wenn es so ein abstrakter Inhalt ist, schwer und wenig fassbar konkret«, stelle dies eine Möglichkeit dar, das Thema den Leser*innen näher zu bringen. Sie sehe die Fragestellung der Ausschreibung mit der Gefahr einhergehen, eine abstrakte Argumentationslinie anzunehmen, die weg führt vom eigentlich Literarischen. Die Form von Briefen und Dialogen erleichtere hierbei, Standpunkte zu erklären und gleichzeitig zu analysieren.
Mit den bereits erwähnten Thesen Martin Luthers habe Friedrike Gösweiner sich bereits während ihres Studiums intensiv befasst. In ihren literarischen Text seien sie nun nicht direkt eingearbeitet, sondern vielmehr als Vorbild herangezogen worden, um ihre eigenen Thesen zur Literatur zu formulieren. Es sei ihr ein Anliegen gewesen, »die Gesellschaft überhaupt an die Wichtigkeit zu diskutieren«, zu erinnern. Es sei wichtig, »Thesen zu haben, einen Standpunkt zu entwickeln und den vertreten zu können«. Ein Grundgedanke ihrer aufgestellten Thesen sei die Gesetzlosigkeit der Literatur und ihre damit einhergehende Schutzbedürftigkeit. Aufgrund ihres Potenzials der Subversivität sei es wichtig, sie zu schützen – auch wenn gerade dieses Potenzial bedeutet, dass das System, das die Literatur schützt, von ihr unter Umständen angegriffen, jedenfalls aber kritisiert werden kann.
»Wenn man sich genauer ansieht, was Literatur kann – das Verhältnis von Literatur zur realen Wirklichkeit – dann glaube ich tatsächlich, dass es nichts anderes gibt als die Literatur, die so ein starkes Gegenbild zur Realität entwerfen kann. Und das ist etwas, was wirklich wichtig ist für eine Gesellschaft. Für eine demokratische Gesellschaft ist die Literatur gerade deshalb so bedeutend, weil in der Demokratie jeder eine Stimme hat und somit sozusagen eine möglichst informierte und selbstständige Entscheidung treffen muss. Ich glaube, subversive Literatur macht den Menschen zum Skeptiker und lässt ihn auf der Hut bleiben.«
Friederike Gösweiner
Warum ist Literatur dennoch schützenswert, wenn aufgrund ihrer Subversivität von ihr selbst Gefahr für politische und gesellschaftliche Systeme ausgehen könnte? Dem häufig vertretenen Argument, Kunst und Literatur seien bedeutend, weil sie für die Demokratie einstehen würden, widerspreche sie. Denn in diesem Fall wären Kunst und Literatur weder frei noch ungesetzlich. Vielmehr müsse sich Literatur zwar »an bestimmte gesetzliche Regeln halten, die zum Beispiel den Verfassungsschutz oder die Persönlichkeitsrechte betreffen und die immer wieder auch nachjustiert werden«, aber: »Sie muss demokratische Werte nicht nachbeten. Sonst gäbe es ja auch gar keine Entwicklung mehr.«
Der Angriff auf die unabhängige Kunst
Für Mikołaj Łożiński habe die Teilnahme an dem Literaturdialoge-Projekt mit der Fragestellung »Warum braucht Demokratie Literatur? Die Rolle von Kunst in Krisenzeiten« eine Möglichkeit dargestellt, »to write about my personal experiences during the PiS government, when I often found myself thinking about these questions«.
In seinem Essay »Kunst als Bedrohung« setzt er seine persönlichen Erfahrungen als Autor und Künstler in den Jahren 2015 bis 2022 in den Mittelpunkt. Der Aufstieg von Jarosław Kaczyńskis rechtspopulistischer Partei habe die politische und kulturelle Landschaft Polens rasch verändert. Es seien nicht nur die Fundamente der Demokratie, sondern auch der Freiheit – unabhängige Medien, Frauenrechte, nationale und sexuelle Minderheiten und die Kunst, die als Gefahr angesehen worden sei – angegriffen worden. Künstler*innen, welche die herrschenden politischen Ansichten nicht geteilt hätten, seien benachteiligt worden, auch seien informelle schwarze Listen aufgetaucht, die die Umsetzung und Verbreitung neuer Projekte erschwert hätten. Das eigene Interesse an Politik sei hier nebensächlich gewesen, denn, wie er in seinem Essay schreibt: »In Literaturkreisen begann man genau zu registrieren, wer die neue Obrigkeit unterstützte, die auf verschiedene Weise versuchte, Künstler auf ihre Seite zu ziehen«.
»What I found interesting was that when democracy is under threat, art and literature become important, because they pose a threat to any authoritarian regime.«
Mikołaj Łożiński
Es sei verblüffend, wie schnell diese durch Einschränkungen und Bedrohungen geprägten Jahre nach dem Regierungswechsel erneut in Vergessenheit geraten würden. Die Aktualität und Relevanz des Themas der Ausschreibung und auch seines Essays sehe der Autor in der immer noch anhaltenden antidemokratischen Welle, die nicht nur Polen betreffen würde.
Für seinen Text sei auch die berühmte polnische Poetin Wisława Szymborska bedeutend gewesen. Denn Fragmente ihres Gedichts »Angefangene Erzählung« bilden den Rahmen des Essays, mit der Intention, wie Mikołaj Łożiński ergänzt, »of giving it, I hope, a more universal dimension«.
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Friedrike Gösweiner ©Thomas Larcher -
Mikołaj Łożiński ©Weronika Ławniczak
Mikołaj Łożińskis Text kann hier im polnischen Original gelesen werden: