Wie sehen die aktuellen Arbeitsbedingungen für Kunstschaffende in Serbien im Vergleich zu Österreich aus? Welche Rolle spielt dabei die Politik? Welche Art von Kunst kann in Krisenzeiten überhaupt entstehen? Kann Kunst auch Widerstand leisten?
Eben diesen Fragen gehen der Schriftsteller und Übersetzer Marko Dinić und seine Projektpartnerin, die Dramatikerin, Regisseurin und Dramaturgin Olga Dimitrijević, in ihrem Briefwechsel zwischen Wien und Belgrad auf den Grund.
Wenngleich Olga Dimitrijević, wie sie im gemeinsamen Gespräch erzählt, im Zuge ihrer Arbeit am Theater häufig mit internationalen Künstler*innen zusammenarbeite, sei dies die erste literarische Kollaboration mit Marko Dinić. An der Ausschreibung habe die beiden besonders interessiert, über die Basis der Arbeit in Krisenzeiten zu sprechen, sozusagen über »materialistic sides of things«. Es sei eine gute Möglichkeit gewesen, sich konzentriert mit Themen auseinanderzusetzen, die für sie zwar allgegenwärtig seien, jedoch meist nur am Rande angesprochen werden würden.
Proteste für die Kunstfreiheit
Ausgangspunkt für ihre Auseinandersetzung seien die seit November 2024 anhaltenden Studierendenproteste in Serbien, die sich schnell zu einer der größten Demokratiebewegungen der Welt entwickelt hätten. Im Zentrum dieser Proteste stünden Forderungen nach mehr Transparenz im Umgang mit staatlicher Korruption, nach direkter Demokratie sowie unabhängigen Medien. Während es, so Olga Dimitrijević, für die unabhängige Kunstszene in Serbien immer herausfordernd gewesen sei, habe es dennoch kleine Finanzierungen gegeben, die die Szene am Leben gehalten habe. In den letzten Jahren sei diese staatliche Unterstützung für unabhängige Theater, Film und zeitgenössische Kunst nun endgültig gestrichen worden. Finanzielle Zuwendungen würden nun hauptsächlich Personen erhalten, die Regierungsstrukturen nahe stünden. Dies verdeutliche nicht nur die finanzielle Abhängigkeit der Künstler*innen, sondern zeige auch, wie fragil das System sei.
»In Serbia artists were very dependent on public fundings, now it’s cut. And there you can see the difficulty which can also occur here in Austria if a right-wing government came and implemented its own ideas, of what culture is. And it should also show us our dependency as artists on the system which is providing us with these fundings and where it could clash one day.«
Olga Dimitrijević
Ist Freiheit gleich Freiheit?
Marko Dinić – der in Serbien aufgewachsen ist, jedoch seit siebzehn Jahren in Österreich lebt – sehe, wie er erzählt, in Österreich andere Gegebenheiten. Durch die staatliche finanzielle Unterstützung unabhängiger Künstler*innen sei in gewisser Weise ein neues Korrektiv entstanden. Trotz kritischer Äußerungen gegenüber der Politik durch Autor*innen – hier nennt er etwa bekannte Namen wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek – würde Unterstützung geboten werden. Eben dies ermögliche es Autor*innen und Künstler*innen, sich auch mit politischen und gesellschaftlichen Themen sowie ihren eigenen Positionen dazu auseinanderzusetzen. Dennoch sehe Dinić, der sich, wie er im Gespräch erklärt, durch seine offensiven Standpunkte zu politischen Themen als politischer Autor verstehe, es als seine Aufgabe als serbisch-österreichischer Schriftsteller, drohende Gefahren im Auge zu behalten und durch seine Literatur auf diese aufmerksam zu machen. Es herrsche in Österreich eine Selbstverständlichkeit im Blick auf die Freiheit, die durch Institutionen geboten werde. Diese Freiheit sehe er jedoch als eine Illusion an.
Ebenso merkt Olga Dimitrijević an, dass sich eine politische Situation schnell verändern könne und die Gefahr von Zensur immer größer werde. Freiheit sei außerdem nicht immer für jede bzw. jeden gleich. »Freedom for some to speak freely will not be the same freedom for somebody else.« Schleichende Veränderungen würden stets am Rande geschehen und durch Geld und Machtstrukturen offener ausgelebt werden – Serbien sei in diesem Zusammenhang als Peripherie Europas zu sehen. Die politischen Entwicklungen sollten daher als eine Art Spiegel angesehen werden. In Serbien sei nun die Frage aufgekommen, was es bedeute, in Krisenzeiten Kunst zu schaffen. »What type of art responds to that kind of deep social crisis and struggle?«
»Like Olga said, on the periphery of our European existence we have the best examples of what political future awaits us if we just slightly move away or weaken our institutions. However, people don’t believe in this. And now, through these budget cuts, we are slowly starting to see what that could mean.«
Marko Dinić
Wie die beiden Autor*innen ausführen, behandeln ihre Briefe ein großes Thema: den Zusammenprall von Materialismus und Idealismus als Bedingung für revolutionäres Denken und Schreiben. Olga Dimitrijević habe zu den materiellen Bedingungen künstlerischer Arbeit geschrieben, Marko Dinić hingegen über materielle Aspekte des Idealismus. Dies sei jedoch nicht von Anfang an geplant gewesen, sondern hätte sich im Laufe ihres Austausches so entwickelt.
Übersetzung
Wenngleich die beiden Autor*innen sich für gewöhnlich auf Serbisch unterhalten würden, habe Marko Dinić seine Briefe für das gemeinsame Projekt auf Deutsch und Olga Dimitrijević auf Serbisch verfasst. Die deutsche Übersetzung dieser Texte habe Dinić, der aktuell auch an der Übersetzung eines ihrer Theaterstücke arbeite, selbst übernommen. Er betont hierbei die Signifikanz, die Übersetzung bei einem so politischen Thema wie diesem möglichst nah am Originaltext zu halten.
»When it comes to translation especially with this kind of form, for me it’s important that it is pretty literal. Because the politics of the text should be as accurate as possible. But the hardest parts are always the parts that cannot be translated, like certain phrases.«
Marko Dinić
