»Warum braucht Demokratie Literatur? Kunst in Krisenzeiten« heißt die diesjährige Ausschreibung der Internationalen Literaturdialoge. Doch auf welche Krise beziehen wir uns eigentlich, wenn wir im Jahr 2026 von Krisenzeiten sprechen?
Diese Frage umkreist das gemeinsame Projekt der österreichischen Schriftstellerin und Dramatikerin Magdalena Schrefel und des deutschen Lyrikers, Essayisten und Literaturvermittlers Tim Holland. Angesichts der multiplen Krisen der Gegenwart, von der Klimakatastrophe und Kriegen bis hin zur immer größer werdenden Diskrepanz zwischen Arm und Reich, habe, wie die beiden in unserem Gespräch erzählen, zu Beginn ihres Projekts eine gewisse Entscheidungsschwäche gestanden. Daraus habe sich schnell die Idee entwickelt, gemeinsam ein fiktives literarisches Lexikon, eine Enzyklopädie der Krisen, zu erstellen.
»Wir versuchen erst gar nicht, eine Krise zu highlighten und alle anderen unter den Tisch fallen zu lassen, sondern die Vielzahl zu benennen. Es geht uns darum, bei bekannten Krisen noch einmal einen anderen Blick darauf zu bekommen, aber auch darum, unbekannte und die kleinen Krisen des Alltags in den Blick zu nehmen.«
Tim Holland
Literarisches Ping-Pong
Von Anfang an war für die beiden Autor*innen, die zuvor schon im Rahmen anderer Projekte zusammengearbeitet haben, klar, dass das Thema der Demokratie sich auch in der Herangehensweise selbst widerspiegeln solle. Um im Sinne eines möglichst demokratischen Schreibprozesses etwas wirklich Gemeinsames zu erschaffen, sei es wichtig gewesen, mit möglichst wenigen Vorgaben zu operieren. Lediglich das Ordnungsprinzip des Alphabets habe als Richtschnur gedient; so sollte für jeden Buchstaben, auch das X, mindestens eine Krise gefunden werden. Vorab habe es jedoch weder irgendeine Art der Aufteilung untereinander noch eine strukturelle Auswahl der Krisen oder eine Beschränkung hinsichtlich der Anzahl oder der Länge der Texte gegeben. Stattdessen sei ein gemeinsames Google Docs-Dokument erstellt worden, in welchem die Projektpartner*innen nicht nur die eigenen Texte eingefügt, sondern auch jene der bzw. des anderen »jeweils vertrauensvoll ergänzt, weiter geschrieben und infrage gestellt« haben. Das literarische Ping-Pong sei so weit gegangen, dass Magdalena Schrefel, wie sie im Gespräch erzählt, »heute bei dem nun vorliegenden Text nicht mehr bei jedem Satz sagen könnte, ob ich den geschrieben habe, oder Tim, oder letztlich wir beide zusammen.«
Spuren folgen
»Ich glaube ich kann für uns beide sprechen, wenn ich sage, dass das Poetische für uns im Sammeln entsteht, dass wir beide große Leser*innen und Spurenleser*innen von interessanten, aber auch abwegigen und unbekannten Fun Facts der Geschichte sind.«
Magdalena Schrefel
Das Projekt habe die Freude am Sammeln mit der Lust vereint, den eigenen Spuren zu folgen und auf diese Weise Konstellationen sichtbar zu machen. Denn stelle man unterschiedlichste Krisen nebeneinander, frage man sich unweigerlich: »Was haben sie gemeinsam? Gibt es vergangene Krisen, die nachwirken? Kommende Krisen, die noch keiner sieht? Und welche Krisen wirken im Verborgenen?«
Dass der Text solche Verbindungslinien aufzeigen könne, sei einerseits der abcdarischen Reihenfolge geschuldet, andererseits einem Verweissystem zwischen unterschiedlichen Krisen, das eine alternative, individuelle Navigation durch das Text-Netzwerk erlaube. Dieses sei im Laufe der Textproduktion immer weiter angewachsen und setze Dinge miteinander in Beziehung, die im ersten Moment vermeintlich nicht immer zusammenzuhängen scheinen. Manche dieser Verweise hätten sich gleich während des Schreibprozesses aufgetan, in anderen Fällen sei das Bedürfnis, bestimmte Konstellationen auszuweisen, erst im Nachhinein entstanden. Denn, so Tim Holland: »Es gab den Prozess, dass man beim Schreiben schlauer wurde und gemerkt hat, wie alles miteinander zu tun hat.«
Dezidiert kein Ziel des Textes sei es jedoch gewesen, Krisen zu erklären. Der Text verweigere, wie Magdalena Schrefel ergänzt, »zu sagen: So hat die Krise angefangen, so hat sie ausgesehen, so ist sie zu Ende gegangen.«
Die Krise erzählen
Welche Krisen sind mir persönlich in Erinnerung geblieben? Welche Momente nehme ich als besonders krisenhaft wahr? – Fragen wie diese seien es gewesen, die bei der Auswahl der Krisen eine Rolle gespielt hätten. Es sei, so Magdalena Schrefel, das Ziel gewesen, »im besten Sinne aus dem Subjektiven zu schöpfen.«
Dies gilt jedoch nicht nur dafür, was, sondern auch für die Art und Weise, wie erzählt wird. So beschreiben die beiden Autor*innen ihr Abcdarium als eine »fiktionalisierte Untersuchung«: eine Mischung aus recherchierten und weitergedachten Fakten sowie ausgedachten Geschichten. Anders sei es, wie Tim Holland erläutert, gar nicht möglich, denn wenn man schreibe, erfinde man automatisch:
»Allein durch die Nacherzählung von historischen Dingen, die recherchiert sind, entstehen immer neue Bilder. Sobald man anfängt zu schreiben, gibt es fiktionale Momente.«
Tim Holland
Die Form der Einträge sei dabei jeweils der Schreiblust der beiden Projektpartner*innen geschuldet gewesen. Da Magdalena Schrefel von der Prosa und vom Theater komme und Tim Holland von der Lyrik, hätten von vornherein alle Gattungen und Schreibweisen offen gestanden. Darüber hinaus haben die beiden Autor*innen manchmal auch außertextliche Elemente eingesetzt, etwa Grafiken oder Noten. Denn, wie sie im Gespräch ausführen:
»Eine der Ideengeberinnen für unseren Text sind historische Enzyklopädien, die im Barock zu entstehen anfingen. Es ist der Versuch, die ganze Welt in Ordnung zu bringen. Interessant ist an solchen Texten immer, wenn sie anfangen, ihre eigenen Mittel zu unterschreiten, weil sie merken, dass sich das Phänomen gar nicht so fassen lässt, wie man wollte. Und deswegen muss man ein neues Mittel einsetzen. Und so ähnlich haben auch wir gearbeitet.«
Magdalena Schrefel
»Uns interessiert beide, auf welche Art und Weise man Dinge erzählen kann, und dass da einmal so ein Mini-Musikstück entsteht oder die Quadratur der Krise, die Mini-Zeichnungen, das sind witzige Momente, aber auch das, was wir alles können auf dem Papier. Das sind alles Arten, wie man Dinge erfahrbar machen kann. Wir haben uns einfach keine Grenzen gesetzt.«
Tim Holland
Was Kunst kann
»Literatur hat keine Aufgabe, aber sie hat Möglichkeiten. Eine der Möglichkeiten – und das ist das Anliegen dieses Textes – ist, dazu einzuladen, die eigenen Haltungen zwar nicht zu überwerfen, aber neue Stimuli zu bekommen.«
Magdalena Schrefel
Eine Strategie, mit der die beiden Autor*innen arbeiten, ist es, die Erwartungen der Leser*innen zu unterwandern. So werden etwa bei ›K wie Klimakrise‹ die beiden folgenden Krisen präsentiert: »Dinge, die nie die richtige Temperatur haben« und »Körperkrise, mit Daisy Hildyard«.
»Wir wissen alles über die Klimakrise. Ich glaube, es fehlt nicht an Informationen, es fehlt nicht an Aufzeichnungen oder wissenschaftlichen Untersuchungen. Indem wir Klimakrisen auf ganz anderen Ebenen darstellen, unterminieren wir nicht die Größe und das Katastrophale der eigentlichen Klimakrise, sondern zeigen: Schau mal, auch das gibt es noch.«
Tim Holland
Der Krise mit Humor zu begegnen, sei einerseits eine Art der Notwehr, »weil die Krisen ja schon so groß, übergroß sind, die können einen erschlagen. Sie sind unhandlich, man bekommt sie nicht zu fassen«. Andererseits können Verdichtung, Zuspitzung und der Registerwechsel von einem ernsten in ein freies Sprechen, so sind Magdalena Schrefel und Tim Holland überzeugt, das Thema auch auf andere Art erfahrbar machen. Weil Lachen dazu führe, dass Menschen »ihren inneren Rollladen öffnen« und mit mehr Offenheit und Empathie auf die Dinge blicken, erschließen sich auch neue Räume für den Dialog, die Begegnung, das Miteinander.
»Wenn die Gegenwartsdiagnose ist, dass alles anfängt, auseinanderzuklaffen und das dazu führt, dass wir unsere Gegenwart als krisenhaft wahrnehmen, dann ist logischerweise das Mittel, das so ein Text zur Verfügung hat, zu sagen: Wir bringen wieder etwas zusammen. Wir schreiben in Verbindung und Verbundenheit.«
Magdalena Schrefel
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Tim Holland und Magdalena Schrefel © privat -
Tim Holland und Magdalena Schrefel © privat