Welche Rolle nimmt Literatur in der Gesellschaft ein, wenn Medien durch politische und finanzielle Mittel beeinflusst werden? Leben wir tatsächlich in einer Welt, in der alle Informationen jederzeit erhältlich sind? Wie wichtig sind moralische Werte für die Entstehung von Literatur? Und kann Kunst und Literatur lebensnotwendig sein?
Diesen und weiteren Fragen widmen sich der Schriftsteller Daniel Wisser in seinem Essay »Die Literatur ist immer da« und die Autorin, Performancekünstlerin und Kunsthistorikerin Neva Lukić in ihrem semi-fiktionalen Text »Der Fluss, der nirgendwo ist« im Rahmen ihres gemeinsamen Literaturdialoge-Projekts.
Gemeinsame Blicke, zwei Texte
Wie Daniel Wisser im Gespräch erzählt, habe er Neva Lukić 2023 im Rahmen eines Literaturfestivals im ›Writers’ House of Georgia‹ in Tiflis kennen gelernt. Dieser Aufenthalt sei für ihn nicht nur eine Möglichkeit gewesen, mit verschiedenen Sprachen in Berührung zu kommen, sondern auch mit unterschiedlichen politischen Blicken auf die Welt in Kontakt zu treten. Für ihn sei die Zusammenarbeit mit Neva Lukić besonders interessant gewesen, da sie sowohl in ihrer Geburtsstadt Zagreb als auch in Belgrad wohne. Durch diese zwei Lebensmittelpunkte überwinde sie »mit ihrer Person die Grenze zwischen zwei Staaten, die ja auch einmal ein paar Jahrzehnte lang ein Staat waren« und bringe dadurch besondere Einblicke und Ideen mit.
Während Neva Lukić bereits mehrmals mit anderen Künstler*innen in literarische Dialoge getreten sei – hierbei nennt sie etwa den 2016 in Kooperation mit Sara Rajaei entstandenen experimentellen Kurzfilm »The Motel in the Well« –, sei die Zusammenarbeit mit Daniel Wisser dennoch etwas Neues gewesen. Zwar würden sie ähnliche Perspektiven auf aktuelle politische Situation teilen, dennoch hätten sie zwei getrennte Texte geschrieben. Durch den Austausch der beiden habe Daniel Wisser, wie er erzählt, auch viel über die jüngste Protestbewegung in Serbien erfahren – Informationen, die nur schwer in österreichischen Medien zu bekommen seien. Ihm sei dadurch bewusst geworden, dass dem Blick von »außen« auf die EU bei uns nur selten Beachtung geschenkt werde.
Die Bedeutung des Buchs
Ausgehend von Heinrich Manns Essayband »Mut« setzt sich Daniel Wisser in seinem Text »Die Literatur ist immer da« mit der Bedeutung von Literatur vor allem im Medium des Buchs in der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage und den Auswirkungen digitaler Medien auseinander. Heinrich Mann habe sich, so Daniel Wisser, bereits früh mit den Auswirkungen der NS-Diktatur auf die Literatur und Fragen der Demokratie beschäftigt. Dessen Beobachtungen hätten ihn selbst an die heutige Zeit erinnert, denn: »Die Menschen kommen schon drauf, was da passiert, aber sehr spät.« Das Thema der Ausschreibung und die Frage nach der Notwendigkeit von Literatur in einer demokratischen Gesellschaft habe er umkehren und vielmehr der Frage nachgehen wollen, was passiere, wenn es Literatur nicht mehr gäbe.
»Wo können Menschen in 25 Jahren, die wissen möchten, wie das Alltagsleben 2026 aussah, genau das erfahren? Ich bin mir relativ sicher, dass sie das am besten in der Literatur erfahren. Und damit meine ich eben nicht in der Presse und damit meine ich nicht in Netflix-Serien, sondern wirklich in der Literatur, der geschriebenen fiktionalen Literatur.«
Daniel Wisser
Können wir digitalen Medien vertrauen?
Die literarische Auseinandersetzung mit dieser Thematik beschäftige Daniel Wisser bereits seit vielen Jahren. Bei der ›Revue der Entpörung‹ – einem Literaturfestival, organisiert von der Initiative mitSprache im letzten Jahr, mit dem Ziel, sich der aktuellen Debatten- und Empörungskultur entgegenzustellen – habe er beispielsweise einen Text mit dem Titel »Die Sprache der Oligarchie« vorgetragen. Während er darin »die jetzigen politischen Vorgänge, die die Sprache in der Presse und der Literatur beeinflussen«, thematisiert habe, gehe es nun vielmehr darum, wie Schriftsteller*innen ihre Autonomie erhalten können. »Also wie sie trotzdem das schreiben können, was sie schreiben möchten und ob sie das können.« Eine Gefahr sehe er im Bereich der Online-Kultur und des Journalismus, die durch politischen Druck und finanzielle Abhängigkeiten manipulierbar seien. Die Steuerung des Marktes sei für große Medienhäuser und Konzerne wie beispielsweise Amazon, die zugleich als Händler und Produzent auftreten würden, somit leicht möglich. Auch die vermeintliche »Allerhältlichkeit« von Informationen im Netz sehe er als nicht wahrhaftig an und vielmehr als eine Form von Manipulation. Gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz werde dieser Effekt noch weiter verstärkt:
»Das, was verschwindet, verschwindet aus bestimmten Gründen und ich glaube im Zeitalter der KI wird dieser Effekt multipliziert. Bestimmte Dinge werden millionenfach kopiert, andere Dinge gar nicht. Es wird definitiv verzerrt.«
Und die Literatur?
»Die Literatur ist dann bald in der Lage, in der sie nun einmal in Diktaturen ist, dass sie marginalisiert, wenn nicht gar verbrannt wird. Und trotzdem bin ich der Meinung und mir sicher, dass sie immer geschrieben wird.«
Kunst und die Maslowsche Pyramide
Neva Lukićs Text »Der Fluss, der nirgendwo ist« sei, wie sie es selbst beschreibt, »a combination of a travelogue, an essay, an (auto)biographical piece and a memoir.«
In Anlehnung an die Idee der Maslowschen Bedürfnispyramide habe die Autorin an der Thematik der Literaturdialoge-Ausschreibung u.a. zwei zentrale Punkte interessiert: »Can art somehow also be at the bottom of the pyramid? Can it be necessary for survival?«
In den Mittelpunkt ihres Textes stellt sie den Band »Bijeg od knjig« (»Die Flucht vor dem Buch«) – eine Sammlung von autobiografischen Notizen und Essays ihres Urgroßvaters, dem kroatischen Literaturhistoriker Antun Barac, die dieser während seiner Inhaftierung in den Ustaša-Lagern von Jasenovac und Stara Gradiška von November 1941 bis Mai 1942 verfasst habe. Die Auseinandersetzung damit sei eine Möglichkeit gewesen, in einen Dialog mit den Texten ihres Urgroßvaters zu treten, seine Worte in ihren eigenen Text zu verweben und gleichzeitig Orte zu entdecken, an denen er gelebt habe oder inhaftiert gewesen sei. Wie Neva Lukić in ihrer Projekteinreichung erklärt, habe er sich »für die Gestaltung der kroatischen (und jugoslawischen) Literatur« eingesetzt und – wie im Vorwort des Essaybandes stehe – nach »Wahrheit und Authentizität des künstlerischen Werks« gestrebt. Während seiner Inhaftierung habe er heimlich verfasste Aufzeichnung an Aufsehern vorbeigeschmuggelt und diese versteckt.
»Like the long-dried crusts of bread that he also kept in his pockets, these crumbs of paper seemed almost like manna necessary for survival, the illuminators of the darkest days.«
Neva Lukić
Einen wichtigen Aspekt nimmt in ihrer Auseinandersetzung mit dem Essayband die Frage nach moralischen Werten bei der Entstehung von Literatur ein. Während Barac in seinem einleitenden Essay Literatur und Autor*innen während der Zeit des Unabhängigen Staates Kroatien (NDH) – von April 1941 bis Mai 1945 – betrachtet habe, die er durch vermehrte staatliche Subventionen moralisch beeinflusst und von »leerer Rhetorik« geprägt gesehen habe, blicke sie wiederum auf das heutige Europa, das zunehmend von ideologischer Polarisierung beeinflusst werde.
»I wanted to establish a dialogue with Barac’s writings from the perspective of the third decade of the twenty-first century, shaped by the market-driven cultural production; crises of values, memories and responsibility – the time in which literature is confronted with new forms of conformity, silence and compromise.«
Neva Lukić
Der Fluss Save
Eine besondere Bedeutung nimmt auch der Save Fluss (Sava) ein, der durch eine Reihe von ehemaligen jugoslawischen Ländern – Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien – fließt. Wie Neva Lukić erklärt, sei er Verbindung und Grenze zugleich, »it is a river that connects history and the present«. Auf einer persönlichen Ebene stelle die Save für sie aufgrund der räumlichen Nähe eine Verbindung zu ihrem Urgroßvater dar: So habe er von seinem Haus ebenso wie aus dem Konzentrationslager Stara Gradiška einen Blick auf den Fluss gehabt, und auch ihre Wohnung in Zagreb befinde sich in der Nähe des Flusses. Auf einer historischen und geografischen Ebene diene die Save bereits seit Jahrhunderten als Grenzziehung; im 18. Jahrhundert habe sie etwa die Grenze zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich gebildet. Heute fungiere sie immer noch als Grenze zwischen zwei Orten und Ländern – Stara Gradiška in Kroatien und Bosanska Gradiška in Serbien. »So, on the one hand, it is a connector, and on the other, a divider – but in any case, it is unavoidable.«
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Daniel Wisser ©ÖGfL -
Neva Lukić ©Sandro Lendler