Welchen Einfluss kann Literatur auf das Weltbild von Jugendlichen haben? Bewegen wir uns immer weiter weg vom Literarischen, hin zum Visuellen?
Und welche Rolle kann Literatur einnehmen, wenn Diktaturen die Freiheit des Denkens, des Schaffens und der Meinungsäußerung einschränken? Warum ist dabei der Widerstand so bedeutend?
Diesen Fragen gehen der in Österreich und Japan lebende Schriftsteller und Übersetzer Leopold Federmair und der in Valencia lebende Journalist und Autor Paco Cerdà in ihren beiden Texten im Rahmen der diesjährigen Literaturdialoge-Ausschreibung auf den Grund. Während Leopold Federmair sich mit »Tagwandler« für einen literarischen Text entschieden hat, widmet sich Paco Cerdà in seinem Essay »Nachtwandler« realen Ereignissen.
Literatur als Erinnerungsstütze
Leopold Federmair, der zahlreiche Werke aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt hat – so nun auch Paco Cerdàs Text »Nachtwandler« –, stehe in ständigem Austausch mit spanischen Autor*innen und Übersetzer*innen, wie er in unserem Gespräch erzählt. So sei er auf Paco Cerdà gestoßen, der ihm aufgrund seiner Arbeit über die Zeit der Diktatur in Spanien als idealer Projektpartner für die Thematik der Ausschreibung »Warum braucht Demokratie Literatur?« erschienen sei.
Wie Paco Cerdà betont, sei die literarische Zusammenarbeit an diesem Projekt für ihn eine gute Möglichkeit, Literatur als eine Art Erinnerungsstütze zu festigen:
»If the past never really passes but always travels with us, it serves as a spur, reminding us, through a kind of critical discomfort, where we have gone wrong as a society. Perhaps, at a time when democracies around the world are in danger, literature can be a way of placing memory directly before our eyes.«
Paco Cerdà
Ideenfindung
Während Paco Cerdà mit seinem Text an ein für die Ausschreibung passendes, bereits vorhandenes Projekt anknüpfen habe können, sei Leopold Federmair lange Zeit unschlüssig gewesen, wie er seinen eigenen Text angehen solle. Als Inspiration gedient hätten schlussendlich seine Erinnerungen an Reisen in die DDR während seiner Studienzeit, im Zuge welcher er damals eine andere Art des Umgangs mit Literatur kennengelernt habe; so wären beispielsweise entgegen der Unterdrückung der Machthaber geheime Lesungen organisiert worden. »Für mich war Demokratie das Normale. ich bin in einer Demokratie aufgewachsen und diesen Unterschied irgendwie sinnbildlich zu machen, das war die Idee hinter dem Text.«
Dennoch schreibe der Autor Prosatexte meist ohne genauen Plan, der Reiz bestehe für ihn vielmehr im Schreiben ins Unbekannte hinein.
»Der Text bekommt im Laufe der Zeit eine Form. Das Erste das da ist, ist meistens der Ton, eine bestimmte Bildlichkeit. Und das ist mir bei solchen Texten auch wichtig. Wenn ich das nicht habe – einen Ton und Anfangsbilder –, dann kann ich nicht so richtig anfangen.«
Leopold Federmair
Für »Tagwandler« sei dieser erste Ton Ernst Jandls Gedicht »wien: heldenplatz« gewesen, in welchem sich Jandl kritisch mit dem Nationalsozialismus und der österreichischen Opferthese auseinandersetzt. Seinen eigenen Text habe er zwar nicht in Jandls Sprachstil geschrieben, jedoch dessen spielerische Art übernommen. Im Zentrum von »Tagwandler« stehen ein Deutschlehrer, der seinen Schülern Literatur näherbringen möchte, und ein Schüler, der im Unterricht heraussticht. Er ist der Einzige, der sich tatsächlich mit den in der Klasse vorgestellten Texten auseinanderzusetzen scheint.
Federmair spricht in seinem literarischen Beitrag nicht nur die vermeintliche Bewegung junger Leute weg von literarischen Texten, hin zu visueller Kunst an – so zeigt auch dieser Schüler ein großes Interesse an Graffiti Kunst –, sondern widmet sich ebenso dem Thema der Verwendung von KI in Schulen und wie dies zu Problemen führen kann. Wie Leopold Federmair erläutert, sehe er mit der Digitalisierung eine Gefahr des Totalitarismus einhergehen, »dass alle gezwungen werden, nur noch digital zu denken«. Die Literatur habe in diesen Zeiten hingegen die Aufgabe, das Analoge, das Reale gegenüber dem Virtuellen aufrecht zu halten.
»Die Schlafwandler von Madrid«
Paco Cerdà widmet sich in seinem literarischen Essay »Nachtwandler« einer Gruppe von Intellektuellen, die während der Franco-Diktatur – in den Monaten nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs – beschlossen hätten, eine Literaturzeitschrift zusammenzustellen. Diese hätten sie auf der Flucht, eingesperrt in der chilenischen Botschaft in Madrid, in den Nächten geschrieben.
Gestoßen sei er auf diese Geschichte im Zuge einer Reise nach Santiago de Chile, bei der er einen Band mit den gesammelten Ausgaben eben dieser Zeitschrift entdeckt habe. 30 Wochen lang – von November 1939 bis Juni 1940 – seien die Männer in der Botschaft eingeschlossen gewesen und hätten in der Literatur ihre Hoffnung und Kraft gefunden. Wie Cerdà erläutert, sehe er darin eine Geschichte über Idealisten, die trotz Todesangst geschrieben hätten. Er sei fasziniert von der Fähigkeit, inmitten des Grauens Schönheit zu erschaffen – als eine Form der Würde und zugleich als eine Möglichkeit, die eigene geistige Integrität zu bewahren.
»Anyone who dares to trivialise the role of art in an individual’s life or in the life of a society needs only look to this example. It is important to know about the quixotic figures who, in every age, have kept the flame of idealism alive. Certainly, it is essential to understand the price paid for rebellion. But we must also understand the price paid for silence.«
Paco Cerdà
Cerdàs Herangehensweise an Texte bestehe meist aus viel Recherche- und Vorarbeit, so habe er etwa bereits zuvor zu diesem Thema publiziert. Mit seinem Text versuche er nun aufzuzeigen, »what happens when the bloody repression of a dictatorship seeks to muzzle freedom of thought, creation and expression, and how important resistance is.«
-
Leopold Federmair ©ÖGfL -
Paco Cerdà ©Jeosm
Paco Cerdàs Text kann hier im spanischsprachigen Original gelesen werden: