A topic maybe too big for a text message
Die Wiesen des Campus vor meinem Fenster sind von weißem, hartem Schnee bedeckt. Das Fenster reicht von der Höhe des Weges, der direkt vor meinem Büro vorbeiführt, bis zur Decke. Vorher hat hier im Souterrain eine Professorin gearbeitet, die viele der Writers in Residence vor mir betreut hat – das Programm gibt es bereits seit 1986 –, aber jetzt radikal in Pension gegangen ist. Das Büro war leer bis auf ein Riesenposter an der Tür, das in 80er-Jahre-Hochglanz einen Felsenweg in Deutschland zeigte. Es sei sehr schäbig gewesen, hat jemand beim End-Semester-Lunch im Oaks gesagt, ich aber habe mich in dem Büro sofort wohlgefühlt.
In den ersten Tagen wanderte ich öfters durch das sandfarbene Backsteingebäude und entdeckte so den James-Baldwin-Raum – James Baldwin hatte Ende der 1970er-Jahre an der Bowling Green State University erst geschrieben und dann ein Trimester unterrichtet. Weil andere Lehrende hier in der Shatzel Hall oft ihre Türen offen stehen lassen, stellte ich mich gerne vor: »Hi, I’m Rosemary, I’m the new writer in residence.« Man beschwert sich in Wien ja gerne, die US-Amerikaner*innen tun nur so, als ob, die meinen das ja gar nicht so, aber mir hob die herzliche Freundlichkeit dieser kurzen Begegnungen, »so happy to hear«, die Stimmung, mein Lächeln fühlte sich an, als öffne sich etwas in mir, »thank you so much«.
Facebook, 13. September 2025
Seit gestern habe ich eine US-Telefonnummer, seit Montag eine Social Security Number, seit Dienstag einen Checking Account mit kostenloser Debitkarte; die ID von der BGSU steckt schon länger in meiner Brieftasche, die Karte swipe ich mal da, mal dort, zum Beispiel beim Drucker in der Shatzel Hall, so heißt das Gebäude, in dem das Department of World Languages and Cultures untergebracht ist, in dessen German Program ich Creative Writing unterrichte und in dem sich mein wunderbares, eben frisch ausgemaltes Büro befindet – vier Schlüssel habe ich für allerlei Räume in Shatzel, die mir »across from the airport« in einem kleinen, mit der Hand beschrifteten, orangefarbenen Kuvert übergeben wurden, rund um das Gebäude ein großer Parkplatz und rund um den Parkplatz Felder. Diese Weite hier, kaum dass ich die Gegend, die ich Stadt nenne, verlasse. Am Abend erzählt mir Zainab auf der Veranda ihre Idee für eine Geschichte, die ich schreiben könnte. Zainab ist vor fünf Jahren aus Indien in die USA gekommen, aber ihre Geschichte handelt von Menschen in Bowling Green, Ohio.
Auf dem Campus sehe ich Studierende, die mit ihrer Gender-Expression spielen. Die Menschen, die ich treffe, sind herzlich, interessiert, wissen viel über Europa, auch über Österreich. Ich hätte die Nachrichten heute lieber nicht gelesen. Die Kommentare auf FB. Ich bleibe lieber noch ein wenig in meiner Kleinstadt- und Uniwelt. Vielleicht ist das Eskapismus. Aber auch das hier ist ein Teil der USA, wenn auch ein sehr kleiner und wenn auch mein Blick noch sehr eingeschränkt ist.
Es ist leider wirklich nicht leicht, ohne Auto wo hinzukommen. Wobei es am Vormittag sogar einen Bus von Bowling Green nach Toledo, der nächstgrößeren Stadt, gäbe, der Bus zurück geht dann schon am frühen Nachmittag. Aber ich bin etwas faul geworden. Zu Beginn habe ich Jason von der Bicycle Safety Commission, von dem ich mir eine Einführung in das Radfahren in Bowling Green geben ließ, noch gefragt, ob er da- und dorthin mit dem Rad fahre. Und ich bin auch tatsächlich zu einem doch recht weit entfernten Supermarkt, Meijer, geradelt. Der Weg war aufregend, der Himmel atemberaubend, die Weite, als ich den Kern der Stadt verließ und auf der Autobahnbrücke fuhr, auf der es auch einen Radstreifen gab, die Felder. Ich hatte aber schon so oft gehört, wie gefährlich das Radfahren hier nicht sei, dass ich Angst bekam, teils tatsächlich auf den Gehsteig auswich, obwohl ich, wie Jason mir empfohlen hatte, auf den Straßen recht mittig fuhr. Dazu überfiel mich am Fahrrad manchmal eine Unvorsichtigkeit, eine Nachlässigkeit, wie ich sie in Wien selbst in autofreien Grätzln nicht kannte. Ich musste mich regelrecht zurechtweisen, mir sagen, auf den Verkehr aufzupassen, du bist hier nicht alleine.
Diese Gleichgültigkeit schlich sich manchmal auch in anderen Situationen ein. Als ginge mich das alles hier nichts an. Es war nicht mein Land, es war nicht meine Stadt, es war nur ein vorübergehendes Leben. Dieses Gefühl hätte Freiheit bedeuten können. Keine Angst, weniger Hemmungen als sonst. Aber es fühlte sich nicht nach Freiheit an, die Gleichgültigkeit war im Gegenteil beängstigend, ein graues, schleimiges Gefühl, dem ich kaum aktiv etwas entgegensetzen konnte, aber es verging auch immer wieder recht schnell.
Und dann die Leichtigkeit, das pure Glück. Das Licht, immer wieder das Licht, wie tief weiß die Wolken hängen, wie nah der Himmel ist, die unglaublichen Sonnenuntergänge. Angeregt unterhalten sich die Zikaden miteinander, vielleicht reden sie auch mit mir.
Facebook, 7. Oktober, 2025
Heute regnet es mal, aber es ist noch immer sehr warm, die letzten Tage war es tatsächlich heiß, ein unendlicher Nachsommer, den ich noch immer genieße, wenn er auch langsam unheimlich wird, es ist doch schon Anfang Oktober. In den Gebäuden ist es hingegen oft so kalt, dass ich manchmal zögere, bevor ich eines betrete. Der Tag wird gerne ausgesperrt – in den meisten Räumen sind die Rollos weit heruntergelassen, künstliches Licht erhellt den Raum.
Der Honeymoon ist vorbei, hätte ich noch vor ein paar Tagen geschrieben. Statt mich weiter im Flow treiben zu lassen, sperrte sich immer wieder etwas in mir, verwendete ich mein near statt dem passenden close, hörte wieder Nuscheln statt Wörter und Sätze und wollte mich nicht so much bedanken, entschuldigen oder etwas enjoyen. Die künstlichen Gerüche, die überall sind, verwirrten meine Sinne, sogar die organic Binden sind stark parfümiert.
Und das überall (an)gepriesene Streben nach Erfolg, »Nothing is impossible if you work hard enough«, die unglaublich reichen Menschen, über die ich in der New York Times lese, die ich mir jetzt auch mal gekauft habe; die anderen, die sich jetzt wieder ihre Krankenversicherung nicht leisten können; die vielen Obdachlosen in den Städten habe ich noch nicht gesehen. Die – auch in meiner unmittelbaren Umgebung –, die Angst haben, verhaftet oder/und aus dem Land geschmissen zu werden, nicht mehr zurück in die USA zu können, keinen Job zu bekommen, Angst davor, dass ihr Visum nicht verlängert wird.
Trumps Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York habe ich fast in voller Länge gehört, weil ich endlich mal Radio hören wollte und dafür einen Regionalsender im Internet auf live geschaltet habe, und während ich mich bei Yoga und Übungen für den Rücken zu entspannen versuchte, hörte ich zum ersten Mal Trump zu, der dann auch Österreich in seiner Tirade erwähnte.
Perspektivenwechsel. So wie wir es im Creative-Writing-Kurs gemacht haben, die Studenten haben es genossen, und die Texte, die dadurch entstanden sind, waren sehr spannend, auch für mich.
Sich wieder einlassen auf das, was fremd, was ungewohnt ist, ohne das Politische auszublenden. Anders als in den ersten Wochen, aber doch.
Denn es ist noch immer und immer wieder faszinierend zu erleben, wie unterschiedlich vieles gestaltet werden kann – ein Gemeinplatz, könnte man sagen, aber hier und dort ist vieles, so wie es ist, einfach so selbstverständlich, dass einem oft gar nicht in den Sinn zu kommen scheint, dass es auch anders sein könnte. Und sei es auch nur das Format von Papier – als ich zum ersten Mal etwas ausdrucke, staune ich: Die Blätter sind etwas breiter, dafür kürzer als A4; auch das, was darauf geschrieben steht, wirkt dadurch verändert, weicher vielleicht, zugänglicher.
Auf der Bank werde ich mit Vornamen begrüßt (of course!).
Die Gedichte, die ich höre, sind prosaischer.
Und dann doch wieder das große Bild:
In der Abschlussrede einer Konferenz wird der indigenen Gruppen gedacht, die dieses Land hier, the Black Swamp, früher bewohnt haben. Auch im Programmheft des kleinen Theaters findet sich ein Land Acknowledgement Statement.
Ich übe jetzt die Midwestern-Aussprache von walleye (Zander).
Die letzten Tage in Wien. Noch einmal alles checken. Noch dies und jenes erledigen. Es war lange nicht sicher gewesen, ob ich es überhaupt in die USA schaffen würde. Die Interviewtermine für Visa waren auf eine unbestimmte Zeit hin ausgesetzt gewesen; dann das Öffentlich-Stellen aller Social Media-Accounts. Damit ich nur ja nicht vergaß, in welches Land ich mich da aufmachen wollte, versorgten mich Bekannte zuverlässig mit den neuesten Meldungen darüber, was Donald Trump dekretiert oder Elon Musk verfügt hatte. Die Horrorgeschichten über die Grenzkontrolle! Aber dann war es so einfach gewesen: Rose, mein Host, war noch da, obwohl ich ihr keine Nachricht hatte schreiben können, wartete auf mich, gleichzeitig mit meinem Flieger aus Paris war einer mit vielen chinesischen Studierenden angekommen, die alle vor mir in der Schlange vor den Grenzschaltern standen und ihre Papiere herzeigten, und ich musste keine Frage beantworten, für deren Antwort ich mich später vielleicht geschämt hätte, keine Wut unterdrücken, und keine Empörung.
Wir sind in die dunkle Stadt hineingefahren, Rose, ihre Schwester und ich. Eine feuchte Wärme, ein seltsam würziger Geruch, der nur mir auffiel.
Und schon am Tag darauf, obwohl ich dachte, ich bräuchte ein paar Tage um anzukommen, und dann der Jetlag, aber schon den Tag darauf traf ich mich mit Edgar, der mir in strahlendem Sonnenschein den weiten, grünen Campus zeigte, und ich strahlte, auch wenn Edgar sagte, ich würde mich so viel beschweren, aber worüber beklagte ich mich denn? Ich war so dankbar, hier sein zu dürfen, so froh darüber, eingeladen worden zu sein, fast vier Monate hier schreiben zu können, ein Semester lang einen Creative-Writing-Kurs zu leiten, ohne dass ich mich um die Organisation kümmern musste, und dazu ein regelmäßiger Pay Check.
Die erste Zeit in Bowling Green flossen die Wörter, die Sätze aus mir heraus wie zu meinen besten Schreibzeiten – so einfach konnte es sein, so viel Glück konnte das Schreiben bedeuten. Die drei Studierenden in meinem Kurs – wie begeistert sie sich über ihre Blätter beugten, wie sie die Ausschnitte aus meiner letzten Veröffentlichung, dem Jugendbuch Rote Zitronen, lasen, wie wir einen Dialog ins Englische übersetzten, wie wir die Dialoge auf Englisch und Deutsch in Szene setzten, wie viele Anregungen ich für das Stück, basierend auf Rote Zitronen, mitnahm, an dem ich arbeitete.
Ich versuchte alles zu besuchen, was mir die Newsletter und Flyer anpriesen, tanzte am Black Swamp Festival mit den Leuten vom Spanish Program, las Obamas The promised land.
Facebook, 10. November 2025
Was selbstverständlich wird. Woran ich noch immer scheitere. Was mich noch immer staunen lässt.
Zum Beispiel hat fast jede Person, die bei den Creative-Writing-Events liest, so viel Welt, so viel Geschichte in sich – wie sie sich bewegt, wie sie auftritt –, dass ich gerne über jede schreiben würde. Viele der Studierenden haben Ohio angeblich noch nie verlassen.
Bowling Green wäre mir schon genug. Es gibt auch noch immer so vieles, das ich nicht getan habe. Es war aber so viel anderes die letzte Zeit.
Die paar Tage in Cincinnati, wo ich an der Uni gelesen habe. Als wäre es eine harte Landung in einer US-amerikanischen Realität gewesen – nicht die Lesung, alles rundherum –, der ich in meinem beschaulichen Bowling Green nicht begegne (das ich als beschaulich erlebe, weil ich eben keiner food insecurity ausgesetzt bin, über die ich in den BG News lese und die durch den Government Shutdown verstärkt wird). Die Widersprüche, die auch mein Leben in Österreich – anders, aber doch – prägen, erlebte ich in Cincinnati viel stärker, auch weil ich keine Hintergründe kenne, so vieles nicht verstehe, teils sehr konkret nicht verstehe, wie den Mann am Busbahnhof, der kaum Zähne im Mund hatte. Die trockene Zimtschnecke um acht Dollar habe ich dann aber doch gekauft.
Und 99 Luftballons auf Deutsch zu sechst im Karaoke-Club; Imagine mit Zainab und Ubaid auf der Veranda; sich mit Lindsay in der überfüllten Bar zu Halloween darüber wundern, dass wir auch in Österreich gerne »Take me home … West Virginia« brüllen (West Virginia ein Nachbarbundesstaat Ohios). Die Kostüme zu Halloween – ob die Federkrone eines Native American Chiefs wirklich noch in die Zeit passt?
Diwali feiern, Sachertorte backen. Zu viert auf der Männertoilette, um uns C.s Text anzuhören; schreiben, und wenn ich mir in Shatzel Hall einen Kaffee hole, sitzen dort oft dieselben vier Studenten und zeichnen japanische Schriftzeichen.
Als ich in der Stadt an der Grenze zu Kentucky durch OTR (Over-the-Rhine) spazierte, fragte ich mich, warum eigentlich alle nur darüber sprechen, dass sich Stadtzentren aufgrund der globalen Ketten mittlerweile alle gleichen würden, wenn sich doch auch die gentrifizierten Grätzl zum Verwechseln ähnlich sehen (und die Ketten hier auch nicht im Zentrum sind). Noch vor zwanzig Jahren galt OTR in Cincinnati als eine der gefährlichsten Gegenden der USA. »Was wäre die Alternative?«, fragt auch die Professorin an der Uni, als ich beim Kaffee von meinen Eindrücken erzähle. An der Uni lese ich in einem hellen Raum vor deckenhohen Fenstern, ein fantastischer Ausblick auf die Stadt, hier ist alles gut.
In den USA habe ich angefangen, auf die Hautfarbe zu achten. Und ich schäme mich dafür. Ich weiß doch, dass diesen Unterscheidungen politische und soziale Konstrukte zugrunde liegen. Also schreibe ich auf FB nicht, dass in der langen Schlange in OTR für ein kostenloses Halloween-Kostüm vor allem People of Color anstehen. Dass im Bus außer mir nur eine andere weiße Person mitfährt. Dass die Stimmung im Bus etwas von existentiellem Kampf an sich hat, niemand lächelt hier, und ich umklammere meinen Rucksack, dabei lässt man mich, die etwas verloren wirkende weiße Ausländerin, umsonst mitfahren. Natürlich gibt es auch viele Weiße in den USA, die damit kämpfen, über die Runden zu kommen. Aber ich treffe in Bowling Green niemanden derer, die für ein kostenloses Thanksgiving-Dinner dankbar sind. Es gebe, wird mir beim Kaffee gesagt, ein gutes Social-Welfare-Programm in Cincinnati, wo 30 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, eine der höchsten Anteile in den USA. In Wien lebe ich beim Praterstern, wo jeden Abend Suppe ausgegeben wird. Aber hier in den USA trifft mich so vieles ins Mark, weil ich nicht verstehe, warum die Frau – wenn auch in stabiler Seitenlage – auf der Straße liegt, ob es richtig ist, die Rettung zu rufen, wer weiß, ob die Frau Papiere hat oder ob sie das Krankenhaus mit einem riesigen Schuldenberg verlässt.
Ich hatte gerade erst Toni Morrisons Beloved gelesen, das in Cincinnati spielt und eindrücklich über die Folgen der Sklaverei erzählt. Das Underground Railroad Freedom Center erinnert an das Netzwerk weißer und Schwarzer Menschen, das entflohenen Sklavinnen und Sklaven half, in für sie sichere Gebiete zu entkommen. Ich war nicht darauf gefasst, dass sich beim Spazierengehen durch die Straßen der Stadt am Ohio River Bilder der Vergangenheit von der Gegenwart zu bestärken schienen. Ich würde Rassismus fortführen, Klischees verstärken, schriebe ich auf FB etwas über den äußeren Eindruck. Die Segregation ist aber Realität, und sie aus Angst, Stereotypen zu reproduzieren, nicht anzusprechen, ist ebenso eine Art von Rassismus.
Ich ringe auch mit den Antworten auf die Text-Nachrichten aus Österreich, in denen nach der politischen Situation gefragt wird, nach den konkreten Auswirkungen der Trump-Präsidentschaft vor Ort. Meist antworte ich mit Anekdoten. Dass beim lateinamerikanischen Fest, bei dem ich für die Organisation meiner Hosts am Infostand stehe, nur wenige mitgetanzt haben, weil sie wegen der ICE-Razzien Angst hatten, das Haus zu verlassen. Dort in der großen Halle spricht darüber niemand, ich erfahre es aus der Online-Zeitung. Bei einer meiner Lesungen nimmt eine Uni-Angehörige – nach entsprechender Aufforderung – ihre eine Wertung enthaltende Frage an mich zurück; indirekt wird dabei auf die Senate Bill 1 verwiesen, die institutional neutrality garantieren soll – ein Gesetz des Bundesstaates Ohio.
Aber dann frage ich mich, ob ich die Bilder von der Holiday Parade, am Samstag vor Thanksgiving, posten soll. »Zainab with our candy bag« kommt mir mittlerweile zu naiv vor, aber gleichzeitig ist es auch genau so gewesen, mit Zainab und den anderen übermütig werden – die anderen dabei solche, die hier in Bowling Green geboren wurden und sich z. B. für die Rechte von Mieter*innen und bezahlbaren Wohnraum einsetzen, aber auch Menschen, die erst vor Kurzem ins Land gekommen sind und versuchen, sich hier ein Leben aufzubauen, was gerade immer schwieriger wird; die einen, die dem American Way of Life, der hier gerade gefeiert wird, kritisch gegenüberstehen, die anderen, die ihn bejubeln. Natürlich spielen Marching Bands, Twirling-Gruppen werfen Stöcke in die Luft. An Ständen werden kostenlos Warmgetränke ausgeschenkt und Kekse verteilt. Es gibt so viele Organisationen, die das Leben in Bowling Green tatsächlich besser zu machen versuchen. Aber winkend im Pferdeschlitten gleitet auch die republikanische Abgeordnete im Senat von Ohio vorbei, die auf Social Media Zweifel am Wahlausgang 2020 geschürt hat.
Ein paar Tage, bevor mich Rose zum Flughafen in Detroit bringt, feiern wir im Haus eine Indian-Austrian-Ohioan Party, ich bereite Glühwein vor und backe Guglhupf.
Die Facebook-Posts gebe ich nur für Freund*innen frei.
Facebook, 15. Dezember 2025
Seit drei Tagen zurück in Wien.
Im Raucherkammerl am Flughafen erwidern die anderen Rauchenden mein breites Lächeln mit grantiger Abwehr.
Der Trafikant erzählt mir vom Wintereinbruch in Ohio, »kurz vor Thanksgiving«, und ich muss kurz einmal nachdenken, ob das denn so stimmt.
Are you ready to go home?, wurde ich die letzten Tage in Bowling Green oft gefragt.
Wrapping up – that’s what they call it.
I will miss the short distances, my Creative Writing class, my office, Shatzel Hall, the feeling of community, but most of all I will miss all the people who made me feel welcome, who showed me around, from whom I learned a lot, who made this time so special.
Und ja, ich war dann bereit. »You are all set,« they would say at the checkout.
Wrapping up. Und wie nennt man es, wenn man ankommt und alles wieder auspackt, sich wieder ausbreitet in all dem, was doch sehr vertraut zu sein scheint, aber schon auch eine Anstrengung verlangt, weil es eben doch noch nicht die Selbstverständlichkeit von vor vier Monaten hat?
Rosemarie Poiarkov war von August bis Dezember 2025 Writer in Residence an der Bowling Green State University in Ohio.