Ein Loch im Pflaster
Am Vortag hatte ich im Literaturhaus in Stuttgart gelesen und diskutiert, jetzt stieg ich in München aus dem nur leicht verspäteten ICE. Während der Fahrt hatte die App der deutschen Bahn alle Viertelstunden zwischen »Ihr Anschluss kann voraussichtlich nicht erreicht werden« und »Ihr Anschluss kann voraussichtlich erreicht werden. Steigen Sie rasch um.« oszilliert. Dementsprechend angespannt traf ich in München ein, der Anschluss konnte noch leicht erreicht werden. Ich hatte sogar Zeit, eine Breze zu kaufen. »Eine Salzbreze, bitte! Nein, doch eine Pfefferbreze«, der Verkäufer hatte wegen meiner Umentscheidung sein Gesicht leicht verzogen, die Salzbreze wieder zurückgelegt und eine mit Pfeffer in den Papiersack gelegt. Bis zur tschechischen Grenze war der Regionalexpress 25 unangenehm voll, danach hatte ich genug Platz, um mein Lesemanuskript für meine Performance in Prag auszubreiten und die technischen Anmerkungen einzutragen, die mir bei der Aufführung und der Bedienung meines Musikinstruments helfen sollten.
Als ich im Cafe Punctum eintraf, war schon der Soundcheck für die ebenfalls auftretende Band im Gang. Lautes Schlagzeug, Bass und Gesang machten die Verhandlungen schwierig, wer welchen Tisch verwenden sollte, wie die Projektion der ins Tschechische übersetzten Texte am besten zu meiner Lesung synchronisiert werden könnte, ob ich den Notenständer des Performanceduos Montenegro-Fisher ausborgen dürfte, was das beste Bier im Lokal wäre, ob ich auch einen Kugelschreiber mit dem Aufdruck »Píší poezii« haben wollte, welche Auftrittsreihenfolge die beste wäre und wann ich irgendein Formular unterschreiben könnte. Die Vorbereitungen dauerten bis knapp vor Veranstaltungsbeginn, der internationale Abend des Festivals ›Den Poezie‹ wurde dennoch pünktlich begonnen. Abgesehen von meiner Performance zu meinem aktuellen Buch »verbrenner« standen Poesie auf Walisisch und Englisch, das Duo Luna Montenegro und Adrian Fisher, die ich bereits von einem Festival aus Paris kannte, und ein Prager Slam-Poet auf dem Programm. Die Band spielte dazwischen und zum Abschluss Postrock mit eigenen Texten sowie Gedichten von Helmut Heissenbüttel und Ernst Jandl, wie sie zwischendurch auf Englisch ankündigten. Ich bemühte mich zu erraten, welches Gedicht von Jandl sie vertonten, meine kaum vorhandenen Tschechischkenntnisse verunmöglichten das jedoch und selbst die nachfolgende Aufklärung des Rätsels verstand ich akustisch nicht.
Nach den Auftritten standen wir in wechselnden Gruppen zusammen, redeten, tranken Biere, lobten gegenseitig unsere Auftritte, planten nie zu realisierende Projekte und Zusammenarbeiten und wechselten, als die Punctum-Betreiber das grelle Deckenlicht einschalteten um die Bühne aufzuräumen, in ein benachbartes Lokal. Dort durfte wie in den Neunzigerjahren noch geraucht werden, oder es durfte nicht geraucht werden, aber niemand hielt sich an das Verbot. Nicht alles war jedoch so ungeregelt. Als Luna Montenegro auf dem verstimmten Pianino zu spielen begann, wurde sie nach nur ein paar Akkorden vom Mann hinter der Bar zurückgepfiffen. Sein Pfiff war über die laute Musik aus der Anlage mehr als deutlich zu hören. Danach war er wieder freundlich und verbesserte meine fehlerhafte Aussprache der irischen Whiskymarke (oder besser Whiskeymarke?) mit einem Lächeln zu »Dsche-mäh-son«. Nach einem Glas davon bestellte ich wieder Bier, das konnte ich sogar auf Tschechisch einigermaßen richtig aussprechen.
Nach einem längeren Frühstück in der an den Franziskanergarten angrenzenden Gästewohnung des Österreichischen Kulturforums wollte ich das Denkmal für Jan Palach besuchen und dann weiter zum Bahnhof gehen. Ich hatte mir das schon auf der Fahrt von Stuttgart nach Prag vorgenommen. Für mein Buch »verbrenner« hatte ich mehrere Kapitel über die Protestform der Selbstverbrennung geschrieben. Der Text über den Studenten Jan Palach, der aus Verzweiflung und Widerstand gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings am oberen Ende des Wenzelsplatzes zuerst einen Atemzug aus einer Flasche mit Äther machte, sich mit Benzin übergoß und anzündete, war mir beim Schreiben besonders nahe gegangen. Ich hatte mir auf der Zugfahrt nach Prag vorgestellt, dass ich Blumen niederlegen könnte. Zum Gedenken an seinen Protest, als Ehrerbietung und Dank dafür, dass ich seine Geschichte in meinem Buch verwendet hatte. Ich kaufte an diesem Sonntag dann doch keine Blumen, um sie auf den belebten Platz zu legen, es war mir zu pathetisch vorgekommen, aber vielleicht würde ich einfach vor dem Mahnmal stehen und an Jan Palach denken? »Die Ehre, das erste Los zu ziehen, ist mir zugefallen. Damit erwarb ich das Recht, den ersten Brief zu schreiben und die erste Fackel zu entzünden«, schrieb Jan Palach in seinem Abschiedsbrief. Neun weitere junge Menschen sollten seinem Beispiel folgen. 1989 legte eine Demonstrantin ein Herz aus Papier auf den Wenzelsplatz mit der Aufschrift: »Es tut mir leid, Jan, dass es zwanzig Jahre gedauert hat.« An diese Zeilen würde ich denken und wieder genauso betroffen sein wie letztes Jahr, als ich sie gelesen und in mein Buch übernommen hatte.
Der Wenzelsplatz war eine große Baustelle, Bauzäune versperrten an vielen Stellen den Weg, selbst am oberen Ende beim Nationalmuseum war der Boden aufgerissen. Dort, wo ich der Karte nach die Position des Denkmals vermutete, war ein Loch. Das Kopfsteinpflaster war entfernt worden, nur Erde war zu sehen. Nach einer hektischen Suche im Netz – mein Zug nach Wien würde in weniger als einer halben Stunde abfahren – war ich mir sicher: Ich war am richtigen Ort. Die Fotos auf Wikipedia zeigten den gleichen Blick, die gleiche Perspektive. Nur statt des in den Boden eingelassenen schwarzen Kreuzes war hier ein Loch. Nirgendwo ein Hinweis. Nichts. Außer mir waren hier nur Touristen und Bauarbeiter. Die zu fragen wäre sinnlos gewesen. Enttäuscht und betrübt ging ich zum Bahnhof. Im Zug las ich auf meinem Handy nach, dass das Denkmal wegen der Bauarbeiten entfernt worden war, niemand schien zu wissen, ob und wann es wieder an den ursprünglichen Ort zurückkehren würde. Obwohl schon das erste Denkmal nicht an der eigentlich geplanten Stelle errichtet wurde – es hätte sich dort befinden sollen, wo Jan Palach zusammengebrochen war, da hatte sich aber schon damals die Straße befunden.
Jörg Piringer nahm am 25. November 2025 beim Festival ›Den Poezie / Tag der Poesie‹ in Prag teil und las dort aus seinem aktuellen Buch »verbrenner« (Ritter).