Von Schwanenschnäbeln und querenden Wolken
Das Wort, das meinen Zustand während der Lesereise durch die Städte Shanghai, Xi’an und Peking am besten beschreibt – Euphorie.
Zuvor verbanden mich in erster Linie fiktionale Welten mit China. Die Literatur von Mo Yan oder Can Xue, Gao Xingjian und Liu Cixin, aber auch die Bilder und Plots chinesischer Fernsehserien wie Cupid’s Kitchen und Her.
Diesen Räumen war ich im Voraus zugetan und der Zwölfstundenflug trug mich nun ins reale China. Der Auftrag: Einblick in meine Prosa geben. Wegen einer thematischen Vorgabe musste ich einen Text auswählen, den ich vor mehr als sechs Jahren geschrieben habe. Damit war ich nicht besonders glücklich.
Die Leiterin des Österreich-Zentrums in Shanghai holt mich ab. Unsere ersten Gespräche schrauben sich bald in ein überdrehtes Lachen ob meiner digitalen Un-Nativeness. Hier wird alles digital erledigt. Nur das Handy zählt, eine Geldbörse braucht kein Mensch mehr. Bisschen unheimlich ist das.
Ich werde zum Hotel am Campus Fudan geführt und danach in ein wunderbares Restaurant. Die ersten Gerichte einer unendlich ausgedehnten Essenskultur stehen auf dem Tisch. Anfang Dezember und wir sitzen im Freien. Ich borge mir Sonnencreme aus und surfe auf einer Osmanthus-getränkten Welle ins Unbekannte.
Später schlendern wir durch den Lu Xun Park, in dem sich Senioren und Seniorinnen zum gemeinsamen Singen treffen. Sie rühren mich – die Gesichter, die Stimmen. Alter hat Wert und darf sich öffentlich als Gemeinschaft zeigen.
Am nächsten Tag treffe ich eine weitere Mitarbeiterin des Österreich-Zentrums und die Übersetzerin meines vorzutragenden Texts. Wir besuchen die gigantische Mensa der Fudan Uni (natürlich gibt es noch eine zweite, größere) und flanieren durch die Halle entlang einer endlosen Zahl an Speiseangeboten. Dann über die Rolltreppe hoch in den zweiten Stock. Ich soll wählen – Hmm, gerne Suppe mit Teigtaschen und frischen Kräutern!
Essens-High. Was ist los mit mir? Bin ich glücklich?
Am nächsten Tag Stadt-Spaziergänge, Museen und die erste Lesung mit anschließender Fragerunde. Ich muss meine Literatur nicht verteidigen, sondern vielmehr nur entblättern.
Natürlich will ich in diesem Bericht keine Tagesabläufe beschreiben. Oder die Hochhäuser Shanghais. Oder das umwerfende Long Museum für zeitgenössische Kunst. Oder die Didi-Fahrten (chinesisches Uber). Oder die unaufhörlichen Reihen identisch wirkender 30-stöckiger Wohnbauten außerhalb von und in Xi’an.
Ja, ich bin inzwischen nach einem zweistündigen Flug in Xi’an gelandet und stehe vor den Pforten des Campus der XISU, Universität für Internationale Studien.
Zu jeder Zeit und an jedem Ort werde ich pünktlich abgeholt und herzlich empfangen. Diesmal von einer Doktoratsstudentin. Beim Kontakt mit den Menschen empfinde ich kaum trennende Schichten. Irgendwie verschränken sich unsere Augen in unterschwelligem Einverständnis.
Meine Lesung findet an einem langgezogenen ovalen Konferenztisch statt. Der Professor führt ein. Ich sehe, wie wichtig ihm die Student*innen sind, dass der Bezug zueinander von erfrischender Ernsthaftigkeit getragen wird. Und so sind auch die Fragen dieser jungen Menschen an mich von bohrendem Tiefgang. Sie durchleuchten, und doch stellt der Seeskorpion aus dem Devon-Zeitalter, der bei meinem Text eine wichtige Rolle spielt, keine größere Hürde dar. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Bilderwelt, die ich entwickle, aufgenommen wird, ist ungewohnt. Vielleicht liegt der fiktionale Raum meiner Prosa den Menschen hier näher als jenen an meinem Geburtsort?
Ja, ich fühle mich wenig fremd in China. Trotz der Schriftzeichen, die für mich nur abstrakt und bewundernswert sind, trotz und wegen der Geschichte, trotz und wegen der Politik, trotz dieser schieren Größen und Dimensionen, die mein Hirn nicht begreifen kann …
Dimensionen wie die der Ausgrabungen der Terrakotta-Armee unweit Xi’ans.
Qín Shǐhuángdì, der erste Kaiser Chinas, ließ sich vor über 2200 Jahren ein unvergleichlich großes Mausoleum erbauen – im Glauben, seine Seele würde nach dem Tod dort weiterexistieren. Mehr als 700.000 Männer mussten dafür schuften, viele davon waren Sklaven oder Zwangsarbeiter. Teil der Anlage sind auch geschätzte 8.000 überlebensgroße Figuren aus Terrakotta. Diese Soldaten sollten die Seele des Kaisers bewachen.
Das Mausoleum selbst kann nicht ausgegraben werden, denn der Herrscher ließ den Jangtse-Fluss und die Ozeane aus Quecksilber nachbilden. Das Erdreich darf also nicht durchwühlt und dadurch alles Umliegende kontaminiert werden. Wie weit Fiktion durch die Jahrtausende reicht und faktisch fühlbar bleibt!
Ich bin müde von den Besichtigungen, Gesprächen, der totalen Reizüberflutung, aber die Euphorie trägt mich weiter. Nach einem neuerlichen Flug lande ich in Peking und treffe schließlich mit der Organisatorin der Reise und mit der zweiten geladenen Autorin zusammen. Sie habe ich zuvor in Wien kennengelernt. Ihre Lesereise begann in Chengdu und Guangzhou.
Abends lesen wir gemeinsam in der Galerie 798. Danach köstliche Snacks und delikater Tee. Ein junger Österreicher spielt auf einer Ziehharmonika.
Unruhiger Schlaf. Aufstehen und – hopp, weiter zur BFSU Pekinger Fremdsprachenuniversität für eine Lesung beim Übersetzer*innen-Workshop, wo unsere Texte zerpflückt und verschiedene Versionen auf Chinesisch präsentiert werden. Es wird über Gewichtungen bei der Übersetzungsarbeit gesprochen, über Unterschiede in den zwei Sprachen, den Umstand, dass im Chinesischen das Bild im Wort anders verankert ist. Hier geht es ans Eingemachte. Hier wird wirklich nachgedacht, was Sprache ausmacht, wie weit ein einzelnes Wort ausgedeutet werden kann, bis zu welchem Grad unsere Sprachen unser Bewusstsein geprägt haben. Und wieder herrscht diese respektvolle Nähe zwischen den zwei Professorinnen und den Studierenden.
Wenige Stunden später an der Renmin Universität im Fremdspracheninstitut. Bei der Lesung meiner Kollegin schließe ich die Augen und habe das Gefühl, ich könne die Leerstellen zwischen den Begriffen erkunden.
Am nächsten Vormittag stehen wir mit zwei jungen Studentinnen auf der Mauer bei Badaling. Es ist kalt und windig. Unser Fahrer hat uns vorsorglich Gewand seiner Frau mitgegeben, das er zufällig im Kofferraum hatte. Würde das ein Fahrer in Österreich jemals tun?
Es ist schön, hier oben zu gehen. Aber natürlich auch menschlicher Wahnsinn! Was für ein Arbeitsaufwand über Jahrhunderte hin. Die Sonne lacht über dieser Wehreinrichtung, über dieser Grenzsetzung in der weichen Berglandschaft. Sie lacht auf beide Seiten herab. Dass die Mauer von der ISS aus mit freiem Auge sichtbar sei, stimmt nicht.
Und der alte und neue Sommerpalast? Die wollen wir auch noch besuchen. Der neue Sommerpalast thront am Hang nächst einem Wasserkörper im Erholungs- und Friedensgarten. Schwarze Schwäne mit rot-weiß gebänderten Schnäbeln durchpflügen den See. Wǒ shì àodìlì rén – ich bin ein österreichisches Wesen ist und bleibt die einzige Phrase, die ich, außer Xièxiè für Danke, gelernt habe.
Der Tag vor dem Rückflug. Die Veranstaltung findet an der PKU, Universität Peking, statt. Auf dem Campus stehen Monumente aus dem Gelände des alten Sommerpalasts. Neben einer 10-Meter Huabiao-Säule, auf der ein Denglong, Sohn des Drachengotts, wacht, erfahre ich von einer Studentin, wie hart die Aufnahmebedingungen an den Unis sind, wie in der Unterstufe der Gymnasien bereits um gute Noten gekämpft wird.
Für diese letzte Lesung im großen Hörsaal ist der Rahmen förmlicher als zuvor. Neben Lehrenden und Studierenden ist auch die Direktorin des österreichischen Kulturforums Peking anwesend.
Während wir vor einer riesigen himmelblauen Leinwand lesen, werden in schwarzen Lettern Ausschnitte unserer Texte projiziert.
Der Umstand, dass wir uns in einem Raumzeit-Kontinuum befinden, innerhalb dessen sich durch Worte neue Erzählräume und -zeiten entfalten lassen, und dass sich Menschen rund um den Globus in diese fiktionalen Welten ein- und ausloggen können, wirkt mit einem Mal gespenstisch auf mich.
Mir ist kalt vor Erschöpfung. Ich schwebe aus meinem Körper hinaus, drifte im Klang meiner Stimme und dann in der chinesischen Version meines Texts. Die Übersetzerin liest viel besser als ich. Sie trifft die Emotion haarscharf. Ich schwebe durchs Dach und hin zur Huabiao-Säule im Park. Ein Drache schlängelt sich an der Säule hoch, weit oben wird sie von einer Wolke durchdrungen. An diesem monumentalen Wegweiser bleibe ich hängen. Zwischen mythischen Wesen bin auch ich nichts als Fiktion.
Ines Birkhan war auf Einladung des ÖKF Peking von 30. November bis 9. Dezember 2025 in China, mit Aufenthalten u.a. in Shanghai, Xi’an und Peking.