CAPTURED CARDS REGISTER
Ich hatte fünf Stunden geschlafen, es war kurz vor Mittag, in Wien war es vier Stunden früher und sehr viel kälter. Ja, es gab noch Frühstück, in der Bäckerei des Punjab Club, wo man unbeirrt alles Britische als den Kulturstandard schlechthin versteht, leider auch beim Frühstück. Ich war in Lahore, in wenigen Stunden begann das Literaturfestival. Und ich hatte kein Geld. Mir war geraten worden, während des Zwischenstopps ein wenig Geld zu wechseln, aber Kurs und Kommission in dem blinkenden Luxuseinkaufszentrum von Abu Dhabi, das Zayed International Airport heißt, waren dermaßen unverschämt, dass ich diesen Halsabschneidern nicht einen Cent geben wollte. Und nun stand ich Mitte Februar vor einem Swimmingpool, umgeben von Palmen, es war mild, ich trug Shirt und Sakko, die riesigen schwarzen Vögel, die wie kleine Adler aussahen, aber schwarze Milane waren, krächzten laut und flogen tief, vor der Wiese stand ein Schild mit einem Pfeil, auf dem LAWN stand. Ich hatte einen kleinen Container mit der Aufschrift ATM gesehen, ich betrat ihn, steckte meine Karte in den Automaten — er schluckte sie umstandslos. Gleich darauf kam ein Zettel aus dem Automaten, auf dem stand: Your card has been retained. Jetzt hatte ich nicht nur kein Geld, sondern auch keine Karte mehr. Ich versuchte mich dem nächsten Angestellten verständlich zu machen; er griff nach seinem Telefon. Jemand von der Bank, hörte ich nach einer Weile, werde in den nächsten anderthalb Stunden kommen, die Karte aus dem Automaten holen und mir geben, dafür müsse ich allerdings persönlich anwesend sein. Das ging nicht, ich musste zur Eröffnung des Festivals, natürlich zu Fuß — und jetzt nicht mehr nur, weil ich gehen wollte. Ich betrat einen Park, da war eine kleine Moschee, dann kam schon der riesige Polo Club, in dem man auch reiten lernen konnte, ich kam an einen kleinen Teich, verließ den Park, hielt an der Straße, die ich nun entlangging, so gut wie möglich den Atem an und betrat einen weiteren Park. Vor ein paar Jahren war ich bei meinem ersten Spaziergang in Delhi von Affen attackiert worden, weil sie ihre Kleinen schützen wollten, die ich hatte fotografieren wollen; dergleichen schien es hier nicht zu geben. Ich war das interessante Tierchen: Menschen drehten sich nach mir um, blickten mir hinterher, junge Männer kicherten, tuschelten und deuteten in meine Richtung, ältere hielten die Hand übers Herz und nickten mir zu, Beherztere fragten mich, woher ich sei, Väter schickten ihre Kinder vor, die gern Hallo sagen würden. Als ich den Park verließ, war ich an einer großen mehrspurigen Straße, über die alles fuhr, was Räder hatte. Die Luft war unerträglich; ein paar Stunden am Wiener Gürtel zu stehen, war gesünder. (Als ich ein paar Tage später einer pakistanischen Studentin sagte, da könne man genauso gut eine Schachtel Marlboro rauchen, erzählte sie mir von einer Studie, die herausgefunden habe, dass ein Tag in Lahore in etwa einer bis anderthalb Schachteln gerauchter Zigaretten entspreche. Außerdem hörte ich, dass die Luft gerade sehr gut sei, weil es an den Tagen zuvor geregnet hatte.) Tatsächlich ging außer mir so gut wie niemand neben der Straße; vor den Parks waren Unmengen an Autos und Motorrädern geparkt, Taxis und Rikschas warteten. Ich musste die Straße überqueren, mich auf die Zwischeninsel retten, dann war ich auf dem Areal des Alhamra Arts Center. Viel Security, viele Soldaten, Taschenkontrollen und Metalldetektoren am Eingang — immerhin ging es um Literatur. Es gab Food Trucks und Wiesen, riesige Transparente, Informationsstände, Kameras und Kamerateams, es wuselte vor Menschen. In Halle 1 fand die Eröffnungsveranstaltung statt, an riesigen Buchständen vorbei kam ich in ein steil ansteigendes, großes Auditorium. Unten auf der Bühne wurden letzte Vorkehrungen getroffen, ich setzte mich weit oben seitlich ins Auditorium und sah mich um. Sehr viele Menschen hatten bereits Platz genommen, als ich bemerkte, dass unten auf der Bühne eine riesige dreiteilige Leinwand stand, ein Triptychon, über dessen beide äußeren Seiten Fotos von den Autorinnen und Autoren liefen, die an dem Festival teilnahmen. Es wäre schön, dachte ich, wenn ich auch zu sehe wäre. Immerhin waren sehr viele Autorinnen und Autoren von überallher gekommen, viele davon viel bekannter als ich. Nun stellte sich heraus, dass vielleicht acht davon auserkoren worden waren, deren Bilder sich in Endlosschleife abwechselten. Ich hatte keine Ahnung, wer oder was meine ausgesucht hatte, aber ich kannte sie: das eine hatte meine Freundin von mir in Venedig gemacht, das andere war von Rapid-TV, als ich in Schönbrunn interviewt worden war, und dann lief da noch eine Videosequenz, in der ich redete und gestikulierte, aus einem YouTube-Video. Ich ließ mich immer weiter nach hinten sinken, das Festival begann mit der Nationalhymne, die live gespielt wurde. Endlich hatte der Fotospuk ein Ende! Hatte er nicht: Auch während die Menschen standen und lauthals und ergriffen, viele, vor allem Männer, mit der Hand über dem Herzen, von der Schönheit und Größe Pakistans sangen, war mein Gesicht zu sehen, stand ich im Tiergarten Schönbrunn, gestikulierte ich mit den Händen, stand über den Bildern in riesigen Lettern mein Name. Begrüßung, Eröffnungsrede, Diskussion — ich war alle Minuten auf der Leinwand zu sehen und bemerkte die Blicke der Menschen, die um mich herum saßen. Als das Lahore Literary Festival 2025 eröffnet war, schlich ich nach draußen. Ich war ungemein durstig. Neben einem Food Truck hatte ich einen Kleinbus mit einem ATM gesehen und versuchte, an ihm kontaktlos Geld abzuheben: erfolglos. Ums Eck sollte man Geld wechseln können, ich ging los, versuchte, so wenig wie möglich zu atmen und nicht überfahren zu werden, versuchte mein Glück in zwei Banken, niemand wechselte Euro. Zurück auf dem Campus fragte ich einen jungen Mann und eine junge Frau, die Festivalpässe um den Hals trugen, ob sie mir helfen könnten. Natürlich, sagte der junge Mann, was ich denn wolle, er kaufe mir alles, vielleicht auch eine Pizza?, die sei sehr gut. Ich wollte nur Wasser, ich brauchte Wasser. Ob es mir im Grünen Raum nicht gefalle? Ich wusste nichts von einem Grünen Raum, in dem ich kurz darauf mit einem Festivalpass saß, und in dem es zu essen und zu trinken gab. Ich aß und trank und plauderte ein wenig und machte mich wieder zum Punjab Club auf. Auch auf dem Rückweg kam ich an Tausenden von Menschen vorbei und war der einzige Weiße. An der Rezeption teilte man mir mit, dass jemand von der Bank hier gewesen sei, mich aber nicht angetroffen und deshalb meine Karte wieder mitgenommen habe, weshalb er — es war Freitag — am Montag wieder komme, jetzt sei Wochenende. Wenig später saß ich mit einer englischen Schriftstellerin und ihrem griechischen Mann in einem Wagen, der uns zur abendlichen Eröffnungsfeier bringen sollte. Ich erzählte die Geschichte meiner Karte, woraufhin der Mann die gleiche Geschichte erzählte, nur mit dem Unterschied, dass er seine Karte zurückbekommen hatte, weshalb er mir 6000 pakistanische Rupien reichte. Das Abendessen fand auf einer sogenannten »Farm« statt, ein beleuchteter Swimmingpool voller Rosenblätter, üppige Vegetation, Tische mit bodenlangen weißen Tischtüchern und riesigen Blumensträußen darauf, Buffets und zahllose Bedienstete, greller Luxus, mindestens 999 Nächte. Und jedes Mal, wenn ich mich vorstellen wollte, sagte mein Gegenüber, ja, er oder sie wisse, wer ich sei, ich sei ja ständig zu sehen gewesen, riesig, auf dieser Leinwand. Das Festival hatte begonnen; es sollte wunderbar werden.
Am Dienstag, nicht am Montag, kam dann, nachdem es alle halbe Stunden geheißen hatte, in einer halben Stunde komme jemand von der Bank, tatsächlich ein junger Mann von der Bank und übergab mir meine Karte, nachdem ich auf einem zerknitterten A4-Zettel zu unterschreiben versucht hatte. Die Spalte für die Unterschrift war die mit Abstand schmalste; mit sehr kleinen Buchstaben konnte ich meine Initialen hinterlassen. Auf dem Zettel stand CAPTURED CARDS REGISTER.
Clemens Berger nahm auf Einladung der Österreichischen Botschaft Islamabad von 21. bis 23. Februar 2025 am Internationalen Literaturfestival in Lahore teil und trat in diesem Rahmen bei zwei Panels auf: ›Art, Rebellion and Subversion: Does Money Matter?‹ am 22. Februar sowie ›Art of the Play‹ am 23. Februar.