Der Schlafnebel
Früh am Morgen habe ich mich in einer Ecke eines Frühstücklokals verkrochen und herunterfallende Trockenfleischbrösel genascht. Auf Kinder ist Verlass. Der beste Futterregen geht immer von ihren tollpatschigen Mündern aus. Nach der letzten Nacht kommt mir das sehr gelegen. Zwar gehören Nahtoderfahrungen mehr oder minder zu meinem Alltag, doch meine gestrige Quote kann sich wirklich sehen lassen: Fünf Schlapfen-Hieben und elf Auto- und Motorrollerreifen bin ich ausgewichen, zwei hungrigen Geckos, die sich hinterrücks an mich herangeschlichen haben, bin ich gerade noch entkommen, und einen hysterischen Angriff der sonst sehr freundlichen Nudelsuppendame habe ich ebenso erfolgreich überlebt. Das soll mal einer verstehen: Tagsüber lässt sie Kuhdarm in der Sonne trocknen, damit ich auch etwas Nahrhaftes zum Essen bekomme, abends wird sie bei meinem Anblick mordlustig und schlägt mit ihrem Gehstock um sich. Verstehe einer die Menschen, ich tu es jedenfalls nicht.
Von meiner Mutter weiß ich, dass sie eine waghalsige gewesen ist. Eine mutige. Hochschwanger ist sie in eine Ananaskuchenfabrik eingestiegen und hat sich dort auf die noch nicht verschweißte Backware gestürzt. Eine ordentliche Ecke soll sie schon verspeist haben, bevor ein Angestellter sie entdeckt und notdürftig mit einer Fliegenklatsche verscheucht hat. Sie ist auf den Boden gesprungen und hat mit emsig laufenden Beinchen und hektisch fuchtelnden Antennen die Spalte gesucht, durch welche sie in die Fabrik gekommen ist. Doch der Geruch der Ananaskuchen ist so betörend gewesen, dass es sie wieder zurück zu den Backwaren verschlagen hat. Einen letzten Krümel soll sie am Boden verspeist haben, dann ist der Angestellte mit seinem Schuh auf sie gestiegen. Die Wucht soll ihren Panzer mit einem ohrenbetäubenden Knacksen gebrochen und sie ins Jenseits befördert haben.
Der Fabrik hat sie aber ein kleines Geschenk hinterlassen – ein Eipaket um genau zu sein. Meine Geschwister und ich sind mit dem Ananaskuchen aufgewachsen, der unserer Mutter das Leben gekostet hat. Lange bin ich nicht geblieben. Kaum war ich geschlechtsreif, habe ich die Beine in die Hand genommen und bin in die nächstgrößere Stadt gelaufen. Der Ananaskuchen hat mich nicht glücklich gemacht. Meine Geschwister habe ich nie wieder gesehen – angeblich hat der Schlafnebel sie geholt.
Nachdem ich satt aus dem Frühstücklokal getreten bin, habe ich einen ungemein lebhaften Artgenossen getroffen. Mit aufgespreizten Flügeln hat er mir erzählt, dass er aus einem Labor geflüchtet sei. Zwar hat es dort immer genug zu essen gegeben, aber sie haben ihm einen Chip auf dem Panzer befestigt und ihn mittels Impulsen gesteuert. Ekelhaft sei das gewesen, hat er gemeint. Nichts geschah mehr nach seinem Willen. Er musste so laufen, wie der Chip es ihm befohlen hat. Wie er ihm das befohlen hat, das hat er nicht durchschaut, aber dass er dem Chip gefolgt ist, war ihm klar. Auf Hügel, durch Geröll, ins Wasser – überall hin ist er geschickt worden. Nur nicht dorthin, wo er hinwollte. Das ist ein mickriges Leben gewesen. Gestern ist er aus dem Labor ausgebrochen, ist eine Nacht lang durchgelaufen und hat mich getroffen. Welch ein Glück.
Wir haben uns verliebt. Innerhalb weniger Sekunden. Wir haben unsere Antennen ineinander verschränkt und haben vor Freude im Kreis getanzt, wenn wir etwas Gutes zum Essen gefunden haben. Anlass hat es genug gegeben. Vor einem Meeresfrüchte-Restaurant sind wir auf zahlreich weggeworfene Zahnseide-Sticks gestoßen – auf ihnen die besten Shrimps- und Garnelen-Fasern, die wir jemals gegessen haben. Als uns der Durst in die Toilette des Restaurants getrieben hat, gleich der nächste Jackpot: In Taiwan ist es oft noch üblich, das benutzte Klopapier in einen kleinen Kübel neben der Klobrille zu werfen. Meist hat dieser Kübel leider einen Deckel, aber den, den wir entdeckt haben, der hat keinen gehabt. Mit Genuss sind wir hineingekrabbelt und haben die duftenden Exkrementenreste vom Klopapier genascht, haben zwischendrin wieder unsere Antennen ineinander verkeilt und uns gegenseitig mit lieblichen Küssen den Kaviar des Kübels zugeführt.
Doch unsere Liebe ist nur von kurzer Dauer gewesen. Als der Morgen gedämmert hat, ist mit ihm der Schlafnebel gekommen. Blitzschnell trübt er die Sicht, trübt die Sinne, und man verspürt urplötzlich das Bedürfnis, sich auf den Rücken zu legen und sich fortzuträumen. »Weg von hier«, habe ich angstvoll gerufen, doch seine Antennen haben sich schon verlangsamt, sind zu zackigen, unbeholfenen Bewegungen verkommen; ich wollte ihn noch aus dem Kübel zerren, doch er hat sich auf den Rücken gelegt und mit sanfter Stimme geflüstert: »Da ist ein riesiger Ananaskuchen«. Dann ist er eingeschlafen.
Kurz hat mich ein Heißhungergefühl überkommen; nichts hätte schmackhafter sein können, als einen Bissen von seinen kräftigen Beinchen oder Flügel zu machen, doch der immer dichter werdende Nebel hat mich in letzter Sekunde von diesem köstlichen Gedanken abgelenkt. Ich bin aus dem Klo, durch das Restaurant, auf die Straße, wo meine Artgenossen aus allen Nischen und Ritzen gekrochen sind. Betäubt, benommen, ihre Antennen orientierungslos. Zu Hunderten haben sie sich auf den Rücken gelegt und ihre Beine ausgestreckt. Ich bin gelaufen, so schnell ich konnte. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Zufrieden habe ich festgestellt, dass ich mein Eipaket schon längst abgelegt hatte, und bin erschöpft von einer Bordsteinkante gestürzt. In Rückenlage ist es mir unmöglich gewesen, mich wieder aufzurichten; so sehr ich mit meinen Beinen gezappelt habe, mehr als ein klägliches Wippen ist mir nicht mehr gelungen.
Der Schlafnebel hat mich umzingelt. Keinen Zentimeter weit habe ich gesehen. Er hat sich zu einem undurchdringlichen Weiß verdichtet, an dessen Ende ein riesiger Ananaskuchen zu liegen schien. Ich habe mich geschlagen gegeben und mir vorgestellt, wie ich mein Gesicht tief in den Ananaskuchen versenke. Habe mir vorgestellt, dass mir der Ananaskuchen schmecken würde. Dieses eine Mal. Träumen wird wohl noch erlaubt sein, so habe ich gedacht.
Dann bin ich eingeschlafen.
Im Zeitraum von 16. April – 1. Mai 2025 befand sich Jimmy Brainless mit seinem Roman »Im Schein der Pfütze« auf Lesereise in Taiwan. Insgesamt acht Buchpräsentationen fanden in den Städten Tainan, Kaohsiung und Taipeh statt.