Ein Hauch von Karthago
Der schnellste Weg von Leibnitz nach Tunis führt über das Café Elefant. Dieses heißt bekanntlich deshalb so, weil Hannibal einst mit seinem Heer durch Leibnitz gezogen sein und einen seiner Elefanten hier zurückgelassen haben soll. Ob sich dieser frühe Fall von »Dereliktion« (Aussetzen eines Haustiers) nun tatsächlich auf diese Weise zugetragen hat oder nicht – Fakt ist: Dank dieser Anekdote weht mir jedes Mal, wenn ich das Café Elefant auf dem Leibnitzer Hauptplatz betrete, ein Hauch von Karthago entgegen. Mag sein, dass das südliche Flair, das meinem Wohnort gerne angedichtet wird (und dichten heißt: »die Wahrheit sagen«), ja genau darin besteht: in diesem karthagischen Anflug, halb Geschichte, halb G’schicht‘l, der den südsteirischen Kleinstadtraum über so manche, mitunter auch geistige Enge (man denke etwa an die neuen Machtverhältnisse im Gemeinderat) hinaus ins Märchenhaft-Mediterrane, ja, -Afrikanische hinein erweitert.
Als ich nun Mitte März erstmals im wirklichen Karthago stand – genauer gesagt: in den Ruinen der einstigen phönizischen Weltstadt, die im gleichnamigen Vorort von Tunis zu besichtigen sind –, stellte sich umgekehrt freilich nicht unbedingt das Flair des Leibnitzer Hauptplatzes ein. Im Gegenteil. Statt der geschäftigen Aufregung eines südsteirischen Marktmorgens herrschte hier, auf den Hügeln am Rande von Tunis, von denen aus man nicht nur die halbe tunesische Hauptstadt, sondern (gefühlt) auch das halbe Mittelmeer überblickt, eine geradezu erhabene Ruhe: Unzählige unbekannte Vogelstimmen, ein milder Wind, in dem all die gelben Blumen, die zwischen den ockerfarbenen Steinblöcken wuchsen, sanft hin und her wogen. Weiter unten am Hang, bei den Überresten eines Turms oder Tempels, weideten Schafe und Ziegen. Das Blau des Himmels, des Meeres. Von hier aus haben Hannibals Vorfahren jahrhundertelang das Mittelmeer beherrscht. Dass ihr Thron schon lang verlassen ist, nimmt ihm nichts von seiner Majestät.
Mein französischer Kollege Laurent Gounelle und ich verweilten insgesamt nicht mehr als eine knappe Stunde in Karthago. Dennoch verließen wir das Ausgrabungsfeld, wie wir uns auf dem Weg zurück zum Parkplatz beide gegenseitig erzählten, gestärkt, ja, sogar ein bisschen verwandelt. Mag sein, dass uns einfach nur die frische Luft außerhalb der Millionenstadt Tunis gutgetan hatte. Und die Stille, die sich so sehr vom »Treffen tunesischer und europäischer Schriftsteller[*innen]« unterschied, das aus einer atemberaubenden Fülle informativer Besichtigungen, intensiver Begegnungen und interessanter Podiumsdiskussionen bestand. Oder lag es doch an etwas anderem? Im Gegensatz zu so manchen »Kraftplätzen« in der Steiermark, die meist nicht mehr als die verzweifelten Anstrengungen Grazer Unternehmensberater vermitteln, strahlte dieser Ort hier – dank seiner einzigartigen Lage, seiner einzigartigen Geschichte – ja tatsächlich etwas aus, das man gerne mit »Kraft« oder gar »Magie« übersetzen würde. War ein bisschen etwas von diesem halb geographischen, halb historischen Lokalcharisma auf uns übergegangen? Hatte sich ein Fünkchen des Abglanzes einstiger Macht an unsere Fersen geheftet?
Wer weiß. Mir jedenfalls gefielen solche Vorstellungen. Wohin auch immer ich in Zukunft käme, fantasierte ich im Taxi, er würde um mich wehen: ein Hauch von Weite, von Süden, ein Hauch von Karthago … Nicht nur hier in Tunis, auch zu Hause in Leibnitz. Und dort nicht nur im Café Elefant, sondern auch anderswo. Im Marenzi-Park zum Beispiel. In der Schmiedgasse. Und sogar im Rathaus.
Essen für den Weltfrieden
Als Schriftsteller ist mir das Fasten nicht fremd. Keine Sorge, ich möchte hier kein Klagelied über Hungerkünstler, arme Poeten oder die jüngsten Kürzungsopfer diverser vom Rechtspopulismus verblendeter Landesregierungen anstimmen. Vielmehr geht es mir darum, ganz nüchtern (!) gewisse unvermeidliche Herausforderungen der literaturbetrieblichen Praxis festzuhalten. Denn allzu oft lässt es sich einfach nicht vermeiden, dass ein Lesereisetag nach folgendem Schema abläuft: acht Stunden Zugfahrt, kein Speisewagen, keine Zeit einzukaufen, vor der Lesung will man nichts essen, nach der Lesung hat nichts mehr offen, und am Ende liegt man im Hotelbett, knabbert die sieben Erdnüsschen aus der Minibar und träumt vom Frühstück (oft nicht in den Spesen inkludiert).
Nachdem ich erfahren hatte, dass das Schriftsteller*innen-Treffen in Tunis, zu dem ich eingeladen war, in die Zeit des Ramadan, der muslimischen Fastenzeit (keine Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme von Sonnenauf- bis untergang), fallen würde, verfiel ich, weil eben lesereisengeprüft, keineswegs in Panik. Dennoch schien es mir angebracht, gewisse Erkundigungen einzuholen. Die abendlichen Podiumsdiskussionen, sah ich etwa auf den provisorischen Plänen, sollten um 21:30 beginnen – um diese Zeit schließen in Graz neuerdings die letzten Küchen. Die Sonne hingegen würde in Tunis Mitte März um 06:25 aufgehen, sprich: fünf Minuten, bevor im Hotel Carlton üblicherweise (also wohl außerhalb des Ramadan) das Frühstück serviert wurde. Aus diesem Stundenplan zog ich meine Schlüsse – und packte drei Packungen Studentenfutter (eine für jeden Abend) in meinen Koffer. Es konnte nicht schaden, sie dabeizuhaben.
Auch auf der Hinfahrt, die rasch vonstattenging (Tunis liegt, wenn ich die Dauer einiger jüngerer Lesereisen miteinander vergleiche, von Leibnitz ungefähr gleich weit entfernt wie Salzburg und um ein gutes Stück näher als Jena oder gar Dornbirn), wappnete ich mich für die kommende Zeit der Entbehrung. Anders gesagt: Ich versuchte, mir einen gewissen (zusätzlichen) Speckpolster anzuessen. Morgens frühstückte ich die doppelte Portion Haferbrei, am Flughafen Graz-Thalerhof schob ich ein Bonus-Kipfel ein, und in München, der letzten Station vor Afrika, gönnte ich mir eine Art Proteinpalatschinke: veggie, aber fett und saftig. Ein alter Hase zu sein, dachte ich, im Flugzeug satt vor mich hindösend, hat seine Vorteile. Man mag zwar ein paar Pölsterchen mit sich herumschleppen, dafür aber ist man den Umständen immer einen Schritt voraus …
Tunis erwischte mich auf dem falschen Fuß. Kaum angekommen, brachte mich der schlanke Herr, der mich mit dem Auto abgeholt hatte (und der ramadanmäßig, wie er mir während der Autofahrt versicherte, einzig und allein seine Zigaretten vermisste), keineswegs zur Veranstaltung, sondern zunächst einmal ins Restaurant – na klar, die Sonne ging gerade unter.
Noch bevor ich wusste, wer meine drei Tischgesellen waren, wurde bereits, würzig dampfend, der erste Gang aufgetragen, und als ich eben zur Vorstellung meiner selbst ansetzte, kam schon der zweite (der noch besser duftete – und noch besser schmeckte). Beim dritten Gang (höchst delikat, ja, deliziös!) bereute ich bereits die Veggie-Palatschinke, beim vierten (üppig, aber vorzüglich) auch das Kipfel und beim fünften (exquisit, aber extrem viel), als eben die Erinnerung an den Haferbrei düster in mir hochstieg, erschien ein bislang unbekannter Kellner: Er war es, der feierlich die Bestellung für die Hauptspeise aufnahm – denn diese allerwichtigste und deshalb auch allergrößte Portion stand erst bevor! Blind entschied ich mich für eines der angebotenen Tiere – dem zu Hause gepflegten Vegetarismus hatte ich bereits ein paar Gänge zuvor stillschweigend abgeschworen …
Viel später, im Hotelbett an den mitgebrachten Mandeln knabbernd (wegen des Sodbrennens), versuchte ich, meine aufgewühlten Innereien mit der Aussicht auf das Intervallfasten des kommenden Ramadan-Tages zu beruhigen: »Wie werden wir uns morgen Abend, nach zwanzig Stunden ungestörten Verdauens, über ein Festmahl wie das heutige freuen!«
Doch ich hatte meine Rechnung ohne das Frühstücksbuffet im Hotel gemacht. Denn »selbstverständlich« (so der Rezeptionist) stand ein solches, außerordentlich opulentes, auch während des Ramadan für Nicht-Muslime bereit – und das auch lange genug, um es auf keinen Fall zu verpassen. Es sei unhöflich, erklärte mein Hirn meinem Magen, nichts davon zu kosten – dessen Einwand, dass »kosten« nicht »jede einzelne Speise kosten« bedeute (Couscous mit Datteln, würzig frittierte Knödelchen, Mandelpudding, Pain au chocolat, Croissant, Törtchen usw. usf.), stieß in meinem Oberstübchen auf taube Ohren. Es blieb, wie ich zugeben muss, nicht seine letzte umstrittene Entscheidung. Denn schon zwei Stunden später saßen wir, mein französischer Schriftstellerkollege Laurent Gounelle, meine miteinander diskutierenden Verdauungsorgane und ich, schon wieder im Speisesaal – »selbstverständlich« war für Nicht-Muslime auch ein Hotelmittagessen inkludiert. Es wäre unhöflich, nichts zu bestellen, sagte eine Stimme in mir. Eine andere schrie: »Hör nicht darauf!« Gleichzeitig sprach, etwas undeutlicher, Laurent – und zwar über das Huhn auf der Speisekarte. Er habe es gestern gegessen, es sei wirklich »énorme«. Dann erschien, früher als erwartet, wieder der Kellner, und weil es, wie ich jemanden sagen hörte, respektlos gewesen wäre, den selbst fastenden Menschen länger warten zu lassen, bestellte ich die einzige Speise auf der Karte, die ich wahrgenommen hatte: das Huhn …
»Vielleicht wird es uns heute Abend gelingen, weniger zu essen«, schnaufte ich, während ich zu Laurents Verblüffung auch noch den letzten Knorpel des wahrlich »énorme-n« Flügeltiers verputzte. Aber ich glaubte mir selbst nicht mehr. Und auch mein Magen schwieg. Er war verstimmt.
Rückblickend kann ich mir selbst nicht erklären, warum ich mich während meiner vierzig, nein, vier Tage währenden Fastenzeit in Tunis der Völlerei derart haltlos hingab … Es mag ja tatsächlich ein Ausdruck der Höflichkeit gegenüber der Gastgeberkultur gewesen sein, keine Speise abzulehnen. Aber warum um Himmels willen musste ich auch immer alles – ob deftige Tajine, prall gefüllte Brik oder picksüßen Mandelpudding – bis zum allerletzten Bissen aufessen? Woher rührte dieser geradezu unappetitliche Übereifer meines Appetits? Machte sich eine Lesereisenpsychose bemerkbar? Ein vererbtes Nachkriegszeittrauma? Handelte es sich um ungestillten Lebenshunger? Oder bin ich ganz einfach nur verfressen?!
Fakt ist: Angesichts der interkulturellen All-you-can-eat-Situation, in die ich da geraten war, lief mein Essverhalten völlig aus dem Ruder. Nachts schlemmte ich wie ein Muslim während des Ramadan, tagsüber wie ein Christ zu Ostern. Und all die religionsübergreifenden Fastenpläne, die ich zwischen den Mahlzeiten schmiedete, zerschlugen sich, sobald eine Zwischenmahlzeit am Wegesrand auftauchte.
Dabei entbehrte mein Parforceritt durch die maghrebinische Geschmacksvielfalt keineswegs einer bitteren Note. Dachte ich erst noch an die Tragikomik von Das große Fressen, so erinnerte mich meine Maßlosigkeit bald eher an den quälenden Humor von Essen für Biafra. Bei dieser österreichischen Kunstaktion der späten 60er, an der u.a. die Dichter Wolfgang Bauer und Joe Berger teilnahmen, wurde für den guten Zweck (Spenden für die Hungersnot im heutigen Nigeria) gevöllert. Das Happening strotzte vor Zynismus, stellte jedoch auch die Doppelmoral unserer Gesellschaft bloß. Mein eigenes Verhalten in Tunis schien mir bald von einer ähnlichen Scheinheiligkeit: Zwar bezeugte ich meinen Respekt gegenüber diesem so gastfreundlichen Land, indem ich mir den Bauch vollschlug. Aber verhielt ich mich damit nicht ausgesprochen respektlos all jenen gegenüber, die in eben diesem Land nicht satt wurden? Von ihnen gab es jedenfalls, wie man an jeder Straßenecke sehen konnte, leider viel zu viele!
Aber was konnte ein Schriftsteller wie ich schon für das Kleinkind im rosa Plüschpyjama tun, das in der allerschmutzigsten Ecke mit Zigarettenstummeln spielte? Was für das wenig ältere Mädchen, das noch um Mitternacht auf der Straße Taschentücher feilbot? Für den zerlumpten Alten, der in der dunklen Gasse hinter dem Restaurant die Mülltonne durchwühlte?
Zweimal versuchte ich zu helfen, indem ich auf der Avenue Habib Bourguiba jene Münzen verteilte, die sich in meinen Hosentaschen angesammelt hatten. Beide Male war ich sofort von einer Menschentraube umringt. Es waren viele Münzen, die ich gesammelt hatte, und doch viel zu wenige.
Erst beim letzten Gang des letzten Abendessens in Tunis (eine Mousse au Chocolat von der Größe eines Blumentopfs) erfuhr ich, dass die kulinarische Überforderung, die solch ein abendliches Festmahl sogar für tagsüber streng Fastende bedeutet, von einem sozialen Hintergedanken begleitet wird. Tatsächlich, erklärte mir meine Sitznachbarin, seien die Mahlzeiten absichtlich überdimensioniert. Es sei geplant, dass man unmöglich alles aufessen könne. Warum? Nun, die übriggebliebenen Reste würden hinterher an Bedürftige verteilt … Während ich die Mousse – halb bestürzt, halb erleichtert – wieder von mir wegschob, fiel mir ein, wie oft ich meinen Kollegen Laurent Gounelle dafür bewundert hatte, dass er die halbe Portion zurückgehen ließ. Passend zu den Bestseller-Romanen, die er schreibt, hielt ich sein Handeln für einen Ausdruck von Self Care, jene Art trendiger »Selbstpflege«, die nicht unbedingt meine Stärke ist. Im Gegenteil: Ich für meinen Teil neige dazu, übermäßig auf andere Rücksicht zu nehmen und mich dabei selbst zu überfordern. Die Ramadan-Bräuche von Tunis lehrten mich somit folgende Lektion: Wer sich gut um sich selbst kümmert, tut damit meist auch anderen Gutes.
Es waren sonnige Vorfrühlingstage, die ich in Tunis erleben durfte. Ich bin dankbar für all die freundlichen Begegnungen und erfreulichen Erlebnisse. Manche Bilder werden mir fürs Leben bleiben: die uralten handgeschriebenen Korane, die in der Nationalbibliothek ausgestellt waren, die ähnlich kunstvoll gearbeiteten Tore der Medina, das Weiß und Blau des malerischen Dorfes Sidi Bou Said, das Gelb der unzähligen Taxis unter den staubgrünen Palmen … Oder die pastellfarbenen Lichtspiele in der Église Sainte-Croix: In dieser ehemaligen Kirche fanden abends jene ungemein bereichernden Podiumsdiskussionen statt, die das Rückgrat unseres interkulturellen Treffens bildeten. Auch über dessen Titel »Plumes de paix« (»Federn des Friedens«) wäre viel zu sagen und darüber, wie unterschiedlich wir Schreibenden aus Europa und Tunesien das Potenzial von Literatur als friedensstiftendes oder kulturverbindendes Element einschätzten.
Aber der Körper hat sein eigenes Gedächtnis, und seine Erinnerungen waren es wohl, die mir die obigen Zeilen diktierten. Und geht denn, wie die Liebe, nicht auch das Verständnis für fremde Kulturen über den Magen? Ich für meinen Teil kann jedenfalls schon allein durch die Erfahrungen, die ich beim Essen in Tunis gemacht habe, vieles viel besser verstehen, was mir davor abstrus erschienen war. Das Konzept des Ramadan, zum Beispiel. Oder zumindest, dass es tatsächlich wohltuend sein kann, wenn man, wie in der muslimischen Fastenzeit eigentlich geboten, den ganzen Tag lang überhaupt nichts zu sich nimmt. Gleich auf meiner nächsten Lesereise werde ich damit anfangen.
Auf Einladung der Österreichischen Botschaft Tunis nahm Andreas Unterweger von 16. bis 18. März 2025 am Euro-Tunesischen Schriftstellerkongress »Plumes de Paix: Literatur und Resilienz in Zeiten von Konflikten« in Tunis teil. Im Zuge dessen trat er am 18. März bei der Podiumsdiskussion ›Die 101 Rollen des Friedens-Schriftstellers‹ auf.