Warum braucht Demokratie Literatur? Braucht Demokratie Literatur? Brauchen Demokratie und Literatur einander? Was braucht Demokratie überhaupt?
In ihrem gemeinsamen Projekt betrachten die Schriftstellerin und Juristin Verena Dolovai und der Autor und Linguist Nils Dorenbeck die in der diesjährigen Literaturdialoge-Ausschreibung gestellte Ausgangsfrage jeweils aus der Perspektive jener Disziplinen, in der sie neben der Literatur zuhause sind. Die beiden entstandenen Essays führen ins Feld der Rechtswissenschaft, aber auch der Religionspolitologie und der Bildungstheorie.
Was Sprache kann
Wie Nils Dorenbeck in unserem gemeinsamen Gespräch erzählt, bewege ihn das Thema der Ausschreibung aus linguistischer Sicht gerade auch in wissenschaftlichem Kontext, denn im Zuge seiner Promotion beschäftige er sich mit der Sprache der AfD. Anhand von Programmtexten sei es möglich, in der Rhetorik der Partei deren Verfassungsfeindlichkeit eindeutig nachzuweisen:
»Die AfD-Rhetorik besteht im Kern darin, dass behauptet wird, wir hätten in Deutschland keine Demokratie, wir müssen die Demokratie wieder herstellen. Wenn man wahrheitsgemäß erkennt, dass wir sehr wohl eine freiheitlich-demokratische Grundordnung haben, und sich überlegt, was passiert, wenn jemand die Demokratie wiederherstellt, die gar nicht beseitigt wurde, dann bedeutet das natürlich eine Beseitigung der Demokratie. Das heißt, was wir da sehen, ist eine ›Verkehrung‹: Der Begriff der Demokratie wird genau umgedreht.«
Wenn man diese Denktradition zurückverfolge, lande man im Deutschland der 1920er Jahre, zum Beispiel bei dem nationalsozialistischen Staatsrechtler Carl Schmitt. Dieser habe ausgehend von einer wörtlichen Übersetzung des Begriffs – »Volksherrschaft« – den Gegensatz zwischen Demokratie und Diktatur argumentativ aufgehoben. Hier sei, so Nils Dorenbeck, ein guter Ansatzpunkt für seinen Text gewesen:
»Es lag für mich nahe, dass man, wenn man ausgehend von diesem Begriff argumentiert, erstmal dieses Missverständnis aufspießen muss, das durch die wörtliche Lesart dieses Begriffs entsteht. Und dann muss man aufspießen, wie solche Leute dieses Missverständnis für ihre antidemokratischen Zwecke ausbeuten.«
Die Art und Weise, wie etwas ausgedrückt wird, wie Sprache ganz bewusst eingesetzt wird –sowohl im Positiven als auch im Negativen –, ist nicht nur im Politischen, sondern auch im Rechtlichen von höchster Relevanz. Verena Dolovai, die lange als Juristin gearbeitet hat, betont in unserem Gespräch die Bedeutung der Verfassung und der Grundrechte, die den Kern unseres Rechtsstaates bilden. Auch verweist sie auf die Rechtssprache an sich und auf deren Auslegung – beide schulen, so die Autorin, einen offenen Blick auf die Welt:
»Diese Offenheit lernt man dadurch, dass man mit Gesetzen und Regelungen arbeitet und diese einen gewissen Auslegungsspielraum darstellen können. Man kann verschiedene Perspektiven einnehmen und das auch begründen. Das fand und finde ich großartig, dass man mit dem Werkzeug Sprache argumentieren, überzeugen und gestalten kann.«
Die Bedeutsamkeit der Sprache stellt auch das Bindeglied zur Literatur dar, dies zeigt sich schon am Titel von Verena Dolovais Essay: »RECHT. SPRACHE. KUNST.« In ihrer doppelten Rolle als Schriftstellerin und Juristin bilden die drei für sie eine »untrennbare Einheit«, wobei die Sprache auch als Quelle wechselseitigen Einflusses diene. Sie hoffe, so Verena Dolovai, dass es ihr gelinge, die in der juristischen Sprache notwendige Klarheit auch in ihre literarischen Texte zu transferieren.
Literatur als Mosaik der Bildung und als rechtsstaatliche Aufgabe
Eine notwendige Bedingung gelingender Demokratie sei Literatur nicht, heißt es zu Beginn von Nils Dorenbecks Essay »Was braucht Demokratie?«. Schlussendlich könne Literatur jedoch, so der Autor in unserem Gespräch, nur theoretisch weggedacht werden. »Überall wo Menschen sind, gibt es ja in irgendeiner Form Literatur. Offensichtlich gehört sie auf irgendeine Art und Weise zum Menschen dazu.« In seinem Essay kommt er zu dem Ergebnis, dass die Entwicklung einer demokratischen Persönlichkeit eine umfassende Charakter-, Geistes- und Herzensbildung erfordere, diese umfasse auch die Literatur. Denn:
»Der Genuss von guter Literatur führt uns Möglichkeiten des Menschseins vor, was dazu führen kann, dass wir andere Menschen besser verstehen und uns selbst besser verstehen und akzeptieren. Wir lesen gerade nicht, um uns selbst zu verändern, und gerade weil wir es nicht tun, um irgendein Ziel zu erreichen, besteht die Möglichkeit, dass sich etwas verändert.«
Dennoch sei es ihm wichtig, das Verb »brauchen« zu relativieren. Die Literatur sei eine von vielen positiv beitragenden Bedingungen, »die wir, nur weil wir sie so lieben, nicht so überwichtig machen sollten«.
Der Frage nach der Beziehung zwischen Demokratie und Literatur nähert sich Verena Dolovai aus einer anderen Perspektive, nämlich der juristischen. Ihre Überlegungen trifft sie ausgehend von der österreichischen Verfassung, wo die Literatur in den Grundrechten der freien Meinungsäußerung und der Freiheit des künstlerischen Schaffens verankert ist. Wenngleich die Autorin also, wie sie in unserem Gespräch erzählt, die Sicht ihres Projektpartners prinzipiell teile, kommt sie in ihrem Essay zu einer etwas anderen Schlussfolgerung: Demokratie brauche Literatur, ebenso wie umgekehrt auch Literatur Demokratie brauche. Die Meinung, die sie in dem Essay vertrete, sei eine subjektive, die folgende Argumentationslinie in den Raum stellt:
»Ich vertrete die Partei der Urheber*innenschaft und argumentiere, dass wir die Freiheit der Kunst in der Verfassung zugrunde gelegt haben, deshalb ist die Literatur Teil unserer Demokratie und gehört in weiterer Folge umfassend gefördert. Die Erhaltung des Kulturguts Buch kann somit als rechtsstaatliche Aufgabe verstanden werden.«
Wünschenswert wäre aus ihrer Sicht, in Österreich die Literaturförderung zu stärken und sie rechtlich noch tiefer zu verankern. Ein Vorbild sei Norwegen, wo es neben der Buchpreisbindung u. a. eine Abnahmeregel und den Verzicht auf die Mehrwertsteuer bei Büchern gebe:
»Ich glaube, dass man sich das als Wohlfahrtsstaat leisten können muss, dass Literatur gefördert wird und Schriftsteller:innen nicht so kommerziell abhängig sind von Buchverkäufen oder Lesungen. Dass es ein staatliches Interesse sein muss, den Menschen das Lesen so zugänglich wie möglich zu machen.«
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Verena Dolovai © Julia C. Hoffer -
Nils Dorenbeck © SCHIKO