Welchen Einfluss hat das herrschende politische System auf die Kunst? Welcher kulturelle Raum wird benötigt, um frei Kunst schaffen zu können? Und welche Rolle sollte Kunst in politischen Diskursen einnehmen?
Diesen und weiteren Fragen widmen sich der Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor und Regisseur Max Gruber und seine Projektpartnerin, die Philosophin, Historikerin und Schriftstellerin Noga Arikha in ihren zwei Essays »Freunde und Mörder« sowie »Es kann immer auch anders sein«.
Wie die beiden im gemeinsamen Gespräch erzählen, lernten sie sich im Rahmen der ›Art for Tomorrow‹ Konferenz der ›Democracy and Arts Foundation‹ im Oktober 2025 kennen. Durch Noga Arikhas Arbeit an ihrem aktuellen Projekt »Embodied Politics« – angesiedelt an der Florence School of Transnational Governance des European University Institutes (EUI) in Florenz – und Max Grubers Auseinandersetzung mit den Themen Kunst und Demokratie in seinen literarischen Werken und Drehbüchern sei schnell die Idee zu einem gemeinsamen Projekt entstanden. Der Austausch darüber, wie ein solches aussehen könne, habe sie schließlich zu dem Entschluss gebracht, zwei getrennte Texte zu verfassen. Diese sollten jedoch, so Max Gruber, auf ihre gemeinsamen Überlegungen Bezug nehmen: »There is a dialogue behind the two essays and they correspond in that way.«
Das politische System und die Kunst
Wie wurde das im Österreich der Nachkriegszeit verbreitete »gewollte Vergessen« (»forceful forgetting«) von der eigenen Verstrickung in den Nationalsozialismus filmisch verarbeitet?
Max Gruber widmet sich dieser Frage in seinem literarischen Essay »Freunde und Mörder« anhand der Betrachtung einer bedeutenden Szene aus Carol Reeds berühmtem Film »Der dritte Mann« aus dem Jahr 1949. Im Wien der Nachkriegszeit, inmitten der zerstörten Stadt, sprechen die Figuren Holly Martins und Harry Lime über das Zusammenspiel von Herrschaftsformen und Kunst. In seinem Essay verweist Max Gruber auf eine Aussage des Drehbuchautors Graham Greene; laut dieser sei es ein Film über die »Flucht vor der Verantwortung. Weigerung, ein ehrliches Zeugnis abzulegen. Nicht zu sehen, was war«. Von hier aus setzt er einen Bezug zu Helmut Qualtingers und Carl Merz‘ berühmten Fernsehfilm »Der Herr Karl«, der nach seiner Erstausstrahlung im ORF Anfang der 1960er Jahre in Österreich für viel Aufregung gesorgt habe. Die Figur des Herrn Karl, ein Mitläufer und Opportunist, der das »gewollte Vergessen« verkörpere, habe dabei geholfen, das Schweigen über die Vergangenheit der österreichischen Bevölkerung zu brechen. Beide Beispiele würden zeigen, wie weit Kunst und politische Verhältnisse ineinander verwoben sein können.
Ist Kunst stets politisch?
Während Max Grubers Text narrative Aspekte aufzeige, habe Noga Arikha, wie sie im Gespräch erzählt, das Thema in ihrem Beitrag von einer wissenschaftlicheren Perspektive betrachten wollen; auf diese Weise entstehe eine Komplementarität der Essays. Dass sie trotz des wissenschaftlichen Anspruchs auch persönliche Aspekte miteinbeziehe, sei kein Widerspruch, denn ihr theoretisches Denken sei stets eng mit ihren subjektiven Erfahrungen verknüpft.
Die Schriftstellerin setzt sich in ihrem Text »Es kann immer auch anders sein« mit der Frage auseinander, ob Kunst stets einen politischen Aspekt habe. Ihr Vater, ein Maler, der dank seiner Werke durch die Intervention des Roten Kreuzes vor einem Konzentrationslager gerettet worden sei, habe in späteren Jahren darauf bestanden, dass Kunst nicht politisch sein müsse. Während sie selbst diesen Standpunkt verstehe, könne und sollte er aber nicht auf alle Künstler*innen umgelegt werden, wie Noga Arikha betont.
Wie wird aktuell mit dieser Frage umgegangen? Die Kontroverse um Wim Wenders auf der Berlinale 2026 sei ein gutes Beispiel, um genau das näher zu betrachten. Sein Statement, Filmemacher sollten sich aus der Politik heraushalten, sehe die Autorin als missverstanden aufgefasst. Mit Verweis auf den Dichter Joseph Brodsky könne Kunst sich zwar auf politische Themen beziehen, der Schaffensprozess selbst sei jedoch apolitisch.
»It can be about politics, but the space of creation is apolitical. It’s where the self is, intimately. The minute you invade it you are encroaching on freedom. On freedom of what to be, freedom to feel, freedom to think.«
Noga Arikha
Es sei eine komplexe Situation, denn die Aufgabe von Künstler*innen sei es, Kunst zu schaffen und dieser Prozess unterscheide sich von der politischen Intention, Reflexion oder Reaktion. Dennoch merkt sie an: »the two can be intimately enmeshed, inevitably since we are inherently social beings, living in political systems.« Es stelle sich demnach die Frage, inwieweit sich diese beiden Seiten überschneiden und wann in der eigenen künstlerischen Freiheit politische Verantwortung entstehe. Es sei genau diese Komplexität, die Noga Arikha in ihrem Essay ansprechen wolle.
Max Gruber ergänzt im Gespräch weiters: »The heated debate with Wim Wenders reflects again how politics always tries to invade and sideline the artistic, the poetic, the more private effort.«
In einem Punkt seien sich die beiden Autor*innen jedenfalls einig:
»The conversation is ongoing, it’s not finished.«
Noga Arikha
