Wie wirkt sich die fragmentierte Identität von Individuen auf demokratische Ordnungen in Europa aus? Welche Rolle spielen dabei Zugehörigkeit und Sprache? Und welche Funktion kann die Literatur erfüllen, um Brüche in den Biografien sichtbar zu machen?
Der in Wien lebende Autor und Jurist Daniel Zipfel und seine französische Projektpartnerin Salomé Baffrey setzen sich in ihrem dialogischen Briefwechsel mit eben diesen Fragen auseinander. Die Basis bildet dabei ihre gemeinsame familiäre Spurensuche, denn:
Es war naheliegend, bei so einem Projekt, wo man länderübergreifend arbeitet, auch das Generationenübergreifende mit hineinzunehmen. Dadurch war es einerseits natürlich politisch kontextuell eine Spurensuche, andererseits aber auch familiär.
Daniel Zipfel
Bewusst werden in dem Dialog auch Unterschiede zwischen den beiden Schriftsteller*innen hervorgehoben, sowohl was ihre Art des Schreibens betrifft als auch in Bezug auf die Generation, der sie angehören. Jeder Brief ist als Antwort, Spiegelung oder bewusste Gegenposition zum vorhergehenden Brief der bzw. des anderen angelegt.
Familiäre Verbindungen
Es sei sein bisher persönlichstes literarisches Projekt, erzählt Daniel Zipfel im Gespräch über den essayistisch-literarischen Briefaustausch mit Salomé Baffrey. Trotz familiärer Verbindung sei die Arbeit daran ausschlaggebend gewesen, den Kontakt nach zwanzig Jahre wieder aufzunehmen. Schnell sei zwischen den beiden ein Vertrauen entstanden, das die Basis bilde, um große Themen zu behandeln. Er selbst habe durch seine französischen Wurzeln stets eine emotionale Nähe zum Französischen empfunden, ohne die Sprache jedoch zu beherrschen.
Salomé Baffrey habe das Thema der Krise nicht nur auf einer politischen oder theoretischen Ebene betrachten wollen, vielmehr habe sie die unterschiedliche Herangehensweise interessiert, die trotz der gemeinsamen familiären Geschichte durch sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen, das Arbeitsumfeld und Ansichten auf die Welt unumgänglich seien.
Dennoch sei das Projekt »keine familiäre Selbstbetrachtung«, wie Daniel Zipfel erläutert, sondern vielmehr gehe es um die Suche nach Bruchlinien im sozialen Umfeld und in den Dingen, die sie alltäglich beschäftigen. Die Familie sei dabei auf eine Metaebene gelegt worden.
Ebenso sei die unterschiedliche literarische Herangehensweise – so beschreibt Daniel Zipfel seinen Zugang zu Literatur als eher klassischen, während Salomé Baffrey in ihrem literarischen Schaffen meist sehr kurze Texte schreibe und viel in den Sozialen Medien aktiv sei – bedeutend gewesen.
Welche Rolle spielt Kunst in Krisenzeiten?
Für Salomé Baffrey habe die Fragestellung der Ausschreibung eine Möglichkeit geboten, über Krise sowohl auf einer Mikro- als auch auf einer Makroebene nachzudenken:
There are the intimate crises we all experience (emotions, relationships, identity, doubts, existential questions) and there are the larger ecological, social and political crises that affect our societies.
Sie habe besonders interessiert, welche Brücken Literatur zwischen diesen beiden verschiedenen Bereichen bilden könne. Es sei eine Möglichkeit, sich mit seiner eigenen Identität auseinanderzusetzen, gleichzeitig aber auch die eigene Umwelt besser zu verstehen. In Krisenzeiten könne Literatur einen Raum für Reflexion, Dialog und Zugehörigkeit bieten, »even when everything around us seems to be becoming more fragmented.« Die Kunst stelle eine Art Spiegel und gleichzeitig eine Brücke dar.
It allows us to look at ourselves from a different perspective, while reminding us that many of the doubts, fears, desires and contradictions we experience are shared by others.
Dies sei für sie auch der politische Aspekt von Kunst bzw. Literatur, denn durch das literarische Erleben von anderen Perspektiven und Erfahrungen werde gezeigt, dass vermeintlich Persönliches auch kollektive Empfindungen widerspiegeln könne.
Wohin gehören wir?
Daniel Zipfel – der bereits seit zwanzig Jahren im Sozialbereich tätig ist und sich täglich mit Themen der Migration, Asyl und Recht beschäftigt – betont die Bedeutung, die Sprache für das Gefühl der Zugehörigkeit habe. Diese bestimme die innere und äußere Wahrnehmung und sei ausschlaggebend dafür, ob die Beteiligung am sozialen Umfeld möglich sei. Einerseits bringe sie Reichtum für die Gesellschaft, andererseits berge sie jedoch auch die Gefahr einer Barriere bei der Begegnung zwischen Menschen.
Als Beispiel, wie ein Staat Sprache als Barriere nutzen könne, nennt er die Anforderungen für die Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft. So sei eine Änderung der verpflichtenden Deutschkenntnisse geplant, die auch Menschen, die bereits seit Jahrzehnten in Österreich leben, die Erlangung ebendieser erschweren könnte.
Auch das Thema der Mobilität sei bei der Frage nach der Zugehörigkeit – ein für die beiden Schriftstellerinnen klassisch europäisches Thema – relevant geworden. So sei Salomé Baffrey während der Arbeit am Projekt herumgereist – sie schickte ihre Briefe nicht nur aus Frankreich, sondern ebenso aus Schottland und Spanien –, habe neue Leute und Kulturen kennengelernt, gleichzeitig jedoch auch persönliche Veränderungen erlebt. Indem die beiden Autor*innen sich gegenseitig von unterschiedlichen Orten Europas schrieben und unterschiedliche Erfahrungen machten, seien die Briefe zu einem Ort der Begegnung geworden. Die Distanz habe neue Perspektiven eröffnet und Klarheit geschaffen.
So the physical journeys we were both making became, in a way, part of the inner journey of the letters. We were moving through different countries while also questioning where we belonged, what ‘home’ meant to us, and what it means to remain connected to people when you are constantly moving.
Salomé Baffrey
Auch die Sprache habe in ihren Überlegungen eine große Rolle gespielt. Während ein Teil der Briefe auf Französisch, wieder andere auf Deutsch verfasst wurden, sei Englisch zur gemeinsamen Brücke der beiden geworden. Durch die Distanz beider zum Englischen habe dies eine gewisse Art von Freiheit ermöglicht und ihren eigenen Raum für Dialog geschaffen.
In that sense, the language of the letters became part of the subject itself.
Salomé Baffrey
-
Salomé Baffrey ©Marie Gatti -
Daniel Zipfel ©ÖGfL