Warum braucht Demokratie Literatur? Die in der Ausschreibung gestellte Frage bildet den Ausgangspunkt eines Dialogs rund um die halbe Welt, zwischen der österreichischen Schriftstellerin Laura Freudenthaler in Wien und der indischen Autorin und Journalistin Janhavi Acharekar in Mumbai. Entstanden sind zwei formal höchst unterschiedliche Texte, in denen der Austausch teils direkt, teils indirekt reflektiert wird.
Skepsis als Grundvoraussetzung
»Ich finde es grundsätzlich gut, wenn eine Themenstellung, eine Äußerung, ein Impuls etwas in Wallung bringt bei mir. Denn das heißt, es kommt etwas in Bewegung. Das halte ich für wesentlich, um etwas zu schreiben, zu schaffen, durchzudenken.«
Laura Freudenthaler
Zu Beginn habe, wie Laura Freudenthaler in unserem Gespräch erzählt, bei ihr das Gefühl der Provokation gestanden – sowie der Wunsch, diesem nachzugehen. Die in der Ausschreibung gestellte Frage nach der Rolle der Kunst bzw. der Literatur in der Demokratie habe sie als Zumutung empfunden, denn, so die Schriftstellerin:
»Diese Zuschreibung von Aufgaben oder Wirkungen an die Literatur, die man schon sehr grob als politisch bezeichnen könnte, geht zusammen mit einer Entwicklung, in der mir der Begriff davon zu verschwinden scheint, was Literatur eigentlich und tatsächlich ist oder sein könnte. Und das halte ich für eine fatale Parallelentwicklung.«
Auch Janhavi Acharekars erste Reaktion auf die Themenstellung der Ausschreibung sei eine skeptische gewesen. Sie habe Vorbehalte gehabt »because I believe there are more people watching hate-filled posts on Instagram and YouTube than reading books. Fortunately, we were both on the same page and provocation is right because we decided to take this on as a challenge.«
Neue Horizonte
Parallel zur Arbeit an ihren Texten trafen sich die beiden Schriftstellerinnen, deren nähere Bekanntschaft u.a. auf Aufenthalte in Wien bzw. Indien zurückgeht, regelmäßig im digitalen Raum:
»We met on Zoom and rued the state of the world, the weather, etc., eventually discussing our ideas which, I think, began to take shape with subsequent meetings that inspired confidence in our collaborative approach. The exchange helped crystallize our thinking and definitely sparked ideas.«
Janhavi Acharekar
Ein wichtiger Bestandteil dieser Gespräche sei, wie Laura Freudenthaler erzählt, die kulturpolitische Situation in Indien gewesen – jenes Landes, das in westlichen Medien häufig als »größte Demokratie der Welt« bezeichnet werde. Was ihre Projektpartnerin ihr – nicht nur in den letzten Monaten, sondern auch schon während ihres Stipendienaufenthaltes in Indien vor zwei Jahren – berichtet habe, lasse Laura Freudenthaler diese Formulierung beinahe als Hohn empfinden und habe auch ihre eigene Sicht verändert. Denn: Wer könne sich beklagen, dass Subventionen gestrichen werden, wenn es ohnehin keine gebe?
»Dafür bin ich dankbar, weil solche Gespräche einem Horizonte aufmachen. Und mir das schon auch meine eigene Perspektive relativiert hat. Das ist das Beste, was einem passieren kann.«
Laura Freudenthaler
Der besondere Stellenwert des gegenseitigen Austauschs und des gemeinsamen Nachdenkens wird auch auf textlicher Ebene reflektiert, denn Laura Freudenthaler hat Teile ihres Dialogs mit Janhavi Acharekar aus dem privaten digitalen Raum geholt und in ihren Beitrag montiert.
Unterschiedliche Form, gemeinsamer Faden
»Welche Formeln werden verwendet, welche Wörter und Sätze verfügen scheinbar über magische Kräfte? Und was geschieht, wenn man sie als solche verwendet, in einem literarischen Text?« Den Ausgangspunkt von Laura Freudenthalers Essay »Wir glauben an das Buch. Beschwörung« bildet die Idee, anhand von konkreten Eröffnungs- und Preisreden aus Österreich der Bedeutung nachzugehen, die der Literatur in unserer heutigen medial zugespitzten, extrem reizüberfluteten Gegenwart etwa von Kulturpolitiker*innen zugeschrieben werde. Handle es sich bei der Literatur wirklich um den »Grundpfeiler der Demokratie«, als der sie so häufig dargestellt werde? Was vermöge sie tatsächlich und welchen Bedrohungen sei sie ausgesetzt? Schlussendlich gehe es, wie die Schriftstellerin in unserem Gespräch betont, weit über die Förderstrukturen für Schreibende und die aktuellen Entwicklungen in der Buchbranche hinaus um nicht weniger als darum, die Kulturtechnik des Lesens zu bewahren. »Für die Möglichkeit der Literatur in der Welt und dafür, dass sie geschaffen wird, und für die Möglichkeit der Demokratie in der Welt« sei es »unabdingbar, dass die Gesellschaft eine gewisse Sprachfähigkeit und damit Bewusstseins- und Werdungsfähigkeit« besitze.
Während Laura Freudenthaler, die Fragestellung der Ausschreibung »durchdenkend«, bei der Literatur ansetzt, um zur Demokratie zu gelangen, nähert ihre Projektpartnerin sich dieser auf literarische Weise. Dabei dient auch Janhavi Acharekar konkretes Material als Basis ihres Texts »Schräger als Fiktion«. In einer Mischform aus Essay und flash fiction – Prosa, die sich durch ihre Kürze auszeichnet – verwebt sie Passagen eines BBC-Interviews mit dem für Indien bedeutenden Politiker und Sozialreformer B.R. Ambedkar mit fiktionalisierten Meldungen aus indischen Zeitungen und den digitalen Medien. Die von realen Begebenheiten inspirierten stories kombinieren »the absurd with a related or unrelated political or social issue« und verweisen dadurch auf tief in der indischen Gesellschaft liegende Hierarchien – »ranging from gender inequality and unemployment to the curtailment of freedom of choice and expression«. Hinsichtlich des Verhältnisses von Fakt und Fiktion betont die Autorin, die sowohl Fiction als auch Non-Fiction schreibt: »Each form draws from the other. I’ve always believed that truth is stranger than and a great starting point for fiction while good storytelling is the hallmark of great works of non-fiction.«
»Nothing short of a revolution«
Wird es möglich sein, die in Indien herrschenden sozialen Strukturen zu verändern und Hierarchien bezüglich u.a. Alter, Religion, Gender, Patriarchat, Kaste und Klasse zu überwinden? Welche Rolle könnten die Literatur und die neuen Medien in diesem Prozess spielen? Fragen wie diese schienen noch vor wenigen Monaten vage in einer entfernten Zukunft zu liegen und nur abstrakt beantwortbar. Bei Abgabeschluss der Beiträge für die Anthologie »Warum braucht Demokratie Literatur?« im April 2026 war noch nicht vorauszusehen, dass nur einen Monat später, im Mai 2026, in Indien Entwicklungen ins Rollen kommen würden, die für das von Janhavi Acharekar gewählte Thema höchst relevant sein sollten: Aus dem im Mai 2026 auf der Plattform X gegründeten parodistischen Social Media Account »Cockroach Janta Party« (JCP) entstand innerhalb kürzester Zeit eine Jugendbewegung, die im Sommer 2026 in einer Reihe von Studierendenprotesten mit tausenden von Teilnehmenden in verschiedenen Städten Indiens mündete. »The satirical handle gained instant popularity and turned into nothing short of a revolution«, erklärt Janhavi Acharekar, die hier einen kurzen Überblick über die bisherigen Geschehnisse gibt.
Die unglaublichen Erfolge der letzten Monate erlauben, so die Autorin, einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft:
»I’m hopeful that this movement which began as satire will succeed in restoring people’s faith in political democracy and that the cockroaches will continue the long fight for social democracy.«
Und welche Rolle hat die Literatur bei den Protesten gespielt? Zwar habe es, wie Janhavi Acharekar betont, eine Art der Protestliteratur in Form von u. a. Slogans und Songs gegeben, das Medium der Stunde sei jedoch ohne Zweifel Social Media gewesen. Denn:
»The protests that brought over 50,000 people on the streets of Delhi, and thousands more in other cities around India, were mobilised entirely on digital or rather, social media (Instagram, in particular), and came to be known as the Gen Z protests or the youth movement. In reality, I would say that they found support across generations. It is significant that they also cut across class, caste, religion and gender, and that there were many references to Dr Ambedkar during the protests.«
Die Entwicklungen des Sommers verdeutlichen, so die Argumentation der Schriftstellerin, dass es neue, schnellere Wege zur Verbreitung von Literatur brauche, um diese in unserer schnelllebigen Zeit für demokratiepolitische Prozesse relevant zu machen. Damit reflektieren und bestätigen die »Gen Z Proteste« im Nachhinein auch die Grundgedanken ihres schon zuvor fertiggestellten Textes: »Truth is indeed stranger than fiction (and social media has a wider reach than literature).«
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Laura Freudenthaler © Clemens Schmiedbauer -
Janhavi Acharekar © Nonzuzo Gxekwa