Wie kann man sich mit dem Wahnsinn in der Welt auseinandersetzen, wie darüber schreiben? Und wie kann es gelingen, einander in Zeiten der Krise durch die Literatur, im Dialog wieder näher zu kommen? Es sind diese beiden Seiten der Beziehung zwischen Literatur und Welt, Literatur und Demokratie, die der in der Tschechoslowakei geborene und in Österreich aufgewachsene Schriftsteller und Übersetzer Michael Stavarič und der slowakische Autor und Journalist Michal Hvorecký in zwei formal sehr unterschiedlichen Texten in den Fokus nehmen. Dabei verbindet die Projektpartner, die einander schon lange kennen und schätzen, ein ähnlicher Blick auf die Welt, der, wie sie selbst bemerken, vielleicht auch einer ähnlichen Sozialisation geschuldet sei:
»Wir schreiben literarisch sehr anders und doch gibt es in unserem Werk zahlreiche Ähnlichkeiten. Wir sind beide fasziniert von den Grenzregionen, von der Abgeschiedenheit der Provinz, wir sind Grenzgänger und auch Brückenbauer zwischen Ost und West. In unseren Fiktionen verschwimmen oft die Grenzen zwischen Surrealität und Realität. Das hat sicherlich auch viel mit unseren Biografien zu tun. Und der Nähe zwischen Wien und Bratislava, die zugleich eine große Entfernung in vielen Köpfen bleibt.«
Michal Hvorecký
Schreiben als politischer Akt
Als Lesender erinnere Michael Stavarič sich, wie er in unserem Gespräch erzählt, durchaus an Phasen seines Lebens, in denen die Gegenwartsliteratur nicht politisch gewesen sei, weil es ein breites Bekenntnis zu proeuropäischen Agenden gegeben habe. Davon ausnehmen müsse er seine Kindheit, in der er, wie sein Projektpartner – wenn auch dank der Emigration seiner Eltern nicht so lange –, in einem antidemokratischen System sozialisiert worden sei. Literatur sei in der ČSSR auf den Untergrund beschränkt gewesen und unter der Hand weiterverbreitet worden. Darüber hinaus seien die Texte von u.a. Václav Havel, weil sie in der Tschechoslowakei nicht publiziert werden durften, im Ausland erschienen. Und diese Sichtbarmachung der prekären Verhältnisse – nicht nur in der ČSSR, sondern auch in den anderen Ländern des Ostblocks – habe dazu beigetragen, das System über die Jahre mitauszuhöhlen:
»Die Welt bekam mit, was in einem hermetisch abgeschlossenen, hinter dem Eisernen Vorhang sich befindlichen System passiert. Das heißt, die Literatur hat öffentlich gemacht, was die Politik mit den Menschen in diesem Land macht. Und sie hat eines gezeigt: dass Literatur eben doch auch Systeme mit zu Fall bringen kann.«
Michael Stavarič
Weil die Literatur die Funktion eines Spots habe, den man auf etwas richten könne, sei es jetzt, in erneut krisenhafteren Zeiten, wieder notwendig, als Autor*in politisch Stellung zu beziehen und auch die Literatur wieder mit mehr politischen Bezügen auszustatten.
Sich schreibend politisch zu engagieren, ist auch Michal Hvorecký ein großes Anliegen. 2026 ist sein Buch »Dissident« erschienen, in dem er ausgehend von seiner eigenen persönlichen Geschichte das Ende des kommunistischen Systems und die Rückkehr politischer Ideologien in Europa und insbesondere in seinem Heimatland, der Slowakei, in den Blick nimmt. In seiner Forderung nach einem neuen Dissidententum bezieht er sich auf Václav Havel, der diese Haltung in seinem berühmten gleichnamigen Essay als »Versuch, in der Wahrheit zu leben« definierte. In dieser Begriffsbestimmung stecke, so Michal Hvorecký, »etwas zutiefst Menschliches. Seine Stimme ist bis heute, im Zeitalter von Manipulation und Lügen, der lebendige Ausdruck des Widerstands und der Hoffnung.« Wie wichtig beide, sowohl der Widerstand als auch die Hoffnung, seien, macht der Autor in unserem Interview deutlich:
»Wir leben wieder in Kriegszeiten. Die Welt ist in den letzten Jahren sehr anders geworden. Die Rolle der Kultur wandelt sich gerade grundlegend. In meinem Land werden die Fördergelder für Kunst- oder Demokratieprojekte massiv gestrichen. Dazu die Klimakatastrophe, uferloser Zynismus und schrankenlose Geldgier der Tech-Oligarchen. Damit setze ich mich in meiner Arbeit seit Jahren auseinander. Ich weiß, es ist besonders schwer, der Untergangsstimmung etwas entgegenzusetzen. Aber versuchen will ich es trotzdem.«
Michal Hvorecký
Bestandsaufnahme des Wahnsinns
»Die Welt ist ein Tollhaus« heißt der Prosatext von Michael Stavarič, in welchem er in Form der Litanei Stereotypen und Meinungen zu einer Textcollage verwebt. Diese stehen wie Variablen und Platzhalter für den ganzen Wahnsinn der Welt und wären für den Autor auch als versetzt gelesener Kanon oder als Installation in einem Raum denkbar, »in dem es polyphon von allen Ecken hallt«.
Dabei ist der Begriff des Tollhauses, der sich leitmotivisch durch den Text zieht, auch auf das Hohe Haus im Parlament bezogen. Nehme man sich, wie Michael Stavarič erzählt, die Zeit, die öffentlich einsehbaren stenographischen Protokolle der Sitzungen durchzulesen, bekomme man eine andere Sicht auf unsere heutige Gesprächskultur, in der so vieles falsch laufe. Schnell stoße man auf Gespräche, die völlig aneinander vorbeigehen, Diskussionen, die sich zu absurden Debatten auswachsen und Abgeordnete, die ihre Zeit damit verschwenden, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben. Und man frage sich zwangsläufig:
»Das ist unsere Demokratie? Das sind unsere Politiker*innen? So gehen Parteien miteinander um, die versuchen sollten, Problemlösungen für große Fragen zu entwickeln?«
Michael Stavarič
Brücken bauen

Sowohl inhaltlich als auch formal steht das dialogische Moment im Zentrum von Michal Hvoreckýs Beitrag. Sein »Brief an einen österreichischen Freund« ist an ein Gegenüber jenseits der Grenze gerichtet, ähnlich wie Albert Camus’ »Briefe an einen deutschen Freund«, von denen er inspiriert gewesen sei:
»Diese vier Briefe lesen sich wie Essays, sind doch zugleich sehr persönlich und authentisch. Camus hat sie zwischen Juli 1943 und Juli 1944 in der französischen Résistance-Bewegung verfasst und in der Zeitung Combat veröffentlicht. Er richtete sich mit diesen Texten an einen fiktiven deutschen Gesprächspartner und setzte sich mit den moralischen und philosophischen Abgründen des Nazi-Regimes auseinander. Seine Briefe sind in den Zeiten des brutalen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine wieder immens aktuell. Ich wollte meinen österreichischen Freund direkt ansprechen und warnen, was droht, wenn die neuen Rechten an die Macht kommen. Ich kämpfe dagegen, dass die slowakische Demokratie wieder in Autoritarismus kippt. Wie kann man den Siegeszug der rechten Populisten in der Mitte Europas noch stoppen?«
Michal Hvorecký
Im Wissen, dass Demokratie ein Gefühl sei, »das durch Beziehungen entsteht«, formuliert Michal Hvorecký seinen Brief nicht nur als Warnung, sondern auch als Aufruf nach aktivem Mitgestalten und Austausch, auch über die Grenzen hinweg. Nicht zufällig bildet den Ausgangspunkt seines Textes die Grenzregion zwischen der Slowakei und Österreich am Fluss March – eine Gegend, mit der er seit einigen Jahren auch persönlich verbunden sei. Etwa ein Viertel des Jahres lebe er inmitten dieser eigenartigen Flusslandschaft, in die er sich verliebt habe:
»Es ist ein seltsames Gebiet. Fast vierzig Jahre lang war diese Gemeinde, und damit auch Europa, geteilt. Die Grenze zwischen Ost und West wurde mit Stacheldraht und Wachtürmen bewacht. Gleichzeitig gab sie der Natur eine Atempause. Es wurde zum Refugium für gefährdete Pflanzen- und Tierarten. Die Stalinisten wollten, dass die Einheimischen wegziehen. Über Jahre versuchte der Sicherheitsdienst, das Schmuggler-Netzwerk zu zerschlagen, es wurden die Menschen sowie Ware heimlich über den Fluss transportiert. Heute gibt es dort viele Bürger*innen, die sich prodemokratisch und proeuropäisch engagieren.«
Michal Hvorecký
Neue Dissidenten
Michael Stavarič und Michal Hvorecký sind überzeugt davon, dass Kommunikation und Dialog der Schlüssel seien, um die immer größer werdende Kluft überbrücken zu können, nicht nur im Großen durch länderübergreifende Initiativen, sondern auch im Kleinen. Angesichts des globalen Rechtsrucks sei es notwendig, dass jede und jeder Einzelne für die Werte der Freiheit und Demokratie einstehe:
»Wir brauchen neue Dissidenten. Ganz dringend. Wir brauchen sie in vielen Ländern der Welt, nicht zuletzt auch im digitalen Raum. Überall, wo Lügen die Welt verseuchen, brauchen wir Menschen, die für die Wahrheit kämpfen.«
Michal Hvorecký
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Michael Stavarič © Literaturdialoge