Wer bin ich, wenn ich bin? Wo bin ich, wenn ich bin? Woher komme ich? Was erlaube ich mir selbst, was erlaubt mir die Gesellschaft?
Cristina Budroni
Es sind Fragen wie diese, die den Ausgangspunkt der Begegnung zwischen der sardischen Schriftstellerin und Psychotherapeutin Cristina Budroni und der österreichischen Schriftstellerin und Biologin Andrea Grill in ihrem gemeinsamen Text bilden und dadurch einen Schreib- und Denkprozess einleiten. Daraus entwickelte sich ein zweisprachiger Dialog auf Deutsch und Italienisch, zwischen Fiktion und Essay, der nicht nur Länder- und Sprachgrenzen überschreitet, sondern verschiedene Generationen und Wahrnehmungen miteinschließt. Durch die grafische Darstellung kann der Text in beiden Sprachen parallel gelesen werden. Der Sprachwechsel erfolgt dabei wie Gedankensprünge, sei es nach Absätzen oder mitten im Satz. Alle Übersetzungen vom Italienischen ins Deutsche und vice versa wurden von den Schriftstellerinnen selbst angefertigt.
Ideenfindung
Wie die beiden Autorinnen bei einem gemeinsamen Gespräch erzählen, lernten sie sich bei einer Lesung der bekannten italienischen Schriftstellerin Dacia Maraini im italienischen Kulturinstitut in Wien im November 2025 kennen. Bereits hier begannen die Gespräche und ein reger Gedankenaustausch zum Thema der Ausschreibung. Der intensive Austausch sei etwas, das ihre Zusammenarbeit das gesamte Projekt hindurch präge.
Die Fragestellung der Ausschreibung »Warum braucht Demokratie Literatur? Die Rolle der Kunst in Krisenzeiten« habe sie dazu gebracht, über Krisen in der Geschichte nachzudenken. Was ist eine Krise? Was macht eine Krise? Dabei landeten sie in einer der prägnantesten Krisenzeiten der europäischen Geschichte, dem 2. Weltkrieg und somit in der Familiengeschichte, den Erzählungen ihrer Großeltern.
Das Wort Krise nehmen sie sowohl in seinem etymologischen Ursprung als auch als etwas Offenes wahr. In der Fragestellung sei es, wie so häufig im Sprachgebrauch, negativ konnotiert, so die Autorinnen. Doch »eigentlich ist Krise nicht notwendigerweise etwas Negatives an sich, sondern es ist eine Chance zur Veränderung.« (Andrea Grill)
Denn Krise ist nicht das Ende, es ist der Beginn. Wir Menschen verstehen das Wort Krise als das Ende eines Lebenskonzepts. Wir mögen Krisen nicht, denn sie bedeuten Schmerz zu erfahren, so wie die Geburt mit den Wehen. Krise besteht aus Erstarrung, Neuorientierung und Bewegung.
Cristina Budroni
Krisen seien stets vorhanden, so die Autorinnen. Wichtig sei die Frage, wie etwas wahrgenommen und was schließlich daraus gemacht werde.
Dass politische Themen und Fragen der Demokratie Cristina Budroni und Andrea Grill stets begleiten, wird auch in ihrer Bio- und Bibliografie deutlich.
Cristina Budroni, die als Psychotraumatologin mit Holocaustüberlebenden, deren Nachkommen und der transgenerationalen Weitergabe von Traumata arbeitet, setzt sich mit den Fragen, »Wer bin ich jetzt? Woher komme ich? Welcher Anteil von mir ist im Jetzt? Was hindert mich, in der Gegenwart zu sein und zu leben?«
Andrea Grill nennt ihr drittes Buch »Tränenlachen« (2008) als Beispiel, in dem sie sich konkret der Demokratie widmet. Wie sie selbst sagt, geht es aber »im Grunde in all meinen Büchern um dieses politische Geflecht, in dem wir leben« (Andrea Grill)
Europäische Stimmen
Cristina Budroni und Andrea Grill treten in ihrem Text in einen Dialog zu sechst: miteinander, mit ihren Großvätern und mit Textstellen zweier bedeutender Autorinnen des 20. Jahrhunderts aus Österreich und Italien, Ingeborg Bachmann und Oriana Fallaci.
Im Laufe ihres Projekts setzten sie sich mit den beiden Schriftstellerinnen, deren Literatur sie bereits seit langer Zeit begleitet, auseinander. Wie Andrea Grill erzählt, habe sie sowohl Fallaci als auch Bachmann bereits im Teenageralter gelesen, jedoch mit dem Wissen um ihre biografischen Hintergründe einen tieferen Einblick in ihr Werk bekommen.
Beide Frauen wurden Ende der 1920er Jahre geboren – I. Bachmann 1926 in Klagenfurt und O. Fallaci 1929 in Florenz – als Autorinnen hatten sie aber unterschiedliche Ausgangspunkte. Während Fallaci aus einer antifaschistischen Partisanenfamilie stammt, kam Bachmann aus einem durch den Nationalsozialismus geprägten patriarchalen Elternhaus. Oriana Fallaci setzte in ihrem Schreiben auf journalistisch-sprachliche Radikalität. Als ihr wichtigstes Anti-Kriegsbuch nennt Cristina Budroni »Niente, e cosí sia« (»Nichts und Amen«; 1969). Bachmann benützte ihre Sprache im Österreich der Nachkriegszeit, um Machtmissbrauch und patriarchale Gewalt aufzudecken. Exemplarisch ist dafür die Erzählung »Unter Mörder und Irren«.
Die Dialoge zwischen den Großvätern, den beiden Schriftstellerinnen und den Autorinnen ermöglichen den Leser*innen die Perspektiven und Sichtweisen verschiedener Generationen einzunehmen.
Familiensätze
Wir schreiben Gedanken. Es war meistens der Gedanke, aus den Gedanken wurde der Austausch, aus dem Austausch das Schreiben.
Cristina Budroni
Während Cristina Budroni und Andrea Grill zu Beginn des Projekts planten, bewusst die jeweiligen Erstsprachen zu verlassen und beim Schreiben die Sprachen zu tauschen, vermischte sich dies im Laufe des Projekts zunehmend. Schlussendlich schrieben beide auf Italienisch und Deutsch. Denn, wie Andrea Grill betont, die Identität einer Sprache kann man nicht übersetzen. Wie die beiden Autorinnen bereits in ihrer Bewerbung für die Literaturdialoge-Ausschreibung festhalten, ist der Sprachwechsel
ein zentrales poetisches und politisches Prinzip. Er stellt Fragen nach Machtverhältnissen, nach Zugehörigkeit und Ausschluss, nach sprachlicher Autorität und dem Recht nach Ausdruck jenseits normierter Perfektion.
Budroni & Grill in ihrer Bewerbung
Die Arbeit am Text selbst erfolgte stets gemeinsam, so wurde auch die Übersetzung ein wichtiger gemeinsamer Part des Projekts.
Die Bedeutung der Sprache wird besonders bei Erinnerungen und im Dialog mit den beiden Großvätern klar. Während Cristina Budronis Großvater, aus Österreich stammend, auf Deutsch sprach, gehörte zu Andrea Grills Großvater der Salzkammergut-Dialekt. Insbesondere die Übersetzung von »Familiensätzen« stellte eine Herausforderung dar. Sogenannte Familiensätze erzählen die Geschichten, Biografien und Glaubenssätze der jeweiligen Familien.
Dieses ›lessico famigliare‹ sind oft wiederholte Sätze als markante Erzählung einer Familiengeschichte, der Identitätsnachweis der Familie und jedes und jeder Einzelnen.
Budroni & Grill in ihrem Text
Familiensätze werden von Generation zu Generation weitervererbt und unbewusst gelebt.
Cristina Budroni
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Andrea Grill: ©Minitta Kandlbauer -
Cristina Budroni: ©Pilo Pichler