»Im Allgemeinen glaube ich, das gemeinsame Schreiben ist eine ganz wichtige Strategie oder Resilienz gegen die Angriffe, die [gegenwärtig] auf die Kunst, die Freiheit und die Kunstfreiheit passieren.«
Andreas Unterweger
Wie kann es gelingen, sich gegen die Angriffe der Politik auf die Kulturszene zu wehren? Inwiefern können die Steirer dabei von den Verhältnissen in Ungarn lernen? Und was bedeutet es, als eigentlich unpolitischer Mensch plötzlich politisch engagierte Literatur zu schreiben? Diese und weitere Fragestellungen berühren der österreichische Schriftsteller Andreas Unterweger und seine aus Ungarn stammende Projektpartnerin, die Lyrikerin und Performancekünstlerin Kinga Tóth, in einem genre- und medienübergreifenden Dialog.
›Kulturland retten‹
Seit dem Wahlsieg der FPÖ und der Formierung der von ihr geführten Landesregierung in der Steiermark im Jahr 2024 sei, so Andreas Unterweger in unserem Gespräch, kulturpolitisch kein Stein auf dem anderen geblieben. Als Reaktion auf Maßnahmen wie etwa die Kürzung von Fördermitteln und die Umbesetzung des über die Ausschüttung der Gelder entscheidenden Gremiums habe sich die Initiative ›Kulturland retten‹ gebildet, der fast alle steirischen Institutionen der freien Szene angehören. Zu ihren Aktionen zählen u.a. Petitionen, Demonstrationen und Veranstaltungen wie die Podiumsdiskussion »Kulturkampf Ungarn« im Juni 2025, bei der sich österreichische und ungarische Auftretende der Frage widmeten, was die Steiermark von Ungarn lernen könne.
Vor diesem Hintergrund sei es für Andreas Unterweger, als er das Thema der diesjährigen Literaturdialoge-Ausschreibung gesehen habe, klar gewesen, jemanden aus dem Nachbarland an Bord zu holen. Sofort habe er an Kinga Tóth gedacht – nicht nur, weil sie bei dem schon genannten Panel zu Wort gekommen sei, sondern auch, weil die beiden seit ihrer ersten Publikation in den manuskripten im Jahr 2016 in gutem Kontakt stehen und schon häufig gemeinsam aufgetreten sind.
Die Freiheit, zu fliegen
Dass sie mit ihrem Projektpartner seit langem eine Vertrauensbeziehung verbinde, beschreibt Kinga Tóth als Basis einer organischen Zusammenarbeit, die ihr alle Möglichkeiten und formalen Freiheiten gegeben habe, sich auszuprobieren und »zu fliegen«. Dank einer gewissen Offenheit bezüglich Form und Länge seien Texte entstanden, die sich in ihrer Vielfalt ergänzen: einerseits poetisch-lyrische Texte sowie Zeichnungen von Kinga Tóth, andererseits essayistische, aber doch auch musikalisch-lyrisch gearbeitete Texte von Andreas Unterweger. Letztere seien es, die durch die konkrete Benennung sozialer und gesellschaftlicher Problematiken oftmals den Rahmen bilden, innerhalb dessen sie, so Kinga Tóth, »die große Freiheit« gehabt habe, »Themen und Anknüpfungspunkte zu finden und mit diesen weiter zu träumen«.
Zwei Dialogstränge, die sich »wie die DNA umschlingen« (Andreas Unterweger)
Dem Konzept ihrer Einreichung folgend, fungierte jeder der beiden Projektpartner*innen als Impulsgeber*in für einen der beiden Gesprächsstränge, die in der Anthologie als separate Dialoge hintereinander abgedruckt sind: einerseits das von Andreas Unterweger angestoßene »Theater der Hoffnung«, andererseits der von Kinga Tóth begonnene »SpinnStubenDialog«.
Der erste Dialog kreist – ausgehend von dem orbanistisch geprägten Begriff des ›Theaters der Hoffnung‹ – um die Frage, was übrig bliebe, wenn infolge eines Sprachraubs sowohl Inhalt als auch Form der Sprache weggenommen würden. Auswege in die Freiheit finden Andreas Unterweger und Kinga Tóth u.a. in der Klangpoesie, im Nonsens und im Nonverbalen; letzteres nicht nur in der Intermedialität, sondern auch im aktiven Handlungsakt. Als Sinnbild der Grenzüberschreitung taucht am Ende des Dialogs der verliebte Elch Emil auf, dessen Reise über diverse Ländergrenzen hinweg im Jahr 2025 nicht nur in den österreichischen Medien für Begeisterung sorgte. Bei ihm handle es sich, wie auch bei allseits beliebten Comicfiguren wie etwa Snoopy, um »Hoffnungsbojen, die uns alle verbinden und als Gemeinschaft retten«.
Der SpinnStubenDialog wiederum kann als Geschichte eines Großwerdens gelesen werden. Während Andreas Unterweger seine persönliche Entwicklung zum politischen Autor beschreibt, mit der er selbst »nie gerechnet hätte«, lotet Kinga Tóth vor dem Hintergrund ihrer eigenen Beziehung zu ihrem Mutterland Ungarn verschiedene Möglichkeiten des Exils aus. Ihr Ziel sei es gewesen, so die Autorin, »unterschiedliche Transformationswege aus[zu]probieren, vom dunklen bis zum hoffnungsvollen.«
Darüber hinaus bezeichnet Kinga Tóth das Konzept der Spinnstube auch als »mentales Zuhause« des gemeinsamen Projekts. Bezugnehmend auf einen kulturellen Ort, an dem Frauen früher nicht nur Handarbeiten verrichteten, sondern sich dabei auch austauschten, sei die Spinnstube das Haus gewesen, »wo wir uns mental getroffen haben, wo wir mit unseren Mitteln, mit unseren Handarbeiten quasi, die Informationen miteinander geteilt haben«.
Auch eine zweite Bedeutungsebene gebe es, die der »Spinnerei« – jenes Ortes, »wo man ein bisschen verrückt sein« könne. Denn, so die Autorin: »Die Welt ist sowieso verrückt, also wie kann man darüber normal schreiben?«
Literatur als Erlebnis
Beim Schreiben ist bei diesem Projekt immer das Performative mitgedacht, die Art und Weise, wie die Texte auf der Bühne klingen könnten. Kinga Tóths Lesungen beinhalten häufig musikalische Elemente, Flexibilität und Improvisation spielen grundsätzlich eine große Rolle. Der frühere Songwriter Andreas Unterweger trete zwar, wie er erzählt, selten mit Musik auf, er habe seinen Texten aber die Struktur von Strophen verliehen: »Bei mir ist die Musik beim Schreiben eigentlich in der Sprache. Ich habe früher Songs geschrieben und bei der Literatur wandert dann die Musik in die Sprache hinein.«
Nicht nur wegen der Musikalität der entstandenen Texte, sondern auch aufgrund der Vielfalt der Montagemöglichkeiten könnten gemeinsame Auftritte vollkommen unterschiedlich aussehen; von zwei parallelen Monologen über den Dialog bis hin zum Theaterstück könne vieles ausprobiert werden. Und das, so Kinga Tóth, sei auch das Spannende: »Das alles kann Literatur.«
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Andreas Unterweger © Alain Barbero -
Kinga Tóth © privat -
Kinga Tóth und Andreas Unterweger, Schnappschuss von der Frankfurter Buchmesse 2019 © privat
Mehr Informationen zu den Autor*innen:
Andreas Unterweger: http://andreasunterweger.at/
Kinga Tóth: https://www.kingatoth.com/