Von der Schönheit, (nicht) entdeckt zu werden
Am Busbahnhof von Pristina wartet Adrian auf mich. Wie wunderbar es ist, an einem Ort abgeholt zu werden, an dem man sich nicht auskennt. Man kann sofort die Verantwortung abgeben, die Orientierung, die Zeitplanung. Ich muss nur darauf achten, beim Überqueren der Straße nicht von einem Auto überrollt zu werden.
Wie die Fahrt war, fragt Adrian. Die Grenze ist lila, sage ich. Der gesamte Grenzübergang, der Morina in Albanien mit Vërmica in Kosovo verbindet: lila gestrichen. Die Stützmauer neben der Straße: lila, lila auch die Gehsteigkanten. Lila, gab Google mir Auskunft, während wir im Bus darauf warteten, unsere Reisepässe und Personalausweise wiederzubekommen, ist die Farbe der Reichen und Mächtigen. Es ist die Farbe der Emanzipation und die siebte Farbe des Regenbogens. Lila wird mit Kreativität, Spiritualität, Buße, Opferbereitschaft und Milka-Schokolade assoziiert. Aber eigentlich nicht mit Grenzübergängen.
Adrian zeigt mir die Stadt. Mit ihm, der in Pristina geboren ist und jetzt wieder hier lebt, erfahre ich Dinge, die ich allein nie sehen, geschweige denn verstehen würde. Zum Beispiel, dass in der Einkaufspassage, die wir gerade entlanggehen, in den 1990er-Jahren die alternative Clubszene der Stadt beheimatet war und Zusammenstöße mit der Polizei vorprogrammiert. Mir würde die Kunstinstallation von Petrit Halilaj auf dem Dach des Grand Hotel nicht auffallen, das als Hauptquartier für die Manifesta 2022 diente. Oder die Frau, die vor uns aus einem Wagen mit verdunkelten Scheiben springt und in einem Hauseingang verschwindet. Das ist die Bildungsministerin, sagt Adrian.
Als ich zugesagt habe, diesen Reisebericht zu verfassen, habe ich mir vorgenommen, ganz sicher nicht über Blutrache zu schreiben, denn die kommt schließlich in fast jedem Text über Kosovo oder Albanien vor. Doch plötzlich stehen wir auf dem Gelände der Philologischen Fakultät vor der Statue von Anton Çetta, der Anfang der 1990er-Jahre eine große Versöhnungsbewegung zur Beilegung von Blutfehden anführte. Initiiert wurde sie von zwei studentischen Aktivistinnen und ehemaligen politischen Gefangenen, Hava Shala und Myrvete Dreshaj. Sie haben allerdings (noch) keine Statue.
Nach der Stadtführung treffen wir Adrians Kolleginnen im Restaurant und essen sehr viel. Meine Lesung ist erst morgen. Ich bin früher angereist, für den Fall, dass es zu Verzögerungen kommt, zu einer Fahrzeugpanne oder langen Wartezeiten bei der Einreise. Da wusste ich noch nicht, dass die Grenze lila ist. Am Nebentisch sitzt der Dramatiker Jeton Neziraj, dessen neues Stück under the shade of a tree I sat and wept an diesem Abend im ODA-Theater aufgeführt wird. Wir gehen natürlich auch hin. Im Foyer steht ein Mann, der mir unglaublich bekannt vorkommt, ich kann nur nicht sagen, woher. Der Kulturminister, sagt Adrian.
Jeton Nezirajs Stück kreist um Vergebung und Versöhnung, wobei es die Beilegung der Blutfehden in Kosovo und die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika in den Blick nimmt. Es stellt die Frage, wann und unter welchen Umständen Menschen, und vielleicht sogar Völker und Nationen, bereit sind, zu vergeben. Ob Versöhnung im schlimmsten Fall nicht dumm oder zynisch ist, weil sie die Täter entlastet, anstatt sie zu bestrafen und weil sie im Grunde nichts wieder gut macht. Wie der Dramaturg Greg Homann in einem Interview mit SEE Stage sagt, erlaubt das Theater dem Publikum, Versöhnung nicht als Ergebnis zu erfahren, sondern als Prozess:
»Theatrical space allows contradictions to coexist – it can hold grief and beauty, rage and tenderness, playfulness and pain, all on the same stage. In that sense, this piece of theatre invites an audience to experience questions of reconciliation not as an outcome but as an ongoing act of witnessing, contradicting, complicating, irreverence, and feeling.«
Zum Frühstück im Hotel blättere ich in der Western Balkans-Ausgabe des Lonely Planet, die dort aufliegt und großzügig auch Slowenien und Kroatien miteinschließt. Europas jüngste Hauptstadt sei voller Optimismus und Potential, schreibt der Lonely Planet über Pristina, »though a little rough around the edges«. Die Hauptaktivität für Touristen bestehe darin, die Vibes in sich aufzunehmen.
Am Nachmittag lese ich in der Nationalbibliothek des Kosovo aus meinem Roman. Ich dachte immer, Brutalismus sei nicht meins, aber dieser Bau von Andrija Mutnjaković, der gleichzeitig monumental und verspielt ist, holt mich ab. Während sonst überall in Südosteuropa die Zahl der Germanistik-Studierenden dramatisch zurückgeht, ist der Große Saal hier gut gefüllt. Rund 120 Studienanfänger*innen gibt es jedes Jahr allein in Pristina, und weitere 80 Germanistik-Erstsemester an der Universität Prizren, hat Adrian gestern erzählt. Die deutsche Sprache ist für sie eine gute Karriere-Option. Schon während des Studiums können sie für Firmen aus Deutschland oder Österreich arbeiten, im Call Center, oder selbst Deutsch als Fremdsprache unterrichten. Das Publikum nimmt regen Anteil an den Verstrickungen meiner Romanfigur Hanna Fürst und der Kluft zwischen dem Anspruch und der Wirklichkeit eines geeinten Europas, die sich vor ihr auftut. Eine Studentin fragt mich, ob ich glaube, dass Europa es sich heute noch leisten kann, Ideale zu haben. Ich sage, ich weiß nicht, was die Alternative ist.
Nach der Lesung gehen wir zu einem Konzert ins Alte Hammam von Pristina. Die Sängerin Linda Rukaj interpretiert traditionelle albanische Lieder neu, dazwischen englische Rocknummern und Chansons in südfranzösischem Dialekt, der eigentlich wie Portugiesisch klingt. Komm so schnell du kannst, wird zum Schluss der Geliebte in einem alten albanischen Lied beschworen.
Später in der Bar machen wir das, was wir auch am ersten Abend gemacht haben: zusammensitzen, trinken, reden, in einer Runde, die immer größer wird, weil immer jemand jemanden kennt. Eine Parallele zu Österreich, denke ich. Das Land ist klein und ehe man sich versieht, ist man draußen, studiert, arbeitet, lebt anderswo, ist Sängerin in Paris, Anthropologin in Graz, ÖAD-Lektorin in Pristina oder eine DJane, die die Welt bereist, und hat doch immer wieder diesen Ruf im Ohr: Komm so schnell du kannst! Ich erzähle vom Lonely Planet und dass darin nur drei Orte in Kosovo als sehenswert aufgeführt werden: Pristina, Prizren und Peja. Das sei nichts, worüber man traurig sein müsse, sagt Arben, einer der Schauspieler, der in Jeton Nezirajs Stück mitspielt. Es habe doch auch etwas für sich, nicht entdeckt zu werden.
Für das Hotelfrühstück komme ich am nächsten Tag zu spät aus dem Bett. Guten Morgen, begrüßt mich der Mann in der Burektore in akzentfreiem Deutsch, als würde er mir nicht nur sofort ansehen, dass ich nicht von hier, sondern auch, woher ich bin. Was darf’s sein? Dieses Burek hier, ist das mit Spinat? Er nickt. Und haben Sie Joghurt oder Ayran? Haben wir beides. Was möchten Sie? Ayran, sage ich, und kriege Joghurt.
Die Ausstellung Once upon a time and never again des Humanitarian Law Center wurde mir sehr ans Herz gelegt. An ihrem Anfang steht eine Wand voller Namen. Sie gehören den 1133 Kindern, die im Kosovo-Krieg 1998-99 und in der unmittelbaren Nachkriegsphase ums Leben gekommen sind oder bis heute als vermisst gelten. Aus dem Roman ë von Jehona Kicaj weiß ich, dass der Name Diana nicht darunter ist. In den Ausstellungsräumen sind in Glas gerahmte oder in Glaskästen verwahrte Gegenstände zu sehen – Kleidungsstücke, Spielsachen, Zeichnungen, Fotografien – die an die im Krieg getöteten Kinder erinnern. Kurze Texte erzählen ihre Geschichte. Eigentlich sollte die Ausstellung, die im Frühjahr 2019 eröffnet wurde, nur ein Jahr lang bestehen. Stattdessen ist sie zu einem wichtigen Gedenkort geworden, weitere Gegenstände und Geschichten sind hinzugekommen.
Bevor ich in den Bus steige, der mich zurück über die lila Grenze bringt, treffe ich Adrian auf ein Abschieds-Mittagessen. Wir sitzen in einem sonnigen Gastgarten in der Nähe des Regierungsgebäudes, einem architektonisch eigenwilligen Hochhaus aus den 1970er-Jahren. Der Mann da drüben, der mit dem Bart, das ist der Gesundheitsminister, sagt Adrian. Und hinter dir sitzt die stellvertretende Außenministerin.
Auf dem Weg zum Busbahnhof geraten wir in einen Stau, der so zäh ist, dass ich meinen Bus versäume. Der Taxifahrer hupt und flucht, verflucht den Freitagnachmittag. Indes recherchiere ich neue Verbindungen nach Prizren, das trotz der Empfehlung des Lonely Planet mein nächstes Ziel ist. Als ich vom Display aufsehe, steht plötzlich der Mann vor mir, der mir so bekannt vorkam. Von einem Wahlplakat herab blickt mich der Kulturminister aufmerksam an, als wollte er mich höchstpersönlich verabschieden.
Theresia Töglhofer las auf Einladung der Österreichischen Botschaft Pristina am 23. Oktober 2025 in der Nationalbibliothek des Kosovo. Sie reiste aus Tirana an, wo sie im Oktober 2025 Writer in Residence des Poeteka-Programms war.