Sieben Saiten des Flusses
Erste Schritte zwischen Boden, Luft. Steige gelbe Stiegen in den Bauch eines großen Zugvogels, weiß. Nennt sich DREAMLINER, trägt einen roten Sichelmond, setze mich in seine Flugfedern Richtung anderes Ende der Welt. Bin ohne Bilder, erste Klänge einer Sprache, die mich umgeben. Höre sie, verstehe nicht, hüllen mich gerade deswegen ein. Sitze direkt am linken Flügel, die Sonne beginnt zu steigen, im Bauch wird es Nacht. Die Federn des Zugvogels dunkeln ab, warm in roten Decken. Er hat die Zeit vom anderen Ende, wo die Holzschlange schon alt, mitgeflogen. Lichter um das schwarze Meer, der Zugvogel fliegt ruhig, vergesse durch sein Gewicht die Luft rundherum. Vergesse unten das laufende Feuer, wie es sich ausbreitet. Von hell wird der Himmel violett, fliegen der Nacht nach, dem Mondjahr entgegen. Sehe Löwenzähne im Wind, Tiere, die in hohen Schneebergen leben. Bis die ersten Lichter, der Zugvogel landet schwebend, landet zwischen. Bin in der Zukunft, wandle durch weiße Echohallen. Abend, Früh, die Zeit ist gelöst, mein Körper, löst ab, ein neuer Zugvogel den ersten. Seine Strecke ist kürzer, bringt mich in die erste Stadt am anderen Ende, das jetzt der Anfang. Zwischen Glas hoch Richtung Wolken, sehe aus meinem Nest auf vierspurige Straßen, Punkte, die über Kreuzungen strömen. Von oben wirken sie still, sehe einen weißen Hirsch mit rosa Geweih, eine Orchidee, die ein Lufthaus hinaufklettert. Sehe auf Nadelbäume, orange, vielleicht Lärchen. Das Gehen auf neuem Boden geht nicht gleich, muss die richtigen Füße finden, den Atem anpassen. Wandle als Element durch bunte Nachtlichter, zwischen echt, Einbildung. So viele, dass ich lerne sie nicht einzeln, mehr als Überblick zu sehen. Gehe ohne Sprache durch Klänge, Bilder, wandle durch Berührung. Ein Zustand von aufsteigendem Dampf. Ungeerdet mit Schwebefuß, sprachlos flottiert mein Körper in Umgebung, für die ich keine Namen habe. Die Sonne geht zwischen Häusern unter, geht zwischen Häusern auf. Herbst. Ihr holt mich ab, um mir die gelben Ginkgobäume zu zeigen. Schenkt mir ein Blatt, gehen durch Gärten, hohen Bambus. Sagt, dass die Menschen jetzt auf Wiesen wachsen. Zeigt mir die Söhne des Drachens, dass jede ihrer Farben eine andere Funktion. Darf über den Rücken eines roten streichen, Jasminblüten treiben in Wasser, das wir trinken, sinken an den Grund. Ruderboote über den Teich, fragt mich zu morgen, übermorgen. Euer Vater habe die Antwort, folgt dem Mond, den Sternen, dass ihr deswegen in die Stadt, in Gegenwart gezogen. Das Wasser wird von Sätzen getragen. Reden über Sprachen, wie man sich in welcher bewegt. Fragt mich zu meinen ersten Worten, sage ein Blättertanz und der Großvater, die Großmutter. Gesichtswechsel eins. Und schon bringt ihr mich zu den Bären, erzählt welcher schüchtern oder nach außen gekehrt, während Menschen vorbeigehen mit schwarzen Fellohren auf Köpfen. Keine Sekunde zu lang, kurz, der restliche Tag orange. Der Mond nimmt zu. Noch ein Schlaf in Wänden aus Fenstern, bis der nächste Zugvogel bereit steht. In den Süden, kurz über das Meer, meine Sinne. Sommer. Gesichtswechsel zwei. Holt mich ab mit Kokosmilch, setzt mich ab im großen Haus mit See in der Mitte. Im Frühraum treffen sich Morgen, Abend. Gesichtswechsel drei. Holt mich ab, um mir den Vogel zu zeigen, der stirbt, wieder aufwacht, das Kind, das mit dem Lotusblatt spielt. Fahren weiter mitten durch Zukunft in ein Stück stehen gebliebenen Raum. Eine ganze Stadt hinter dem Tor wie vergangen, Menschen bringen Orangen, Lilien. Vor den Eingängen schweben Lotusblumen im Wasser, Luftwurzeln von Bäumen. Rauch, sein Geruch steigt, trägt Wünsche von Erde in Luft. Fahren den Perlenfluss zurück zum Haus mit dem See, Gesichtswechsel vier. Beginne wieder zu lesen aus eigenem Wasser, in der Nähe das Meer. Wie hinter einem Schleier, wie in Wasserdampf, sagt ihr, seien für euch meine Worte. Wie ein Gewebe aus drei Zeichen, Wasser, Bilder, Sätze, und erzählt von eurer Sprache, in der Verben nicht zwischen Wirklichkeit, Möglichkeit unterscheiden. Es gäbe keine Zeiten, aber das erste Lebensjahr im Wasser zähle dazu. Ein dritter Zugvogel wartet, trägt mich vom Meer in den Norden. Winter. Gesichtswechsel fünf. Wie eine Schwalbe, die nicht zwischen Glas, Luft unterscheidet. Stoße gegen eine Fensterscheibe, hinter der unsere Worte sich zum ersten Mal seit der Reise begegnen. Du beginnst, liest über den Riesenskorpion, die Farbe Blau, steige wieder ein beim Wasser, bis »zeitliche Trennungen dehnen«. Es kommt immer wieder die Frage zum »Du«, wer es sei. Aus Gemeinschaft gelöst, »einzeln«, übersetzt es als »einsam«. Der Mond ist voll. Gesichtswechsel sechs. Holt uns ab in der Früh, die Fahrt in blau und Berge, um uns die lange Mauer zu zeigen. Ihr Drachenschwanz über Hebungen, Senkungen, kalte Sonne auf der Haut, atmen ersten Schnee. Wärmen uns bei der Überfahrt zum Sommerpalast, zeigt uns schwarze Schwäne mit roten Schnäbeln. Der See ist zugefroren, sagt, bald werden wir darüber laufen. Gesichtswechsel sieben. Fahren in der nächsten Früh zum Feuertempel, um den Wasser-, den Fuchsgott. Lerne Qilin kennen in seinem Schuppengewand, läuft mit seinen Hufen sanft, um keinen Grashalm niederzutreten. Gesichtswechsel acht. Zeigst einen Maulbeerbaum, der aus einer Kiefer wächst, sagst ein Vogel habe eine Beere in ihren hohlen Stamm fallen lassen. Gesichtswechsel neun. Schaue dir zu, wie du Blickkontakt hältst mit einem Frosch, eure Augen sind dieselben. Die Schöpfergöttin der Menschen, sagst du, halb Flosse, Frau, dass ihr Name vielleicht den Übergang bedeute zwischen Wasser, Luft. Der Boden in der Farbe der Fenster, des Himmels. Erzählst mit dem Schatten deiner Hände von zwei Menschen, die sich in Schmetterlinge verwandelt, um das Verbot, sich zu lieben, zu umgehen. Schneller als Augen, Gesichtswechsel zehn. Nimmst mich mit in einen Raum ohne Bewegung, in dem das Lied der Möwen auf einem alten Instrument. Der Sohn beobachtet die Möwen, erzählt dem Vater zuhause, wie sie tanzen. Der Vater will sie mitnehmen, um den Tanz zu sehen. Als sie zurückkommen, sind sie nicht mehr da. Auf den Saiten die Monate, die Wochen. Die rechte Hand zupft, bestimmt den Ton, das stehe für Erde. Die linke Hand klopft, steuert das Schwingen des Tons, den Raum, den er einnimmt. Das stehe für Himmel. Eure Sprache markiert nicht, wenn jemand spricht, wahrnehmen sei passiv, strömt ein. Am Weg nachhause Duft nach Wasserfichte, der Platztanz, ich steige ein, drehe mich in Nacht. Jemand hat dir eine Nachricht mit schwarzer Tinte auf gelbe Ginkgoblätter geschrieben, sie an die Wand gehängt. Macht keinen Unterschied zwischen Hauptsatz, Nebensatz, ob etwas ein Name oder eine Handlung, eine Handlung oder eine handelnde Person. Jemand rudert auf den sieben Saiten des Flusses, langsam oder schnell, zwischen Vergangenheit, Zukunft, weder männlich, weiblich. Eure Sprache markiert das Geschlecht nicht, habt nicht Wörter, die Personen stellvertreten, keine Satzzeichen, die ein Ende vorgeben, einen Anfang. Schön langsam, sagt ihr zum Abschied, eilt davon. Der Mond ist abnehmend. Hebe nochmals ab, der Zugvogel zwischen rosa Wolken, erste Stimmen in meiner Sprache, höre sie, verstehe, hüllen mich gerade deswegen ein. Jede Tonhöhe habe eine andere Bedeutung, letzter Gesichtswechsel. Wieder Sommer. Der letzte Zugvogel nimmt mich mit. Warm, sein Bauch, die Sonne geht in Wolken unter. Das Nachtmeer beim Abheben, seine leuchtenden Schiffe. Die Mondsichel liegt am Rücken. Entfernen uns Nachtlicht zu Nachtlicht, nähern uns, das schwarze Meer. Zeit zurück, fliegen zum anderen Ende, anderen Anfang der Welt. Fliegen der Nacht vor, dem Sonnenjahr entgegen. Streifen am Himmel, ganz langsam hell, tauchen in Wolken. Sehe meine Kinderschritte am Ufer, landen sanft am Boden. Winter. Jedes wieder lesbare Wort wurzelt, jeder Buchstabe ein Gesichtszug. Laternen, die in den Himmel steigen. Suche nach allem, das mich erinnert. Ein zweites neues Jahr im Zeichen des Feuerpferdes. Licht, das zurückkommt, geht, die Kreise sind gleich. Die Größen haben sich verändert, Wasser ist wichtiger geworden. Wasser, das fließt, das ich trinke, über meine Haut. Das Wasser kann sich nicht abgrenzen von Wasser, hat keine Einzahl, Mehrzahl. Wasser, Holz, die Schreibweise sei ähnlich. Die kahlen Dezemberäste wie Schriftzeichen, deren Bedeutung ich nicht kenne, aber ihre Bewegungen sind da.
Sophia Lunra Schnack war auf Einladung des Österreichischen Kulturforums Peking zwischen 29. November 2025 und 9. Dezember 2025 auf Lesereise in China und trat u.a. in Chengdu und Peking auf.