How to live in Taipei
Wort. Es lohnt sich vielleicht, unser aktuelles Apartment in Taipeh näher zu beschreiben. Gleich wenn man aus dem Aufzug steigt, befindet sich zur Rechten das Stiegenhaus mit einigen Mülltonnen. Schaut man genauer, wuselt es dort ordentlich. (Baby-)Kakerlaken kriechen zwischen den Mistsäcken herum, Ameisenstraßen schultern Lebensmittelreste in die Ritzen der Gangmauern. Wir vermissen Greg. Obwohl er uns hintergangen hat. Betritt man die Wohnung, die lediglich mit einem Zahlenschloss gesichert ist, könnte man nicht überraschter sein. Auf Airbnb war auf den Fotos nämlich eine charmante Wohnung mit zwei oder sogar drei Schlafzimmern, einer Wohnküche direkt beim Eingangsbereich und ein Badezimmer zu sehen. In Wirklichkeit sind Wohnzimmer und ein Schlafzimmer ein Raum, welcher lediglich durch eine Glaswand zweigeteilt wurde. Die Illusion eines zweiten oder dritten Schlafzimmers ist lediglich dadurch entstanden, dass man die Möbel im Wohnzimmer mehrfach umgeräumt und neu fotografiert hat. Elias ist enttäuscht, dass er ein Zimmer mit Fenster bekommt. Kurz überlegt er, es sich im Badezimmer einzurichten, aber das Badezimmer ist so klein, dass man dort nur vertikal schlafen könnte, was Elias grundsätzlich nicht ausschließt (sehr verdächtig, vielleicht stimmt die Vampir-Theorie doch?), dann aber baut er sich ein kleines Deckenzelt in seinem Zimmer und scheint darüber auch ganz glücklich zu sein.
Die Tiere am Gang lassen uns keine Ruhe. Elias will auf keinen Fall, dass ihm, wie auf der letzten Tour 2019, eine Kakerlake im Schlaf übers Gesicht läuft, und überlegt, wie man das am besten verhindern könnte. Jimmy meint, dass die Tiere eigentlich nur in die Wohnung kommen, wenn es was zum Essen gibt. Also müssen wir einfach dafür sorgen, dass wir keine offenen Lebensmittel in der Wohnung haben?, fragt Elias. Genau, meint Jimmy. Das wäre Schritt Nummer eins. Schritt Nummer zwei wäre, dass wir die Tiere am Gang proaktiv füttern, damit es für sie gar keinen Grund gibt, woanders auf Nahrungssuche zu gehen. Das ist wissenschaftlich bewiesen, führt Jimmy weiter aus. Er habe Studien gelesen, wiederholt er mehrmals. Studien! Wort! Für! Wort! Solange genug Futter im eigenen Revier vorhanden ist, bleiben die Tiere da, wo sie sind. Dann ist ein friedliches Nebeneinanderleben von Mensch und Tier möglich und man muss nicht mit chemischen Sprühbomben unseren lieben Erdmitbewohner:innen den Garaus machen. Jimmy formt seine Finger zu einem Peace-Zeichen, dann laufen wir los und kaufen ein ordentliches Abendessen für die Kakerlaken am Gang, damit sie ja nicht auf die Idee kommen, uns in der Wohnung zu besuchen. Wort.
Am nächsten Morgen wachen wir auf und blicken aus dem Fenster, direkt in ein Großraumbüro gegenüber, wo die Leute bereits arbeiten. Ein Blick auf den Boden des Innenhofs verrät, dass eine oder mehrere Parteien ihren Müll einfach aus dem Fenster werfen – es türmen sich Essensverpackungen, Lebensmittelreste etc. Siehst du, meint Jimmy begeistert. Andere machen das genauso, um sich die Kakerlaken vom Leibe zu halten. Nicht schlecht, meint Elias und wirft seinen halbvollen Pappbecher mit Kaffee ebenfalls aus dem Fenster.
In diesem Moment vibriert Elias‘ Handy. Unser Airbnb-Host schickt uns eine Reihe von Nachrichten: Sollten wir das Klo durch Taschentücher oder sonstigen Müll verstopfen, koste dies 10.000 NT$. Sollten wir in der Wohnung rauchen, ebenfalls 10.000 NT$. Sollten wir irgendwelche Speisen aus dem Kühlschrank essen, auf denen nicht unsere Namen stehen: 50.000 NT$.

Auf der Suche nach einem Frühstück – wir wollen Fantuan (飯糰) essen – durchstreifen wir die Gegend. Vor uns taucht eine Frau auf, die einen Wagen voller recycelter Ware durch die Straße schiebt. Den wenigsten ist bekannt, dass Taiwan über eines der effizientesten Recycling-Systeme der Welt verfügt. Nicht nur die privaten Haushalte trennen fleißig ihren Müll und bringen ihn zu den Abholstellen der Müllabfuhr, es gibt zudem auch Menschen, die ihren Lebenserhalt damit verdienen, recycelbaren Müll zu sammeln, zu sortieren und dann kiloweise zu verkaufen. Meist leben diese Menschen jedoch sehr prekär. Was bei uns lediglich Pfandflaschen-Sammeln ist, nimmt in Taiwan eine ganz andere Dimension an. Leute durchstreifen die Nachbarschaft und wissen ganz genau, wann die Anlieferungszeiten bei Märkten sind und die dazugehörige Kartonage entsorgt wird. Oder halten sich bei Nachtmärkten und besonders belebten Straßen auf, wo durch Einweg-Geschirr besonders viel Müll anfällt. Oft stecken ihnen Menschen auch ihren gesammelten Abfall zu. Was sie für die gesammelte Ware bekommen, ist nicht viel: Für einen Kilo Papier gibt es 2 NT$ (5 Cent), für einen Kilo Kunststoff gibt es 4,5 NT$ (12 Cent), für einen Kilo Aluminium-Dosen immerhin 38 NT$ (ziemlich genau ein Euro). Jimmy erinnert sich, dass in Tainan, gegenüber vom Haus seines Großvaters, eine ältere Frau gelebt hat, die ebenfalls tagtäglich Müll gesammelt hat. Wenn man beim Vorbeigehen einen Blick in ihren Vorraum geworfen hat, wurde man von dem Anblick des Mülls erschlagen, der vom Boden bis zur Decke dort gestapelt war. Nachmittags ist sie vor ihrem Haus gestanden und hat mit krummen Rücken den Müll sortiert. Jahrelang hat sie in dieser Haltung verbracht, sodass sie ihren Oberkörper schließlich gar nicht mehr aufrichten konnte.

Elias‘ Handy vibriert wieder, der Airbnb-Host schreibt, wenn wir länger als zehn Minuten im Badezimmer sind und dabei das Wasser bei einer Temperatur von über 40 Grad laufen lassen, müssen wir unbedingt die Raumlüftung für mindestens 60 Minuten einschalten, ansonsten droht eine Strafe von 80.000 NT$, da die Decke sonst Schimmel ansetze. Außerdem fragt er, ob wir ihm Mango-Strawberry Vapes aus Wien mitnehmen können. Wir glauben, er hat nicht ganz am Schirm, wann seine Gäste an- und abreisen. Irgendwie wirken diese ständigen Hinweise auch wie Drohungen, aber wir versuchen uns davon nicht einschüchtern zu lassen. Am Heimweg füttern wir den Kakerlaken am Gang ein halbes Fantuan – man merkt richtig, wie ihnen unsere Fürsorge gut tut, sie stellen alle neugierig ihre Fühler auf und winken uns freundlich zu. Sie sind auch deutlich gewachsen. Der Airbnb-Host wird sehr froh über unsere Aktion sein, wenn wir ihm die Wohnung dann im perfekten, kakerlakenfreien Zustand übergeben. Jimmy, der gerade den YouTube-Film »How to live on Earth« gesehen hat, kommt ins Schwärmen: Das sei genau das, was Benedict Cumberbatch vermitteln würde: Wieder mehr im Einklang mit der Natur leben und nicht immer gegen sie agieren. Nur gemeinsam können wir eine lebenswerte Zukunft für alle Wesen dieser Erde schaffen. Dann fällt ihm ein, dass er noch ein kleines Stück Durian aus Kuala Lumpur dabeihat, dass er unauffällig an den Taiwanischen Behörden vorbeigeschmuggelt hat. Er knabbert selber noch ein bisschen daran, dann steckt er den Rest den Kakerlaken zu. Werdet stark und mehret euch, flüstert er verschwörerisch. Elias macht sich langsam Sorgen. Die Kakerlaken winken unterdessen fröhlich mit ihren Fühlern. Wirklich sehr höfliche Tiere.

Am Montagabend haben wir einen Auftritt beim Leiter des Österreich Büros (also quasi die Österreichische Botschaft in Taiwan, wenn Taiwan von Österreich anerkannt würde). Das Publikum an diesem Abend besteht im Grunde nur aus anderen diplomatischen Mitarbeiter:innen der Partnerinstitutionen. Es sind alle da von den inoffiziellen Landesvertretungen in Taiwan: das Österreich Büro, das Deutsche Institut, das litauische Etablissement, das belgische Zimmer, der brasilianische Ort, die Liechtensteinische Stelle, die dänische Latrine, das Schweizer Dings (echte Institution, look it up, why would we deceive you, there‘s no reason for us to do that).
Die Lesung verläuft verhältnismäßig normal, lesungsmäßig halt – wie soll eine Lesung sonst verlaufen, man liest halt was vor, Leute hören zu und bohren in der Nase (meistens in der eigenen), schielen ab und zu zum bereits aufgebauten Buffet, danach kleine Häppchen und Sekt, eh nett, und am Ende erzählt uns dann noch jemand, dass neulich eine deutsche Touristin viral gegangen ist, weil sie auf Xiao Liu Qiu (小琉球) eine Schildkröte gestreichelt hat, was aus Tierschutzgründen absolut verboten ist und hoch gestraft wird. Momentan darf sie das Land nicht verlassen, weil da irgendwas noch gerichtlich aufgerollt werden muss. Der Österreich-Büro-Leiter meint zu uns, dass wir bitte so einen Blödsinn nicht anstellen sollen und wenn doch, dann wenigstens nicht in seinem Zuständigkeitsbereich. Oder wir sollen uns als Australier ausgeben, das hat in der Vergangenheit eigentlich immer ganz gut funktioniert.
Witzigerweise ist der Kameramann, den wir während einer stürmischen Taifun-Nacht in einer Karaokebar kennengelernt haben (Siehe Blog-Teil 2) auch anwesend. Wort. Sein Dreh über die Nosferatu-Spinne im 6. Stock ist sehr gut verlaufen, er habe ihr, so wie es sich gehört, ordentliche Leckerbissen mitgebracht, damit sie nicht auf die Idee käme, ihn zu attackieren, und habe dann wirklich schöne Aufnahmen gemacht, wie sie ein Babyzebra, mehrere Mäuse und vier Portionen Stinky-Tofu verzehrt habe. Jimmy nickt begeistert und erzählt, wie wir die Kakerlaken im Gang füttern, aber der Kameramann winkt ab: Die Kakerlaken-Doku habe er schon vor mehreren Jahrzehnten abgedreht.
Mit einer Gier, die man nur von Künstler:innen und Kakerlaken kennt, plündern wir, bevor wir aus der Wohnung geschmissen werden, das Buffet, und fahren etwas angeheitert nach Hause, wo wir unseren kleinen Freund:innen am Gang leckere Gemüse-Quiche und originale Wiener Fleischlaberl servieren. Zufrieden stellen wir fest: Während sich im Gang die Kakerlaken-Population vervielfacht hat, ist in unserer Wohnung weiterhin keine einzige zu sehen. Es geht also doch, die friedliche Ko-Existenz.
Mitten in der Nacht vibriert Elias‘ Handy wieder einmal – der Airbnb-Host teilt uns mit, dass beim Verlassen der Wohnung alle Elektrogeräte abzuschalten sind, ansonsten drohe eine Strafe von 40.000 NT$. Am Morgen lesen wir die Nachricht und stecken, bevor wir zum Chiang Kai-Shek Statuen-Park in der Nähe von Taoyuan fahren, sicherheitshalber auch den Kühlschrank ab.
Mit dem Schnellzug von Taipeh aus sind es im Grunde nur 20 Minuten bis Taoyuan, aber von dort dann actually bis zum Statuen-Park nochmal fast eineinhalb Stunden mit dem Tucker-Bus durch kleine Vororte. Auch gut, denkt sich Elias. Sieht er mal was vom ländlichen Taiwan. Wir kommen an ein paar netten Cafés vorbei. Leider geschlossen wegen Dienstag. Dann an einem Streichelzoo durch deren Tore man ein paar kleine Schafe und Ziegen sehen kann. Leider auch geschlossen wegen Dienstag. Dienstag ist auf dem Land der Sonntag, erklärt Jimmy. Sonntag kann man einfach nicht Ruhetag machen, da haben die meisten Leute frei und kommen zu den Attraktionen. Wenn Dienstag Sonntag ist, was ist dann Sonntag?, fragt Elias. Na Montag, sagt Jimmy. Ich dachte Dienstag sei Sonntag, meint Elias. Montag und Dienstag seien Sonntag, Donnerstag ist Freitag, Freitag ist Samstag. Samstag ist ebenfalls Freitag, aber ein anderer Freitag und Mittwoch bleibt selbstverständlich gleich. Völlig klar.

Am Figurenpark angekommen sind wir definitiv nicht enttäuscht. Wir haben uns eigentlich nicht viel erwartet, nur eine ganze Menge Statuen des alten Erzfeindes von Mao Zedong und genau das bekommen wir auch. Jede Menge Statuen von Chiang Kai-shek. Also wirklich viele Chiang Kai-sheks. Eine absurde Menge Chiang Kai-sheks. Eine Chiang Kai-Shek-Armee, die im Alleingang China zurückerobern könnte. Für den einen oder anderen eventuell sogar zu viele Chiang Kai-sheks. Ich (Elias) kann euch rr imho nicht begreiflich machen, wie viele Chiang Kai-sheks da überall herumstehen. Sitzende Chiang Kai-sheks, reitende Chiang Kai-sheks, meditierende Chiang Kai-sheks, Chiang Kai-sheks mit Hut, Chiang Kai-sheks mit Militär-Barret, Chiang Kai-sheks mit Selfiestick, golfende Chiang Kai-sheks, Chiang Kai-sheks beim Tischtennisspielen, Chiang Kai-sheks mit Gehstock, Chiang Kai-sheks in Wanderoutfit, Chiang Kai-shek in the corner, Chiang Kai-shek in the spotlight, Chiang Kai-shek losing his religion. Dann: Zwei Chiang Kai-sheks, die sich an einem enorm langen Tisch gegenübersitzen wie ein altes, entfremdetes Ehepaar beim Abendessen, das über ihr Sorgenkind Chiang Kai-shek spricht, das sich nie bei ihnen meldet – nicht mal am 10.10.2011, als sie den 100. Jahrestag der Republik China gefeiert haben. Immer wieder entdeckt man verschiedene Gruppen von sechs bis sieben Chiang Kai-sheks, die in einem Kreis um einen weiteren Chiang Kai-shek herumstehen, so als würde sich ein Council of Chiang Kai-sheks interessiert eine Rede von einem Chiang Kai-shek anhören. Einige Chiang Kai-sheks sind in einer langen Schlange hintereinander aufgereiht, so als würden sie sich am Bezirksamt anstellen für einen neuen Meldezettel. Irgendwann scheinen die Kurator:innen aufgegeben zu haben: Es waren einfach zu viele Chiang Kai-sheks. Am Ende des Parks stehen dann einfach fünfzig bis sechzig Chiang Kai-sheks in einem dichten Raster nebeneinander, nicht einmal sinnvoll nach Größe geordnet, einfach aneinandergereiht wie in einer Lagerhalle, als würden sie darauf warten demnächst endlich von einem barmherzigen Statuenconnaisseur adoptiert zu werden. In der Tat war das mal eine taiwanische Fernsehsendung: Wer adoptiert Chiang Kai-shek?, in der ein Moderator verschiedene Chiang Kai-sheks nacheinander präsentierte, sie vor der Kamera drehte, ihre gekonnt gemeißelten Züge hervorhob, bis sich endlich ein geneigter Zuseher bei der Hotline meldete. Die Show war ein voller Misserfolg und neben vereinzelten Söhnen, die von ihren Vätern im Stich gelassen worden waren, und sich stattdessen einen anderen wohlwollend lächelnden, älteren Mann in ihr Wohnzimmer stellen wollten, meldete sich fast niemand.

Überhaupt sind es sehr entspannte, friedfertige Gesichtszüge, die die Chiang Kai-sheks haben. Die meisten der aberhunderten Statuten mimen einfach einen nett wirkenden, älteren Mann, liebenswert, nachsichtig, fast ein klein wenig verwirrt. In Summe wirkt der Park wie ein gutgeführtes Seniorenheim für pensionierte Diktatoren. Und da sind wir beim relevanten Punkt, denn, so friedlich und liebenswert wie diese absolut absurde Anzahl an netten alten Männern da vor sich hingrinst, könnte man fast vergessen, dass es sich hier um das immer und immer wieder reproduzierte Gesicht eines ehemaligen Diktators handelt, unter dessen Herrschaft die taiwanische Bevölkerung einige der schlimmsten Jahrzehnte ihrer Geschichte verbringen musste. Die Statuen, die im Park rumstehen, sind auch in der Tat die Statuen, die vorher im ganzen Land verteilt an Universitäten, Schulen und öffentlichen Plätzen verteilt standen, und dann über die letzten Jahrzehnte nach und nach von dort entfernt wurden. Das wird zwar auf der einen oder anderen Tafel im Park auch erwähnt, aber so eine richtig kritische, historische Einordnung fehlt trotzdem vor Ort. Die einzigen Warnungen, die es hier gibt, sind vor Schlangen, Moskitos und Bienen (letztere Warnung absolut zurecht, wie wir später feststellen). Die einzige Statue, die etwas kritischer zu sein scheint, ist eine große, dekonstruierte Statue. Ein Chiang Kai-shek, dem Teile seines Körpers fehlen, dessen Fassade langsam zu bröckeln begonnen hat und der auf einem Thron sitzt, der ebenfalls nur mehr von einem brüchigen Drahtskelett zusammengehalten wird.
Zumindest stehen die Chiang Kai-sheks jetzt nicht mehr in Schulen und Unis herum, sondern sind alle hier draußen im Nirgendwo versammelt, unter sich, wo sie sich nur noch gegenseitig zuhören, auf die Schulter klopfen und ins Leere starren können und niemandem mehr schaden.

Ein bisschen hat der freundlich vor sich hin grinsende alte Mann aber immer noch seine Finger in der taiwanischen Politik. Zumindest wenn es nach dem derzeitigen Bürgermeisterkandidaten für Taipeh Chiang Wan-an geht, der behauptet, er sei ein Urenkel von Chiang Kai-shek. Allerdings nicht aus der offiziellen Linie, sondern als das Produkt einer Affäre von Chiang Kai-sheks Sohn. Dass er eigentlich Chang und nicht Chiang hieß und sein Vater seinen Namen irgendwann in Chiang ändern hatte lassen, um seiner Behauptung mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, die Familie stamme direkt vom ehemaligen Landesvater ab, wirft einige Fragen auf. Und auch die Tatsache, dass sich Chiang Wan-an nach wie vor weigert, einen DNA-Test durchführen zu lassen, lässt einige Zweifel an der Verwandtschaftsvermutung aufkommen. Übrigens versucht er sich gleichzeitig auch in gewisser Hinsicht von seinem angeblichen Urgroßvater und dessen problematischer Geschichte zu distanzieren. Ein schmaler, extrem weirder Grat, den der Bürgermeisterkandidat da versucht entlangzubalancieren.
Als wir heimkommen, breitet sich vorm Kühlschrank im Wohnzimmer eine Riesenpfütze aus. Bevor wir sie aufwischen können, sehen wir, wie sich ein Mann im Innenhof herabseilt. Als er bei unserem Fenster ankommt, stellt er sich als unser Airbnb-Host vor und meint, dass er in seiner Wohnung über uns vermeint habe, dass in unserer Abwesenheit noch ein Gerät angesteckt gewesen wäre. Wir zeigen auf die Pfütze am Boden und beschwichtigen ihn: Selbst der Kühlschrank war abgesteckt. Er schaut uns an, als ob er noch nie dümmere Menschen als uns gesehen hätte. Dann schwingt er sich mit seinem Seil wieder zum Fenster hinaus und ruft: »Immer die Fenster schließen und schon gar keine fremden Menschen in die Wohnung lassen, die sich als Airbnb-Hosts ausgeben, sonst droht eine Strafe von 100.000 NT$.«

Am Mittwoch fahren wir nach Kaohsiung an die National Kaohsiung University of Science and Technology. Zuerst nobel und entspannt mit dem High Speed Rail von Taipeh nach Zuoying und dann mit extrem verwirrenden Bussen eine Ewigkeit lang durch Kaohsiung, bis wir irgendwann endlich da sind.
Wir lesen vor allem vor Deutsch-Studierenden. Zwei Master-Studentinnen haben in mühevoller Kleinstarbeit Referate über unsere aktuellen Romane vorbereitet. Dazwischen lesen wir einzelne Stellen daraus vor und beantworten dann verschiedene Fragen der Studierenden. Sogar die Textstellen haben sie auf Mandarin übersetzt. Jedes Mal, nachdem wir ein paar Zeilen gelesen haben, wenden sich die Master-Studentinnen mit der Mandarin-Übersetzung, aber auch mit gesellschaftspolitischen Fragen an das Publikum, die sie aus unseren Textpassagen herausgearbeitet haben, und auch ihrer persönlichen Meinung dazu. Wer sollte für den Haushalt zuständig sein (nicht Frauen, alle!), wie sollte man alte, kranke Menschen behandeln (mit Respekt!), wäre eine Universalsprache wirklich etwas Gutes (nein, keinesfalls!). Durch ihre Moderation kommt richtig Stimmung auf im Saal, immer wieder werfen sie ein Halleluja ein, welches als Echo sogleich aus dem Publikum zurückgeworfen wird. Na gut, okay, in Wirklichkeit sind die meisten Studierenden in Gedanken gar nicht bei unserer Lesung, weil heute Prüfungstag ist und sie vor und nach unserer Lesung noch beweisen müssen, wie gut sie sich vorbereitet haben. An den Wänden kleben verschiedene Gedichte, die die Studierenden geschrieben haben dürften. Darunter komplett großartige wie:
»Musik
Blaues Gefühl
Musik aus Poland
Ich mag Chopin’s
Musik
Traurig«
Oder auch:
»Himmel
Durch Fenster
Himmel durch Fenster
Mädchen sieht durch
Fenster
freier«
Das hätte Eugen Gomringer auch nicht besser hinbekommen.

Im Übrigen: Während des Schreibens dieses Textes, stelle ich (Jimmy) fest, dass Elias (der andere) ohne ersichtlichen Grund immer wieder das Wort »Wort« in den Text schreibt. Darauf angesprochen meint Elias, dass er das mache, um den Text auf eine schöne, runde Anzahl von Gesamtwörtern zu bringen, das mache den Text runder und habe ihm schon zu vielen Preisen verholfen. Er habe sich das genauer angeschaut, seine ersten vier Romane hatten allesamt eine äußerst unansehnlich ungerade Anzahl an Wörtern gehabt (Wort), erst als »Content« für den österreichischen Buchpreis nominiert war, hat er verstanden, woran es liegt: Der Roman hat exakt 224 Seiten. Die Quersumme 8 entspreche auch exakt der relevanten Figuren, die in dem Roman vorkommen. Die 8 multipliziert mit der Anzahl der Kapitel ergebe wiederum genau 224. Der Roman besteht aus exakt 52.620 Wörtern. Wenn man diese Zahl in einen Taschenrechner eingibt und das Display dann umdreht, steht dort »Elias«. Eine Runde Sache also. Bei »Schleifen« habe er dann schon von vornherein darauf geachtet, eine runde Anzahl von Wörtern anzupeilen. Diesmal sei es ihm perfekt gelungen, weswegen es auch schnurstracks Nominierungen für verschiedene Buchpreise gehagelt habe. Wort. Wort.
Als wir erfahren, dass es in Taiwan auch eine Gottheit für Geschriebenes gibt, kaufen wir im nächsten Supermarkt Geistergeld, um damit die Gottheit für unseren Blog gut zu stimmen. Geistergeld, oder auch Höllengeld genannt, ist speziell produziertes Papier mit einem sehr blassen Aufdruck, der neuerdings auch an einen 1000 NT$-Schein erinnert. Viele Restaurants, Hotels und andere Betriebe verbrennen zu bestimmten Anlässen Geistergeld in kleinen Metalltrommeln auf der Straße. Ab und zu wurden auch schon Leute an Flughäfen verhaftet, weil die amerikanischen oder europäischen Behörden Geistergeld oft nicht von Falschgeld unterscheiden können und die Grenze zwischen beidem zugegebenermaßen auch etwas schwammig ist. Es gibt auch eine Website, auf der man virtuelles Höllengeld kaufen und virtuell verbrennen kann, aber Jimmy glaubt, das macht die Gottheit nur wütend.
Wir schleichen uns zurück in unsere Unterkunft, werfen den Kakerlaken noch paar Pommes hin (Kohlenhydrate sind für eine ausgewogene Ernährung sehr wichtig) und stecken die Elektrogeräte wieder an, damit wir Heißwasser zum Duschen haben.
Wie wird es nun weitergehen? Können wir die Kakerlaken weiterhin in Schach halten, obwohl sie nun durch die Durian unheimliche Kräfte entwickelt haben? Werden wir auch die letzten zwei Auftritte in Taipeh bewältigen? Wie viele Durians hat Jimmy noch in seinem Koffer versteckt und werden wir mit diesem Blogeintrag den Nobelpreis gewinnen, weil er die perfekte Anzahl an Wörtern hat? Wie viel Geistergeld kann man nach Österreich schmuggeln bevor die Behörden skeptisch werden?
Das alles erfahren Sie beim nächsten Mal, wenn es heißt: Wort.

Nachwort um auf exakt 4000 Wörter zu kommen: Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Wort. Schlusswort.