Die wahre Herkunft der Black Thorn
Nach unserem Auftritt in Kuala Lumpur haben wir noch zwei freie Tage, um uns die Stadt anzuschauen. Wir beschließen, China-Town zu besuchen. Nachdem wir mehrere Straßenmärkte durchstöbert haben, besuchen wir den Sin Sze Si Ya Tempel, der mit sehr viel Stacheldrahtzaun abgeschirmt ist, und finden dort mehrere Broschüren zur freien Entnahme. Darunter einige eher neutrale, positive Mantras, aber leider auch eine weirde, homophobe Verschwörungstheorie-Broschüre – vom Vergilbungsgrad des Papiers und den darin genannten Jahreszahlen zu urteilen vermutlich aus den 90ern –, in der es irgendwie darum geht, dass AIDS die Strafe für Homosexualität ist und die Hälfte der Menschheit noch vor dem Jahr 2000 sterben wird.

Wir verlassen den Tempel und werden Zeugen, wie sich eine Mäusefamilie auf einen Müllsack stürzt und innerhalb von Sekunden ein Loch ins Plastik nagt, um Lebensmittel herauszufischen. Die Tiere wirken so zielstrebig und effizient, dass wir – die oft so verloren durchs Leben torkeln – etwas eifersüchtig auf sie sind. Verwirrt torkeln wir weiter. China-Town wirkt insgesamt etwas wilder und lebendiger als die Teile Kuala Lumpurs, die wir bisher kennengelernt haben. Eine ganze Menge lieber, kleiner, unabhängiger Restaurants und Geschäfte reiht sich aneinander, Eisdielen, Nudelläden, Obststände, Fleischereien. Nur der »River of Life« wirkt nicht mehr ganz so lebendig, sondern treibt etwas trüb und müde in seinem Betonbett.
Wie wir es gestern versprochen haben, statten wir Roestam Alias, dem Leiter vom Riwayat-Bookstore, einen Besuch ab. Denn neben der Location im Ampang Campus, wo wir aufgetreten sind, gibt es noch die Original-Filiale bei der China-Town. Die Straßen sind hier generell viel fußgängerfreundlicher als bei unserem Hotel und zwischen den Hochhausschluchten sind hier zumindest auch ein paar durchschnittlich große Häuser, zwischen denen wir uns nicht ganz so verloren fühlen.

Nach einem kurzen Gespräch mit einer Mitarbeiterin vom Bookstore, die uns netterweise verschiedene malaysische Autor:innen empfiehlt und vor allem auch darauf hinweist, dass es in Malaysia und spezifisch in Penang, ein paar Stunden nördlich von Kuala Lumpur, eine recht lebendige Poetry Slam-Szene gäbe, nimmt uns Roestam mit auf einen kurzen Ausflug durch das Viertel. Nach ein paar Sekunden finden wir uns unvermittelt auf einem Hochhaus wieder – man entkommt ihnen nicht. Wir seien zu einer guten Zeit nach Kuala Lumpur gekommen, sagt Roestam. Vor ein paar Tagen habe es hier überall noch absolut undurchsichtigen Smog – Haze – gegeben, weil Indonesien unaufhörlich seine Regenwälder für die Palmöl-Produktion abbrennen würde. Der entwässerte und unterirdisch weiterbrennende Torf rauche teilweise noch monatelang weiter und setze der Luftqualität in allen umliegenden Ländern zu.
Anschließend reden wir über das Autorendasein und was die Unterschiede zwischen Malaysia und Europa sind. In Malaysia würden viele Autor:innen ihre Bücher als Print-on-demand verkaufen, weil die Druckkosten sonst zu hoch wären, aber es gäbe trotzdem eine kleine, engagierte Szene. Zum Schluss tauschen wir noch Adressen zwecks allfälliger Brieffreundschaft aus und er lädt uns noch auf Teh Tarik ein, traditioneller süßer, malaysischer Milchtee, der so intensiv schmeckt, dass Elias fast dauerhaft vom Kaffee- zum Teetrinken konvertiert.

Am Heimweg essen wir endlich mal authentisch malaysisch. Verschiedene Versionen von Nasi Lemak – Reis, Fleisch, Gemüse, Erdnüsse, Tempeh, Trockenfisch, Sambal, gefühlt unendlich variabel und immer irgendwie geil. Dann beginnt es komplett zu schütten und wir stellen uns bei einem Durian-Marktstand unter. »Jetzt oder nie«, denken wir und bestellen eine der Früchte, die in der ganzen Stadt an jeder zweiten Ecke angepriesen werden und gleichzeitig wegen ihrem starken Geruch an jeder anderen Ecke verboten sind. Der Verkäufer händigt uns eine Plastikverpackung mit dem malaysischen Gold aus und deutet uns, zu den Tischen zu gehen. Dort liegen eine Box mit Taschentüchern und eine Box voller Plastikhandschuhe. Wir schauen zum Nebentisch, um ja nichts falsch zu machen. Erst ziehen sich die Menschen dort die Plastikhandschuhe über, dann machen sie vorsichtig die Plastikverpackung auf und greifen nach der Frucht. Sie riecht nach sehr reifer Mango, sieht nach sehr reifer Mango aus, aber ist doch anders. Jimmy macht den ersten Bissen. Ein Schauer durchdringt seinen Körper. »Das ist… das ist… das ist gut!«, stammelt er und beißt gleich nochmal ab. Elias glaubt zu sehen, wie Jimmys Körper golden zu fluoreszieren beginnt. Bevor er selbst einen Bissen machen kann, hat Jimmy bereits die ganze Frucht aufgegessen und ruft energiegeladen: »Komm, wir sprinten schnell zur U-Bahn.« Mit einem ungeheuerlichen Tempo trabt er los, weicht geschickt den Autos auf der Straße aus, turnt über Hindernisse am Gehsteig – Elias kommt kaum hinterher. Aus den Augenwinkeln beobachtet er, wie Jimmy scheinbar jedem einzelnen Tropfen des Regenschauers ausweicht. Als sie beide unter dem Dach der Station stehen, bestätigt sich seine Beobachtung: Jimmys Gewand ist vollkommen trocken. Ein Engelschor singt aus den Wolken: »Duriiiiaaaaaan!« Wir fragen uns nicht weiter was das soll, steigen in die MRT und verlassen China-Town.
Apropos China: Einige Leute haben uns gefragt, warum wir diesmal nicht in China auftreten. Ganz einfach: Nachdem sich die Volksrepublik China nicht nur weigert, Taiwan als Staat anzuerkennen, sondern auch noch andere Länder dazu zwingt (weltweit gibt es nur zwölf Staaten, die offizielle diplomatische Beziehungen mit Taiwan haben, bzw. eigentlich nur elf weil come on, Vatikan, du bist kein echtes Land und du weißt es), haben wir uns gedacht, dass wir einfach den Spieß umdrehen und China nicht mehr anerkennen. Du spricht von China, wir sagen, China who? Du sprichst vom Reich der Mitte – wir sagen, war das nicht der Spitzname von Liechtenstein? Die große Mauer? Ist das das Ding, wo in Berlin die Graffitis dran sind? Wie hat Mao Zedong schon gesagt: »China? I hardly know her.«

Abends fesselt uns der Blick aus unserer Wohnung im 43. Stock ans Fenster. Wir fühlen uns wie Götter im Olymp, die auf ihre Welt hinunterschauen, ok eigentlich fühlt sich nur Jimmy so, die Kraft der Durian wirkt noch nach. Wenn sich Unruhe im Volk bemerkbar macht, sagt er, müsse er nur einen Blitz nach unten schleudern, damit wieder Ordnung herrscht. Elias tätschelt Jimmy den Kopf und macht ihm einen Kräutertee, damit er sich wieder etwas beruhigt. Aber es stimmt, von hier oben gleicht die Aussicht einem Wimmelbild – es gibt unfassbar viele Details zu entdecken und Walter könnte überall stecken. Zum Beispiel im Fußballfeld, wo Menschen bis spät in der Nacht trainieren. Auffällig ist allerdings, dass regelmäßig die Rettung angebraust kommt, um einen am Boden liegenden Spieler mitzunehmen. Hinten irgendwo eine Zugstrecke, die zwischen den Hochhäusern hervorblitzt. Die Hochhäuser selbst leuchten in regelmäßigen Abständen rot in die Nacht hinein. Das ist die sogenannte Befeuerung, um Flugzeuge etc. vor Zusammenstößen zu warnen. Was viele nicht wissen: Genau dieses rote Licht brauchen Durian-Pflanzen, um zügig wachsen zu können. Je höher das Hochhaus, desto mehr Pflanzen profitieren davon, da es auch von weiter weg sichtbar ist. Aus diesem Grund hat Kuala Lumpur eine der höchsten Hochhausdichten: Es gibt etwa 200 Wolkenkratzer, die über 150 Meter hoch sind.
Wir sind überrascht, wie laut der Verkehr hier oben noch wahrnehmbar ist. Wir stellen die Theorie auf, dass es sich dabei um ein Hochhaus-Echo handeln muss: Akustische Signale am Boden werden zwischen den Wolkenkratzern hin- und hergeworfen, bis sie sogar verstärkt in den oberen Stockwerken ankommen. Ist das Hochhaus-Echo ein belegter Effekt? Keine Ahnung, aber es klingt so.
Das Einzige, was wir hier ein bisschen verdrängen, ist, dass wir keine Ahnung haben, wie wir uns in einem Notfall verhalten sollen. Wir haben nicht den geringsten Schimmer, wo die Fluchtwege im Hochhaus liegen, ob es ein Stiegenhaus gibt, das nach unten führt, und ob wir überhaupt die Kondition hätten, 43. Stockwerke abwärtszusprinten, falls ein Feuer ausbricht.

Während Elias sich am nächsten Tag im Apartment erholt – Zitat: »Alles blendet mich, wenn die Sonne immer so nervig umadum scheinen muss, dieses höllisch brennende Gfraßtsackli [sic!]« – fährt Jimmy in den 51. Stock, um sich den Infinity-Pool anzuschauen. Vorher stellt er noch überall Kameras in der Wohnung auf. Sagt, es sei angeblich für das »Tourvideo« und sicher nicht, um Elias endlich als Vampir überführen zu können. Beim Infinity-Pool angekommen, das auf nahen Blick doch eher finite wirkt, schwimmt Jimmy ein paar Längen, legt sich hin, um zu lesen, dann kommt er sich furchtbar dekadent vor und fährt wieder runter, wo er Elias gerade noch dabei erwischt wie er mit blutverschmierten Fingern und Lippen alle Kameras ausschaltet (mit den Fingern, nicht mit den Lippen) – »äh, äh, rote Drachenfrucht« stammelt dieser nur panisch, doch Jimmy bleibt skeptisch. Nichtsdestotrotz zieht er mit seiner Fotokamera bewaffnet los – will endlich mal eine Gegend erkunden, die nicht ausschließlich aus Hochhäusern besteht. Praktischerweise kann man sich in so einer Gegend wahnsinnig gut an Hochhäusern orientieren, wenn man ohne Handy und Internet wieder zurückfinden will.
Ich (Jimmy) überquere einen Fluss und befinde mich im Bezirk Kampung Baru. Warte an roten Ampeln, die nie grün werden. Das scheint hier ein Ding zu sein. Ich gerate in einen Bezirk voller Bungalows, teilweise sehr abgefuckt, teilweise gut erhalten. Vor den Häusern stehen Street-Food-Stände, vereinzelte Menschen sitzen dort und reinigen ihre Utensilien. Eine Straße weiter ist es wesentlich belebter, zahlreiche Lokale reihen sich aneinander, die Lichterketten deuten darauf hin, dass die meisten aber erst abends aufmachen. Hier spielt sich das Leben auf der Straße ab, man hockt gemeinsam vor den Geschäften, plaudert und blickt mich überrascht an: Wie hat der sich hierher verirrt?
Ich schlendere weiter, komme zu einem Markt, wo Durians für nur fünf Ringgits – bei Touristenmärkten kosten sie schnell mal das Fünffache – angeboten werden. Ich lande in einer kleinen Gasse, wo die ganzen Marktstände mitten auf der Straße ihre Überreste wegzuwerfen scheinen. Dort stehen auch sehr alt wirkende Gebäude mit Wendeltreppe davor, welche die einzelnen Stockwerke miteinander verbinden. Spannende Architektur. Ein Stück weiter stoße ich wieder auf eine größere Straße mit LRT. Praktischerweise gibt es diesmal Überführungen, damit man nicht an den Ampeln warten muss. Hier scheint jemand die Hoffnungslosigkeit der Fußgänger:innen erkannt zu haben. Die Überführung geht sogar einen ganzen Straßenabschnitt entlang, was das Spazieren tatsächlich sehr viel entspannter macht. Als ich komplett schweißgebadet bin, stapfe ich zurück zum Apartment, wo ich Elias dabei erwische, wie er versucht, seine Matratze in den Kühlschrank zu stopfen. Da drin sei das Klima sehr viel angenehmer als da draußen, meint er. Ich überlege, ob das wieder ein Hinweis sein könnte, aber eigentlich kommt mir das jetzt nicht wie klassisches Vampirverhalten vor, sondern viel weirder und dümmer. Ich baue die Kameras wieder ab.

Nach Sonnenuntergang kann Jimmy Elias endlich aus der Unterkunft herauslocken und zu einem Besuch im KLDEX Durian Museum überreden, das sich in der Nähe unserer Unterkunft befindet. Online preist es sich als erste immersive Durian Experience weltweit an, was in etwa so ist, wie wenn man das erste interaktive Waschlappen Theater gründet oder das erste interaktive Sackmuseum Nieheim. Wir sind leider zu spät für die Durian Theater-Experience, auch wenn uns beide brennend interessiert, wie der Regisseur das Durian-Erlebnis dramaturgisch umgesetzt hat. Vielleicht eine postdramatische Durian-Performance, bei der das Publikum mit dem Rücken zur Bühne sitzen muss, während ein einzelner Schauspieler beschreibt, wie die Durian schmeckt, die er gerade isst. Oder ein fünfzigköpfiger Statist:innenchor singt ein Loblied auf die stachelige Frucht, die in wenigen Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Exportprodukte Malaysias aufgestiegen ist.
Das Museum selbst existiert erst seit Juni diesen Jahres und erweist sich als ein einziger Clusterfuck aus KI-generierten Schaubildern, KI-generierten Erklärungstexten, die mehrfach denselben Punkt wiederholen und einer KI-Version von Admiral Zheng He, der als Puppe in einer Ecke des Raums sitzt und angeblich antwortet, wenn man laut »Zheng He, Zheng He« ins Mikrofon sagt. Jimmy probiert es mehrfach, allerdings antwortet Zheng He nicht, was schade ist, denn immerhin war er der erste chinesische Admiral, der die Durian nach China gebracht hat. Laut Google war er auch der erste Eunuch, der in China zum Rang eines Admirals aufstieg. Vielleicht hat er ein Schweigegelübde abgelegt. Elias probiert es nochmal mit »Cthulhu fhtagn ph’nglui mglw’nafh cthulhu r’lyeh wgah’nagl fhtagn!« und da endlich antwortet Zheng He und erzählt uns mit knarzender Stimme die lange, verwinkelte Geschichte der Durian:
Bis die stachelige Superfrucht in China ankam, dauerte es lange. Schon Jahrtausende vorher wurde sie in Malaysia und Indonesien angebaut und verspeist (wobei eine Schautafel darauf hinweist, dass die malaysische Durian der indonesischen Durian um Welten überlegen ist. Auf einem Plakat ist sogar ein begeistertes Zitat abgebildet: »Malaysian Durian Is The Best Durian I Ever Had« – zitiert nach »by Durian Lovers«. Wasserfeste Quellenangaben.) Egal ob Malaysia oder Indonesien – damals gab es ja beides noch nicht, als die ersten ansässigen Völker bereits die Durian kultivierten. Vor tausenden von Jahren galt das Pflücken der Früchte sogar als eine Art Initiationsritus ins Erwachsenenalter. Wenn man seine erste Durian mit bloßen Händen fing, ohne dabei von der kiloschweren Frucht mit den tödlichen Stacheln erschlagen zu werden, galt man als erwachsen. Manche schoben das lebensgefährliche Ritual auch jahrzehntelang auf, sodass der eine oder andere erst im Alter von 65 Jahren erwachsen wurde – nur um wenige Tage später an den Wunden zu versterben. Beliebt war auch, die todbringende Frucht als Fußball zu verwenden, um möglichst starke Kopfballspieler zu produzieren. Nur die wenigsten überleben. Das ist auch der Grund, warum das Land bis heute über keine vollständige Fußballmannschaft verfügt. (Wir sind uns nicht sicher, ob diese Informationen korrekt sind oder ob die Zheng-He-KI sie einfach halluziniert hat.)

Irgendwann wenden wir uns von Zheng-He ab und spazieren weiter. Während der ganzen Museums-Tour weicht uns ein Aufseher nicht von der Seite. Schritt für Schritt geht er mit durch die Räume, ist nie mehr als einen halben Meter von uns entfernt. Er sagt nichts, er beobachtet uns einfach nur. Vielleicht gibt es zwischen all den seltsam-fehlerhaften KI-generierten Schaukästen eine tatsächlich wertvolle Information, ein Geheimnis von solcher Tragkraft, dass es um nichts in der Welt jemals diese Räume verlassen darf. Eine Tafel deutet das eventuelle Geheimnis an: »The TRUE Origin of the Black Thorn« steht da, doch darunter steht einfach nur irgendwas von einem Durian-Züchter, der die Variante Black Thorn als erster im großen Maßstab in den 90er Jahren kultiviert hat. Das kann nie und nimmer die TRUE origin sein! Jimmy lenkt den Museumswärter ab, indem er mit einer gekonnten Armbewegung Greg den Gecko (bekannt aus Asientour-Blog Teil 3) aus dem Ärmel schüttelt. Dann laufen wir schnell zurück zu Zheng He und fragen ihn, was es mit der Black Thorn tatsächlich auf sich hat. Und da erzählt er uns endlich das dunkle Geheimnis. Er sagt, die Black Thorn sei die älteste Durian-Variante. Ein seltsam verformtes stacheliges Objekt mit schwarzen Blüten, wie ein metallischer Igel oder diese Ferrofluide, die es in der Ars Electronica mal gab (Zheng He’s Wortlaut). Die Frucht wurde vor Jahrtausenden von einem jungen Mädchen im Urwald Borneos gefunden. In einem rauchenden Krater. In der Mitte einer glühenden Gesteinsformation, die vom Himmel gestürzt ist. Laut uralten Legenden stammt dieser Meteorit, der die erste Durian-Frucht enthalten hatte, vom Planeten Vegeta. Ihre Bewohner aßen die Frucht, um dann mit einem urknallartigen Schrei Superkräfte zu entwickeln und zum Spaß gegeneinander zu kämpfen. Oder lustig leuchtende Boccia-Kugeln zu suchen, die ein Drache netterweise für sie versteckte. Wir versuchen noch mehr über die Black Thorn herauszufinden, doch da verstummt Zheng He plötzlich und als wir uns umdrehen steht auf einmal der Museumswärter wieder hinter uns, auf seiner Schulter ein Gecko, der verräterisch grinst. Et tu, Greg?! »Es ist Zeit zu gehen«, sagt der Museumswärter in einem so ernsten Tonfall, dass es eine Verschwörung von mindestens Dan Brown-Ausmaßen andeutet.
Nach der Ausstellung verlangt es uns danach, im eigenen Durian-Shop des Museums die legendäre Black Thorn zu probieren. Eine Durian-Art, die in Malaysia bis zur Perfektion kultiviert wurde. Wieder bekommen wir eine Plastikverpackung mit der Frucht, wieder ziehen wir uns Plastikhandschuhe über. Schon beim Geruch beginnen Jimmys Augen golden zu leuchten. Wie ein Löwe, der sich auf eine Gazelle stürzt, reißt Jimmy die Plastikverpackung auf und führt sich ein Stück Black Thorn zum Mund. »Göttlich«, stöhnt er. Wie Fleisch, wie Frucht, und der Geschmack: unglaublich! Zwar liegt die Frucht schwer im Magen, doch Jimmy erlebt einen Energieschub, den er als Kaffee-, Tee und genereller Pushmittel-Verweigerer als hochgradig interessant empfindet. Die Energie schießt nämlich nicht plötzlich in den Körper, sondern breitet sich langsam aus. Man entwickelt eine golden glühende Aura und alle Muskelpartien wirken stählern. Selbst die Haarspitzen leuchten blonden. Erschrocken weist Elias Jimmy darauf hin, dass die Plastikhandschuhe, die er angezogen hatte, nach dem ersten Bissen aufgrund seiner plötzlich massiv angestiegenen Muskelmasse gerissen sind. Elias, der nach Jimmys Verwandlung Angst hat, die Frucht zu probieren, schlägt vor, dass sie zurück zum Hotel spazieren. Als sie bei der Einfahrt stehen, schreit Jimmy plötzlich: »Wer zuerst oben ist«. Während sich Elias nach dem Stiegenhaus umsieht, hat sich Jimmy von der Erde abgestoßen und fliegt – wie ein goldener Blitz – in den 43. Stock. Das Wettrennen gewinnt trotzdem Elias, weil Jimmy kein Fenster findet, durch das er mit seinem abnormal ausgeprägten Körper durchpasst.
Der Tag der Abreise naht und weil wir beide nach wie vor eher nervöse Reisende sind (da hilft der Konsum von Durian leider auch nicht), sind wir wieder mehrere Stunden zu früh auf dem Weg zum Flughafen. Unterwegs kommen wir in der Kuala Lumpur Main Station an einem riesigen Buchladen vorbei. Generell sind wir in Kuala Lumpur auch oft auf offene Bücherkästen gestoßen. Coolerweise sind diese wirklich sehr großzügig aufgestellt mit thematisch geordneten Regalen.

Als wir endlich am Flughafen sind, merken wir, dass es sich ausgezahlt hat, früher loszufahren. Die »Bag Drop«-Schlange bewegt sich nur in Zeitlupe weiter – als wir dran sind, werden wir darauf hingewiesen, dass Jimmys Gitarre beim »oversized«-Schalter abzugeben ist, dort gibt es nochmal eine Schlange, dann wartet die nächste Schlange beim Immigrations-Schalter. »Das ist ja wie ein Vorspiel zu Snakes on a Plane«, witzelt Elias, der ein beeindruckendes Wissen über popkulturelle Referenzen verfügt. »Verstehst du?!«, ruft er mehrfach. »Wegen so vielen Schlangen!«, erklärt er nochmal. »Gebt mir eine Durian und ich flieg einfach selbst zurück nach Taiwan«, ruft Jimmy unterdessen ungeduldig, aber Elias hält es für vernünftiger, wenn Jimmy mal wieder von seinem Durian-Trip runterkommt. Auf halbem Weg zum Gate fällt uns auf, dass wir uns gerade an einem historisch äußerst wichtigen Ort befinden. Denn genau hier in der Halle wurde vor neun Jahren Kim Jong Uns Bruder Kim Jong-nam ermordet. Zwei Touristinnen wurden von einem angeblichen Kamerateam (das in Wirklichkeit aus nordkoreanischen Spionen bestand) angesprochen. Man erzählte ihnen, sie würden an einer Art Fernseh-Prank-Show teilnehmen und müssten dafür einen Mann mit einer Wasserspritzflasche ansprühen. In der Flasche war jedoch tödliches Nervengift. Die beiden Touristinnen aus Indonesien und Vietnam wussten absolut nicht, dass sie gerade als Auftragskillerinnen eingesetzt wurden. Beide wurden inzwischen wieder freigelassen, wobei die Vietnamesin über zwei Jahre im Gefängnis war.
Als wir am Gate sind, schreibt uns unser Airbnb-Host in Taipeh, ob wir ihm Zigaretten vom Flughafen mitnehmen können. Die seien dort billiger und er würde uns dafür ein bisschen Rabatt auf die Unterkunft geben. Wenn wir ihm dazu noch eine Flasche Whisky mitbringen, gäbe es noch mehr Rabatt. Sollten sich Vape-Zeug und E-Zigaretten im Gepäck ausgehen, würden zwei Tage auf ihn gehen, denn Vaping ist in Taiwan verboten. Jimmy verplappert sich und sagt, dass wir aus Malaysia kommen – der Airbnb-Host schreibt, und seine Nachricht scheint dabei golden zu leuchten, wenn wir ihm eine Durian mitbringen, wäre die Unterkunft für die gesamte Zeit gratis.
Im Flugzeug, das komplett Snoopy/Peanut-themed ist, schaut sich Elias gleich einen Film an. Jimmy langweilt sich und entdeckt, dass es auf dem Sitzbildschirm Airline-Chatrooms zu unterschiedlichen Themen gibt: Movies, Food, Shopping, etc. Er chattet kurz mit einer anderen Person, die hier irgendwo im Flugzeug sitzt, und nach einer Film-Empfehlung fragt. Die Person trägt den Nicknamen »the_terrorist«, was Jimmy, der unoriginellerweise einfach seinen Sitzplatz 66A als default Nickname behalten hat, etwas beängstigend findet. Er empfiehlt ihm einen Thriller, der gut ausgeht. Elias meint, dass man vielleicht die Flugbegleitung auf diesen etwas unglücklich gewählten Namen aufmerksam machen sollte, aber nachdem sich »the_terrorist« überaus höflich für den Filmtipp bedankt, sind wir uns relativ sicher, dass er zumindest für die nächsten 181 Minuten auf keine blöden Ideen kommen wird.
Jimmy setzt seine Kopfhörer auf und versucht zu schlafen. Ärgerlicherweise übertönen die Motorengeräusche seine beruhigende White-Noise-Playlist. Ein tiefsitzender Ärger macht sich in Jimmy breit. Dieses ganze Rumgefliege nervt ihn. Viel lieber wäre er mit dem Zug gefahren, oder einfach lange genug durch die Underground-Mall gelaufen, bis sie uns im Taipeh-Hauptbahnhof wieder ausspuckt, aber jetzt sitzen wir schon wieder in so einer CO2-Verpestungsmaschine, man kann richtig hören, wie jede Sekunde mehrere Tonnen Giftstoffe ausgestoßen werden, das Brummen der Düsenantriebe bedeutet ja eigentlich nichts anderes, als mit bloßen Händen unschuldige Lebeweisen umzubringen. Wir fliegen und zerstören die Erde unterhalb, wir sind Klimasünder, wir sind egoistischer Abschaum, hedonistische Trottel, die unter der Flagge von Kunstvermittlung die Natur zerstören, kein Wunder, dass wir einst aus dem Paradies verstoßen worden sind. Immer mehr steigert sich Jimmy in seinen Frust über unser Fortbewegungsmittel hinein, während er seine Kopfhörer immer lauter stellt. Schließlich bemerkt er, dass die Motorengeräusche sich im Grunde überhaupt nicht vom White-Noise unterscheiden. Da legt Jimmy seine Kopfhörer ab und schläft sofort ein.
Wie wird es nun weitergehen? Werden die beiden Taipeh heil erreichen? Wie kommt Jimmy mit dem plötzlichen Durian-Entzug klar? Was wird unser Airbnb-Host noch alles von uns verlangen? Erfahrt es in der nächsten Ausgabe von exakt diesem Ding hier. Schaltet ein, wenn es heißt: lesen.
