Das unzerstörbare Hotelzimmer
An unserem letzten Abend in Taipeh machen wir uns aus, dass wir unseren Wecker am nächsten Tag auf 7:00 Uhr stellen. Damit sollten sich letzte Dinge zusammenpacken, Zähne putzen und frühstücken noch gemütlich ausgehen. Blöderweise sind wir beide so nervös, dass wir unabhängig voneinander schon um 6:00 Uhr wach sind und beschließen, vier Stunden früher am Flughafen zu sein. Der Flug an sich ist total entspannt – wir stellen fest, dass manche Airlines ihre Filme wesentlich besser geordnet haben als andere. Wir sind solche Globetrotter, wir sollten Reels darüber drehen, welche Airlines man anhand ihrer Filmauswahl empfehlen kann. Außerdem stellen wir fest, dass Julia Roberts Linkshänderin ist – ein sehr lehrreicher Flug.
Am Flughafen Kuala Lumpur fahren wir mit dem »KLIA Ekspres«-Zug ins Zentrum, von dort mit der LRT zu unserem Hotel. Der längste Teil der Anreise besteht dann eigentlich daraus, hundert Meter vor dem Hotel an einer Kreuzung zu warten. In Kuala Lumpur muss man sich als Fußgänger daran gewöhnen an den meisten Kreuzungen eine Viertelstunde zu warten, bis man irgendwann frustriert bei Rot rübergeht, weil die Ampel einfach nicht umschalten will, nur um sich dann per Sprint gerade noch lebend vor einem neuen Schwall Mopeds zu retten.
Das Hotel ist eigentlich ein Gebäude mit mehreren unterschiedlichen Hotel-Rezeptionen im Foyer. Massenweise Menschen werden mit Autos und Bussen abgeliefert, nur wir finden keine Rezeption mit dem Namen unseres Hotels. Wir schreiben unserer Unterkunft, dass wir da sind und bekommen als Antwort, dass wir eine bestimmte WhatsApp-Nummer kontaktieren und auf weitere Anweisungen warten sollen. Nachdem mehrere Minuten lang niemand antwortet, beschleicht uns das Gefühl, dass wir womöglich auf einen Scam hereingefallen sind – panisch formulieren wir bereits eine Mail an Booking, dann erscheint eine Frau. Sie übergibt uns einen Schlüssel samt Zugangskarte und schickt uns in den 43. Stock. Die Wohnung besteht aus einer Riesenwohnküche, zwei Feuchträumen (eines mit Dusche UND einer gigantischen Badewanne) mit je einem WC (und einem Zettel, worauf hingewiesen wird, dass nichts, wirklich gar nichts außer Exkremente und Urin gespült werden darf), gefühlt siebzehn Klimaanlagen, zwei Schlafzimmern und einem Gekko namens Greg, der es sich hinterm Kühlschrank bequem gemacht hat. Gekkos sind ein gutes Zeichen, sagt Elias. Die halten die Nosferatu-Spinnen fern. Auf den Betten sind die Handtücher zu Schwänen gefaltet, die sich küssen. Oder sich gegenseitig Futter aus dem Schnabel stibitzen. Um die Schwäne herum sind auch noch Rosenblüten verstreut.

Elias entscheidet sich wieder für das Schlafzimmer ohne Fenster. So wie in Taipeh. Ich (Jimmy) bin mir nicht sicher, ob das ein gutes Zeichen ist. Elias meint, dass er sich in einem fensterlosen Zimmer leichter aufraffen könne rauszugehen und Sachen zu unternehmen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass er fensterlose Schlafzimmer einen Hauch zu gerne mag. Liegt das daran, dass ich ihn mal dabei erwischt habe, wie er seinen Kopf an den Zimmerwänden entlanggeschmiegt und wollüstig »Ohne Einsicht, keine Aussicht!« gerufen hat? Oder dass nach Mitternacht seine Eckzähne einen Hauch länger zu werden scheinen? Außerdem hat er auch in Taiwan schon verdächtig oft nachgefragt, ob da Knoblauch im Essen ist… Naja, jedenfalls packen wir unsere Sachen aus und stellen fest, dass wir Wäsche waschen sollten. Eine Waschmaschine ist zwar vorhanden, nirgends aber Waschmittel zu finden. Wir schreiben dieser mysteriösen WhatsApp-Nummer, ob es irgendwo Waschmittel gibt. Fünfzehn Sekunden später klopft es an unserer Wohnungstür. Ein Mann mit einem Sack Waschmittel steht da. Er lächelt uns an und überreicht den Sack. Wir fühlen uns ungut an „die Anderen“ aus Plur1bus erinnert und haben Angst, dass die Angestellten des Hotels unsere Gedanken lesen können. Können sie nicht, denn als wir uns vorstellen, wie gern wir hätten, dass jetzt niemand an der Tür klopft, klopft es tatsächlich nicht an der Tür. (Wait, what?)
Das Hotelzimmer erinnert mit seiner großen Glasfassade, dem niedrigen Glastisch und der Couch, auf der jetzt Jimmys Gitarre lehnt, irgendwie an so Klischee-Rockstar Hotelzimmer, kurz bevor es von Pete Doherty komplett auseinandergenommen wird. Oder von Keith Moon, dem originalen Hotelzimmerdemolierer. Elias fällt komplett in ein Wikipedia-Rabbithole über Keith Moon. Er hätte nicht zu viel von dem Instant White Coffee trinken sollen, den uns die Leute gratis ins Zimmer gelegt haben. Keith Moon war anscheinend bekannt dafür, dass er nicht nur sein Schlagzeug nach fast jedem Gig völlig zerstört hat, sondern eben auch fast jedes Hotelzimmer, in dem er jemals übernachtet hatte. Und das noch in den 60er Jahren, lange bevor es, wie es Wikipedia formuliert, zum »Verhaltensstandard« aufstrebender Rockstars wurde, Hotelzimmer während dem Touraufenthalt komplett zu dekonstruieren. Sein Spezialgebiet waren sogenannte Cherry bombs, eine äußerst starke Silvesterknaller-Variante, die inzwischen so gut wie überall verboten ist. Er warf sie nach dem Auftritt ins Klo seines Hotelzimmers und sprengte damit nicht nur die eigene Toilette, sondern meistens auch Teile der gesamten Abwasseranlage des Hotels. »So müssen wir werden!«, ruft Elias. »Schluss mit diesen lamen Romanauszügen, Poetry Slam-Texten und rührseligen Singer-Songwriter-Sachen, Schluss mit dieser ganzen Wasserglas-Attitüde, wir müssen Rock’n’Roll werden, so wie es dieses Hotelzimmer hier von uns verlangt!« Er versucht vergeblich das Hotelzimmer zu demolieren, traut sich aber offensichtlich nicht wirklich, weil er Angst vor den Konsequenzen hat. Kein Wunder, in Malaysia ist es schließlich sogar strafbar, auf die Straße zu spucken. Elias versucht es trotzdem: Zuerst tritt er den Waschmittelbehälter um. Fünfzehn Sekunden darauf klopft es an der Türe: Ein Hotelangestellter kommt, um nach dem Rechten zu sehen und erblickt das Chaos, das Elias angerichtet hat. Stolz blickt dieser auf sein Werk, bereit die Leviten gelesen zu bekommen. Doch der Hotelmitarbeiter bedankt sich nur: Genau so würden sie es auch machen, um die Ameisen fernzuhalten, sagt er. Super, dass wir ihm die Arbeit abgenommen haben. Ernüchtert bleiben wir zurück. Wir versuchen den Glastisch umzuwerfen, doch unsere erbärmlichen Autorenärmchen können ihn nicht heben. Der Flachbildschirm ist in die Wand eingelassen, deshalb können wir ihn nicht auf die Straße werfen. Abgesehen davon wohnen wir hier im 43. Stock und die Fenster lassen sich ohnehin nicht weit genug öffnen, um irgendetwas hinauszuwerfen, was wir im Grunde für sehr sinnvoll halten. Übrigens gibt es hier, genau wie in Taiwan, kein 4., 14., 24., 34. oder 44. Stockwerk, weil die Zahl 4 mit dem Tod assoziiert ist. Aber statt sie wie in Taiwan einfach zu überspringen, wird sie in Malaysia durch »3A«, »13A« etc. ersetzt. »Pah!«, rufen wir. »Wer fürchtet sich schon vor so einer kleinen Zahl! Also wir nicht! Wir demolieren jetzt was!« Dann schmeißen wir bei der ganzen Suche nach etwas zum Demolieren aus Versehen ein Glas um, kriegen es komplett mit der Panik zu tun und fegen reumütig eine Stunde lang die Scherben aus allen Ecken und Kanten des Raumes wieder zusammen. Greg der Gekko kommt völlig gestresst und verschlafen hinter dem Kühlschrank hervor, um zu schauen, was los ist. Wir entschuldigen uns bei ihm, versprechen, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Dann kaufen wir in einer Shopping Mall ein neues Glas, damit niemand mitkriegt, was für krasse Draufgänger wir sind. Wir wollten uns auch krass besaufen, damit wir uns mit der mutwilligen Zerstörung leichter tun, aber das Bier in der Rooftop Bar kostet zehn Euro das Seidel und während wir trinken, sehen wir, dass sich der Wechselkurs Minute für Minute zu unseren Ungunsten in die Höhe schraubt wie die gegenüber von uns aufragenden Petronas Twin Towers. »Trink schneller!«, schreit Elias, doch es ist zu spät und der Kurs klettert auf 12 Euro pro Seidel, also begnügen wir uns von nun an mit Bier predigen und Wasser trinken. Während wir auf der Terrasse sitzen, bricht ein Gewitter aus. Blitze und Donner wie in einem 5D Kino, nur halt in Echt. Der Wind, der dazu weht, ist fast stärker als der Taifun in Taiwan. Irgendwann hören wir eine singende Stimme durch die Wolken hallen. Der Muezzinruf zum Abendgebet. Laut Google ist der gerade immer um 20:09. Wie es sich für zwei echte Rockstars gehört, gehen wir schlafen.

Am nächsten Tag streunen wir vormittags durch die Gegend um unser Hotel herum. Wir sind auf der Suche nach etwas zum Frühstücken, stoßen aber vor allem auf Hochhäuser und Baustellen. Irgendwann checken wir, dass sich in jedem dieser Hochhäuser eine Mall befindet, und kaufen uns was zum Essen. Es gibt auffällig viele amerikanische und japanische, als auch britische Produkte. Ein kurzer Blick in die Kolonialgeschichte des Landes erklärt letzteres, und vor allem auch den Linksverkehr. Auch die USA spielt für Malaysia inzwischen eine größere Rolle: Einerseits haben viele US-Giganten hier Fabriken angesiedelt, andererseits arbeiten beide Länder geopolitisch miteinander und vollziehen gemeinsame Militärübungen. Ansonsten gibt es natürlich auch zahlreiche chinesische und indische Geschäfte und Lokale, was kein Wunder ist, da Chines:innen und Inder:innen gemeinsam ein gutes Viertel der Bevölkerung ausmachen. Überhaupt fühlt sich Kuala Lumpur wie eine wilde Durchmischung unterschiedlicher Kulturen an – wäre man ins Flugzeug gestiegen, ohne zu wissen, was das Zielland ist, wäre es sicherlich eine Herausforderung, dieses vor Ort zu erraten.

Vor den Petronas Twin Towers werden Fotoshootings angeboten. Männer haben auf ihren Smartphones LED-Leuchten und spezielle Linsen befestigt und gehen mit einem alle möglichen Posen durch: Peace-Zeichen vor den Twin Towers, Stopp-Zeichen vor den Twin Towers, verschränkte Arme von den Twin Towers, kleines Herzchen mit den Fingern vor den Twin Towers, Arme ausstrecken vor den Twin-Towers, in die Luft springen vor den Twin Towers etc. Die Fotografen kennen den perfekten Winkel, die perfekte Beleuchtung und sie wissen, wie man aus den Tourist:innen das innere Supermodel herausholt. Am Straßenrand sitzen mehrere Menschen, die sich schwer keuchend Wasser über den Kopf schütten, weil sie nicht mit so einem intensiven Shooting in der prallen Sonne gerechnet haben.
Am Nachmittag regnet es. Wir fahren zum Jalan Alor Streetfood-Market, allerdings werden wir von allen Seiten aufgefordert, uns in dieses oder jenes Lokal zu setzen. Elias mag es generell eher nicht, angeschrien zu werden, Jimmy genießt grundsätzlich die Aufmerksamkeit, aber hat grad keinen Hunger. Wir landen erst recht wieder in einer Mall, weil das Wetter draußen immer verregneter wird, und verbringen etwas zu viel Zeit in der japanischen Supermarktkette »Don Don Donki«, die genau zwei Lieder in ihrer Playlist hat. Beide besingen den Markennamen. Das ganze Geschäft breitet sich über drei Etagen aus und die Produkte sind so geschlichtet, dass ein Labyrinth entsteht. Wie irre laufen wir durch die Regale und aufeinander gestapelten Kisten, singen »Don don don donki donkihoote« und packen immer mehr Produkte in unseren Warenkorb.

Stundenlang suchen wir den Ausgang, glauben kurz, ihn gefunden zu haben, und stehen plötzlich wieder in der Taipeh Underground Mall. Elias stellt, während er sich nach und nach die Dosenkaffees aus seinem Warenkorb reinkippt, eine Theorie darüber auf, dass eventuell alle Malls der ganzen Welt miteinander verbunden sind, in einer Art Taschenuniversum, einer Einkaufs-Dimension. Eine Welt, die nur aus endlosen Gängen voller haltbarer Süßware und Dosengetränken besteht und zu der wir, wenn überhaupt nur den allerkleinsten Zugang gewährt bekommen, nur einen klitzekleinen Blick durchs Schlüsselloch auf die wahre Gloria dieser Einkaufsmöglichkeiten erhaschen können. Wie eine unendliche borges’sche babel’sche Bibliothek nur, dass die Buchregale mit Pokémon-Sammelkarten, Chanel Nº 5 und Durian-Dubai-Schokoladeriegeln angereichert wurden. Anhand der sich langsam verschiebenden Produktkategorien und der sich nach und nach wandelnden Marken kann man erahnen, wenn man ein Land verlassen und ein anderes betreten hat, doch so wirklich kann man sich nie sicher darüber sein, wo man sich gerade befindet.
Endlich finden wir den Ausgang, bezahlen bei einem Angestellten mit Ohrstöpseln (klar, wie soll man dieses Lied sonst tagein tagaus aushalten) unsere Ware und flüchten zurück in die Mall. Wer sich traut, kann sich das Lied hier anhören: https://www.youtube.com/watch?v=BlvadQCsAps
Unser Lieblingskommentar: »this store is what adhd feels like«.
Es ist auffällig, was für eine große Rolle Halloween hier spielt: Viele Angestellte tragen Masken, überall stehen oder hängen Kürbisse, und auch das Tiramisu, das Elias zwischendurch kauft, wird von Leatherface überreicht, der mit tiefer Stimme »enjoy« wünscht. Ein Stand weiter wird ein Gespenst mit Sonnenbrille fotografiert, anscheinend ist das grad ein TikTok-Trend – wir sind zu alt für sowas.

Wir fahren zurück in die Unterkunft, Elias versucht noch irgendwas in der Wohnküche zu zerstören und zerknüllt laut schreiend die ganzen ausgetrunkenen Plastikflaschen. Jemand klopft an der Türe und bedankt sich, dass wir die recyclebaren Produkte so vorbildlich komprimieren. Entmutigt schlurft Elias davon und lässt sich komplett angezogen in sein Bett im fensterlosen Zimmer fallen.
Während Elias am nächsten Tag im Apartment bleibt, weil es ihm draußen Zitat »zu viel Sonne und frische Luft« gäbe, gehe ich (Jimmy) in der Gegend spazieren. Ich stelle fest, dass meine ursprüngliche Vermutung, dass wir uns irgendwo am Stadtrand befinden, nicht zutrifft, da das Akronym KLCC, das hier überall angeschrieben steht, für Kuala Lumpur City Centre steht. Ich entdecke das Durian-Museum und -Theater – ich traue mich nur kurz hinein, und flüchte angesichts der sehr hohen Preise für ein paar Stücke Durian wieder. Im KLCC Park verweile ich zwischen Schatten spendenden Hochhäusern und einem künstlich angelegten See – da spricht mich ein Mann an. Er erzählt, dass er auf einer Baustelle gearbeitet und sich dort verletzt hat. Den Job hat er deswegen verloren, die Wunde behalten. Mit einer raschen Bewegung öffnet er sein Hemd und zeigt mir eine nässende Wunde oberhalb des Bauchnabels. Alles ist verbunden, nur die Wunde nicht. Die Art und Weise wie er exakt nur die irgendwie nicht ganz überzeugend aussehende Wunde mit seinem Verband ausgelassen hat, macht mich stutzig. Trotzdem kein schöner Anblick. Er brauche Geld, Kuala Lumpur sei teuer – ich sage ihm, dass ich Schriftsteller sei und selbst nicht unbedingt viel Geld hätte. Er nickt verständnisvoll, zündet sich eine Zigarette an, schließt sein Hemd und sucht sich einen anderen Kandidaten. Seine übermäßig solidarische Reaktion verunsichert mich. Aber ja, vielleicht ist es auch angemessen, immerhin ist es unser beider Beruf, Menschen erfundene Geschichten anzudrehen. Im Internet scheint seine Masche bekannt zu sein: Bei den Wunden soll es sich oft um täuschend echtes Make-Up oder Prothesen handeln.

Unser erster Auftritt findet abends in der Riwayat Buchhandlung im Ampang Campus statt, einer ehemaligen internationalen Schule, die inzwischen aufgelassen und in eine Art Community space slash Einkaufszentrum umgewandelt wurde. Allerdings wirkt es tatsächlich sehr viel weniger einkaufszentrig als wir es sonst schon von der Tour gewohnt sind.
Beim Abendessen vor dem Auftritt erzählt uns einer der Organisatoren, dass es ganz wichtig sei, dass wir uns nicht als richtige Künstler ausgeben. Ansonsten bräuchten wir nämlich ein Working-Visum und das wäre den Aufwand nicht wert. Schließlich verdient niemand Geld mit unserem Auftritt. Er brieft uns: Wir machen offiziell keine Lesung und ganz sicher auch kein Konzert – wir können auch eigentlich gar nichts. Weder sind wir richtige Autoren noch Musiker, noch spielen wir auf einer Bühne, am besten wäre, wenn wir uns auch nicht im Raum befänden, wo das Publikum sitzt, sondern eher irgendwo anders und unsere Performance wird über Video in den Raum projiziert. Aber das sei dann doch zu aufwendig. Der Auftritt ist daher als zufälliges Happening angekündigt, wo zwei Menschen, die sich davor noch nie gesehen haben, willkürlich Instrumente und Texte in die Hand gedrückt bekommen. Das Publikum sind Kund:innen einer Buchhandlung, die zufällig in diesem Moment Lust haben, sich auf den Sesseln niederzulassen und einen Kaffee zu trinken.
Ein bunt zusammengewürfeltes Publikum erscheint also rein zufällig. Wir performen eine Mischung aus deutsch- und englischsprachigen Texten, Romanauszügen und Songs auf Akustik-Gitarre und Keyboard. Am Ende erzählt die Buchhändlerin, dass Elias Text über seinen Vater, der sich im Kühlschrank einsperrt, sie an ein altes malaysisches Märchen erinnert hat. Das Märchen heißt »Batu Belah batu bertangkup« oder Der sich spaltende und wieder schließende Fels. Darin bringt eine Mutter zwei Fische nach Hause und bittet ihre beiden Kinder, nur einen der Fische zu essen und ihr den zweiten Fisch zu überlassen, weil sie so hart dafür gearbeitet hat. Die Kinder essen natürlich trotzdem beide Fische auf. Die Mutter geht daraufhin in den Wald, findet einen großen Felsen mit einem Riss in der Mitte und wird prompt von dem Felsen gefressen. Die Geschichte wurde anscheinend auch verfilmt, nur dass die Mutter in dem Film, nachdem sie vom Felsen gefressen wurde, in einer Art paradiesischem Märchenland landet, wo sie endlich mal Ruhe von ihrer anstrengenden Arbeit hat, während die Kinder draußen komplett in Panik sind. Love it, 10/10 Märchen, no notes.

Wieder zurück im Hotel, lassen wir uns völlig erledigt auf die Couch fallen und beschließen, dass wir doch nicht wie Keith Moon werden wollen, dafür sind wir nach dem Auftritt viel zu erschöpft und außerdem war der eh hochgradig problematisch und so jemanden sollte man sich eigentlich nicht zum Vorbild nehmen. Wir schütteln uns die Hände und versprechen einander, das Hotelzimmer nicht zu demolieren. Auf einmal klopft es an der Türe. Es ist ein extrem wütender Hotelmanager. Er wirft Elias vor, dass er Klopapier im Klo runtergespült habe und damit nicht nur unsere Toilette, sondern gleich die komplette Abwasseranlage des ganzen Hotels, ach was, der ganzen Stadt, nein des ganzen Landes, sogar rüber bis nach Borneo demoliert hat. Das ganze Land dreht durch. Niemand kann mehr aufs Klo gehen. Auf der Straße zeigen alle auf Elias und flüstern: »Das ist er, dieser verdammte Rockstar, der unser gesamtes Abflusssystem gesprengt hat, für wen hält er sich, für Keith Moon?!«
Wie geht es weiter? Werden wir ob der totalen Destruktion des malaysischen Abwassersystems aus dem Land geschmissen? Wird es zum Showdown zwischen Greg dem Gekko und der schändlicherweise immer noch namenlosen Nosferatu-Spinne kommen? (Schreibt uns gerne, wie wir sie nennen sollen.) Wird die Einkaufsmall-Dimension überhandnehmen und die ganze Welt verschlingen wie ein hungriger Fels eine überarbeitete Mutter? Finden Sie es raus, in der nächsten Ausgabe von naja wir schreiben einen Reiseblog.
