Geister im Wasserkocher
Nach unseren Asientouren 2017 und 2019 war ursprünglich viel rascher eine weitere Reise geplant. Eine Idee war, eine Tour in seltsame Grenzstädte Europas. Eine andere war, mit der transmongolischen Eisenbahn nach Peking, von dort nach Shanghai weiterzufahren und dann mit der Fähre nach Taiwan überzusetzen. Auf der Strecke hätten wir in größeren Städten einige Tage pausiert und Auftritte gespielt. Dann hat aber Peking das nationale Sicherheitsgesetz erlassen und damit – etwas flapsig ausgedrückt – in Hong Kong die Demokratie abgeschafft. Hinzu kam die Corona-Pandemie und Chinas Zero-Covid-Politik, dann Russlands Angriff auf die Ukraine. Während Corona hatten wir kurzzeitig die Idee, auf Google Street View eine virtuelle Asientour zu veranstalten – sich Meter für Meter durch den ganzen Kontinent zu klicken und über alles zu schreiben, was man so auf dem Weg sieht, aber der Testlauf war nicht sonderlich ergiebig, sodass sich jeder wieder in seine eigenen Romanprojekte gestürzt hat. Was auch nicht so übel war. Sonst hätten wir ja jetzt nichts, was wir auf unserer aktuellen Asientour präsentieren könnten. Vor zwei Jahren haben wir uns dann zusammengesetzt und ein Zeitfenster ausgeknobelt, in welchem endlich wieder eine längere Reise möglich wäre: Jetzt!
Taiwan sollte wieder unser Start- und Basispunkt sein und Malaysia stand auch relativ weit oben auf unserer Wunschliste und – weil wir bei den letzten Touren eigentlich immer schon dahin wollten und es bisher noch nicht geklappt hat – Japan. Ein gutes Jahr vor Tourstart haben wir begonnen, die deutschsprachigen Institutionen der jeweiligen Länder anzuschreiben: In Taiwan und Malaysia gab es gleich Zusagen, und auch in Japan haben alle grundsätzlich sehr positiv und nett geantwortet, wussten aber leider noch nicht, wie man terminlich zusammenkommen könnte, wie ihre Budgets aussehen würden, und ob ihre Institutionen im Jahr 2026 überhaupt noch existieren etc. Ein paar Veranstalter:innen haben vermutlich auch nicht genau verstanden, was wir ihnen anbieten – was bei unserer weirden Mischung aus Romanauszügen, Kurzgeschichten, Schreib- und Musikworkshops, deutschsprachigen Akustik-Songs und Jonglage mit Bällen und Keulen ehrlich gesagt auch wenig überraschend ist. Also diesmal einfach wieder Taiwan und zum ersten Mal auch Malaysia.

Da wir unterschiedlich angereist sind, machen wir aus, uns in Taipeh am Hauptbahnhof zu treffen. Es gibt ja nur einen, wie schwer kann es schon sein, sich da gegenseitig zu finden. Getrennt voneinander beschließen wir vorher noch kurz einen Snack zu kaufen und begeben uns in den Untergrund des Hauptbahnhofes. Jimmy schreibt Elias wo er ist. Elias schreibt Jimmy wo er ist. Wir sind beide in irgendeiner Mall schreiben wir uns. In welcher?, schreiben wir beide, als wir den anderen nicht erblicken. Es gibt anscheinend mehrere Optionen: Beim Hauptbahnhof liegen größtenteils unterirdisch in einem riesigen, verschachtelten Labyrinth die Taipei City Mall, die Zhongshan Metro Mall, die K Zone Underground Mall, die Front Row Bicycle Mall, die Station Front Metro Mall, die Shin Kong Mitsukoshi Mall, die Undercity:Ximen Mall und die Qsquare Mall und nur eine davon ist erfunden, aber wir sagen euch nicht welche. Je tiefer wir in das Labyrinth aus Sammelkartenläden, Energiekristall-Geschäften und Stores mit vermutlich absichtlich falsch bedruckten englischsprachigen T-Shirts eindringen, desto mehr entfremden wir uns von der Realität. Gibt es überhaupt noch eine Welt da draußen? Gibt es eine Welt außerhalb dieser riesigen Shopping-Mall, die ohne jede Unterbrechung in immer nur weitere Shopping-Malls übergeht, Kilometer über Kilometer voller Schuhgeschäfte, Actionfiguren-Anbietern und Tourismus-Läden voller Ananaskuchen und Schokoladenpenissen. Wieder und wieder verpassen wir uns zwischen Taiwan Beer-Fanartikeln, Nintendo Switch 2 Werbungen und Gothic/Emo-Bekleidungsgeschäften von 2005 mit extrem verwirrenden Überwachungskamera-Informations-Schildern.

Auch die zahlreichen Ausgänge lassen uns verzweifeln. Einer führt direkt zum Parlament, dessen ewiglanger Schlauch unter anderem auch an einer Metzgerei vorbeiführt, wo die Abgeordneten Schweinedärme kaufen, um bei schwierigen Entscheidungen ihrem Protest Ausdruck zu verleihen (true story), ein weiterer führt in das Tartu Papageien Center in Estland und einer in eine illegale Teigtascherlfabrik im 15. Wiener Gemeindebezirk. Wer auch immer der Architekt dieser monströsen Gänge ist, muss irgendwo tief in seinen Eingeweiden wohnen, ein kleines Büro am Ende des letzten Ganges der letzten Shopping Mall so tief, dass man schon fast am Erdkern ist, da sitzt er sicher hinter seinem Schreibtisch und denkt sich: »Nur noch ein Schmuckgeschäft! Nur noch ein Softeis-Stand! Nur noch eine Schlüsselanhänger-Boutique! Dann ist es fertig! Dann ist mein Werk endlich vollbracht!« Schließlich landen wir beide als verlorene Gegenstände im Lost and Found, wo wir uns – zwischen zig anderen Tourist:innen – endlich gegenseitig finden.
Von einer sehr netten Angestellten werden wir zum Ausgang begleitet. Jedes Mal, wenn wir den Exit-Schildern folgen wollen, fragt sie uns, ob wir denn nicht zum Ausgang wollen. Als wir das bejahen, zieht sie uns stirnrunzelnd in die entgegengesetzte Richtung, bis wir schließlich am Ende einer Rolltreppe endlich Sonnenlicht erblicken.
Mit Google Maps in der Hand machen wir uns auf den Weg zu unserer Unterkunft und sind begeistert, wie grün Taipei eigentlich ist. Aus manchen Häusern wachsen sogar Bäume. Obwohl wir uns nicht ganz sicher sind, ob diese Häuser bewohnt sind.

Weil wir beide gerade mit Begeisterung das neue Buch von Deike Lautenschläger über die Geister von Taiwan gelesen haben, wollen wir nichts falsch machen und klopfen bei der Ankunft erstmal vorsichtig an unsere Zimmertüre, damit die Geister darin Zeit haben, sich seelisch auf die Anwesenheit von Menschen einzustellen. Es laufen beim Öffnen der Türe zwar keine Geister heraus, aber dafür eine Nosferatu-Spinne in der Größe eines handelsüblichen Kleinwagens. Die Geister müssen also noch drin sein. Vorsichtig drücken wir uns beim Betreten der Wohnung an die Wand, damit – falls die Geister doch noch den Raum verlassen wollen – wir ihnen den Weg nicht versperren. Als wir eines der Schlafzimmer öffnen, liegen da kleine Willkommensgeschenke verteilt. Wir fühlen uns mit einem Mal sehr berühmt und wichtig. Im Bett allerdings liegt jemand und schläft. Vermutlich ein Geist. Wir schreiben dem Airbnb-Host, er meint, wir sollen nochmal zum Wohnungseingang und einen anderen Code probieren. Wir geben den neuen Code ein, der Geist liegt noch immer im Bett. Der Airbnb-Host schreibt, dass der Code normalerweise das Problem löst, er werde gleich vorbeikommen. Es stellt sich heraus, dass es ein Gast war, der vergessen hat, rechtzeitig auszuchecken – was wir ursprünglich als Willkommensgeschenke interpretiert haben, sind zerknüllte Chipspackungen und Bierdosen. Der Airbnb-Host geleitet den Gast mit Räucherstäbchen und mantraartigen Gebeten hinaus und zündet gleich am Gang einen Metall-Eimer mit Geistergeld an, während er uns frische Bettwäsche in die Hand drückt und sich mehrfach entschuldigt. Wir fragen uns schon, wo er so schnell einen passenden Metall-Eimer herhat, doch bei unserem ersten Spaziergang beantwortet sich die Frage von alleine. Die ganze Nachbarschaft ist voller Geschäfte mit extrem spezifischen Gegenständen. Jeweils ein Laden für jeden Gegenstand. Ein Shop, der vom Boden bis zur Decke mit einzelnen Metallrohren ausstaffiert ist. Einer, der von Fuß bis Kopf mit Kabeln ausgelegt wurde. Daneben ein Schalldichtungsschaumstoff-Shop, ein Nagelknipser-Shop, ein Nagel-Extension-Shop, ein Nagel-Shop, ein zweiter Nagel-Shop (die andere Art von Nägeln), ein Alles-was-sich-einrollen-lässt-Shop, wo es alles gibt, was sich einrollen lässt, also Yogamatten, Plakate, Tapeten, Luftmatratzen, Schweißtücher, nasses Reispapier, das Rückgrat von Han Kuo-yu (韓國瑜), taiwanische Palatschinken (蛋餅), Geldscheine. Elias möchte drei wundervoll eingerollte 1000 NT$ Scheine kaufen. Aber sie kosten 4000 NT$ und Jimmy meint, das sei ein eher schlechtes Angebot, auf das nur unerfahrene Touristen reinfallen würden. Immerhin sei ein Gummiringerl gratis dabei, versucht der Verkäufer Elias zu überzeugen. Er kauft fünf. Daneben ein Zahnstocher-Shop, ein Zahn-Shop, ein Shop für Spaghetti, die noch nicht ganz al dente sind und ein dritter Nagel-Shop.

Beim Heimbringen der eingerollten Geldscheine wundern wir uns, dass in der ganzen Wohnung eingeschweißte Ohrstöpsel verteilt liegen. Aber es bleibt keine Zeit zum Grübeln, wir haben einen Termin beim Österreich Büro Taipei.
Als wir dort ankommen, herrscht Ausnahmezustand, weil die Kaffeemaschine ausgetauscht und die gesamte Belegschaft auf das neue Gerät eingeschult wird. Wir machen vernünftigerweise gleich mit – als Künstler:innen weiß man ja nie, ob man sich nicht demnächst für einen Brotjob bewerben muss, da kann so eine Einschulung schon gut ausschauen am Lebenslauf. Der Leiter des Österreich Büros lädt uns zur Feier des österreichischen Nationalfeiertags am kommenden Freitag (23.10) ein, allerdings hat sich dort auch ein Taifun angekündigt und es ist unklar, ob die Feier überhaupt stattfinden kann.
Tatsächlich trudelt am nächsten Tag auch schon eine Absagemail ein. Der Taifun scheint doch etwas ärger auszufallen. Schade, vor allem auch, weil die Feier in einem Fünf-Sterne-Hotel mit Pool am Dach hätte stattfinden sollen. Das Shangri-La-Hotel, benannt nach einem paradiesischen Ort, der angeblich in Tibet liegen soll, in Wirklichkeit aber nur im Abenteuerroman »Lost Horizon« von James Hilton aus dem Jahr 1933 existiert. Eine verzerrte westliche Vorstellung von fernöstlichem Seelenfrieden, jetzt vom fernen Osten reclaimed in Form eines Hotels in Taiwan, das wiederum österreichischen Expats den Seelenfrieden bringen soll. Mit sechs Restaurants und drei Bars. Nur uns leider nicht, da wir ob des Taifuns im Airbnb darben.
Übrigens sind Hurricanes, Taifune und Zyklone genau dasselbe, sie heißen nur unterschiedlich je nachdem ob sie im Atlantik, Pazifik oder im indischen Ozean stattfinden – Funfacts, die man googelt, weil einem sonst die Decke auf den Kopf fällt. Wir lernen auch noch andere Sachen im Internet. Zum Beispiel sehen wir Videos davon, wie Menschen in Hotelzimmern ihre Unterhosen im Wasserkocher auswaschen. Wir entwickeln naturgemäß eine panische Angst davor, dass jemand das bereits im Wasserkocher unserer Unterkunft getan haben könnte. Wir schauen hinein und meinen, er sieht so sauber aus, als hätte den noch nie irgendwer verwendet. Das muss nicht gleich ein gutes Zeichen sein, meint ein Kommentator des Videos, denn bei der Erstbenutzung würde noch ordentlich Blei vom Wasserkocher mit ins Wasser gehen. Wir glauben zwar nicht, dass unser Wasserkocher bleibeschichtet ist, doch laut einem anderen Kommentator sei das auch schlecht, da sonst der Edelstahl darunter nicht geschützt sei. Wir sind der Meinung, dass die Leute – inklusive uns – zu viel im Internet abhängen. Die einzige reale Gefahr wäre, dass so viele Leute diese Fake-Unterhosen-im-Wasserkocher-Waschen-Videos sehen, dass irgendjemand dadurch auf die Idee kommt, tatsächlich seine Unterhose im Wasserkocher zu waschen. Wir fragen uns, woran man so etwas überhaupt erkennen könnte. Ob spezielle, verdächtige Ablagerungen durch das Unterhose-Auswaschen entstehen würden. Um das herauszufinden, waschen wir unsere Unterhosen im Wasserkocher. Nur zum Test. Wir machen es ja nicht ernsthaft, also ist es ok. Erst eine weiße Unterhose, dann eine farbige. Sicherheitshalber. Es entstehen keine Ablagerungen. Ein ganz schlechtes Zeichen, denn so kann man ja nie erkennen, ob das tatsächlich jemand gemacht hat oder nicht. Jetzt sind wir wieder verunsichert.
Weil die Unterhosen aus Baumwolle sind, werfen wir noch ein paar Socken mit hohem Polyester-Anteil hinterher. Jetzt entsteht tatsächlich eine Ablagerung. Das beruhigt uns, denn es bedeutet, dass vor uns sicher noch niemand seine Polyester-Socken in den Wasserkocher gegeben hat. Erleichtert stopfen wir einen Lappen hinterher, der die Polyester Ablagerung laut einem anderen Video wieder aufsaugen soll. Dann stopfen wir ein schwarzes T-Shirt hinein, einfach aus Interesse. Heraus kommt zu unserem Erstaunen ein pinkes T-Shirt mit zwei Mickey Mouse Köpfen, die sich gegenseitig überrascht anstarren. Darunter steht:
ALL S TRESSED UP
ANDNOONRTOCHOKRWHOWB
AREANDWHOWENRRDTO
ETOSURVIVRARETWOVERY
DIFFERENTTHINGS

Wir stopfen noch mehr T-Shirts hinein und der Wasserkocher bringt noch mehr Buchstaben durcheinander. Auf einem Shirt ist ein Dackel mit der Schrift »rerbfsfnt bftk akkum 2pn« zu sehen, auf einem anderen tauchen sechs Elefanten auf, mit den Buchstaben »IOEFE WN YOUERTSAMSNUYER« darüber. Vielleicht ist noch ein weiterer Geist in der Wohnung und er steckt im Wasserkocher!
Auf Reddit entdecken wir ein Forum, wo darüber diskutiert wird, in welchen Wasserkocher die Stadtratskandidatin Li Hsin ihr Wahlplakat gesteckt haben könnte, damit »JUST DO TI« rauskommt. Einer meint, dass es sich um einen Wasserkocher-Hersteller aus einem demokratie-freundlichen Land handeln müssen, da »TI« ja für nichts anderes stehen könne als »Taiwan Independence«. Ein anderer User stimmt der Theorie zu und ergänzt, dass er mit einem Wasserkocher von der südkoreanischen Firma »Cuckoo Electronics« schon ähnliche Ergebnisse erzielt habe. Ein anderer hält dagegen, dass Li Hsin durch den vermeintlichen Tippfehler nur einer Klage von Nike entgehen wollte. Egal was davon jetzt stimmt, wir können nicht mehr aufhören, unsere Kleidung in den Wasserkocher zu stopfen.

Am späteren Nachmittag trauen wir uns einige Schritte auf die Straße. Es schüttet, der Wind weht uns gegen die Hausfassade, wir schaffen es gerade so noch in den 7-Eleven, wo wir uns mit Süßigkeiten und Getränken eindecken, dann kämpfen wir uns zurück in unsere Unterkunft. Dort haben wir ein Interview für Ö1. Unsere Gesprächspartnerin ist besorgt, dass unser Mikro nicht gut genug ist, wir tun uns schwer, sie zwischen Badezimmer-Lüftung, Klimaanlage-Geräuschen und Taifun-Böen überhaupt zu verstehen. Zwischendurch klettert auch die Nosferatu-Spinne kurz aufs Mikrophon und will ihren eher toxischen Senf zur Weltlage rauslassen. Wir verscheuchen sie und versuchen der Journalistin durch den Lärm zuzuhören. Zum Glück sind wir relativ gut im Lippenlesen, sodass wir ihre Fragen zu unserer Lieblings-Kaulquappen-Doku und faszienstimulierenden Nackenkissen ziemlich souverän beantworten können. Gut gelaunt trinken wir ein Feierabend-Bubble-Tea und schmeißen uns kurz darauf Jetlag-bedingt ins Bett.

Beim Einschlafen merken wir endlich, warum überall Ohrstöpsel in der ganzen Wohnung verteilt liegen: Wir wohnen direkt über einer Karaoke-Bar. Menschen, die vom Taifun in der Bar eingeschlossen wurden, singen die ganze Nacht durch eine taiwanische Interpretation von »Don‘t Stop Me Now« von Queen.
Für heute und morgen wurden schon alle Flüge von und nach Taipeh abgesagt. Wie geht es jetzt weiter? Wann wird der Taifun enden? Werden wir es rechtzeitig nach Kuala Lumpur schaffen? Müssen wir gar die Tour abbrechen? Macht die Nosferatu-Spinne nochmal ein Comeback? Ist das ein Cliffhanger? Es bleibt spannend, also bleibt dran und hinterlasst uns unterm insta/fb-Posting eure Vermutungen, welche Mall wir erfunden haben – mit ein bisschen Glück gibt es eine Postkarte mit lieben Grüßen aus Taipeh zu gewinnen.
Bussi,
Elias und Jimmy
