Der touristische Blick
New York – Gettysburg – New York
24.3.2025 – 3.4.2025
Aus Teresa Präauers Reiseblogtext weiß ich, dass New York keine Stadt ist, in der man schreiben kann, was mir sofort einleuchtet, und nachdem ich in den letzten zwei Jahren eigentlich nirgendwo schreiben konnte, auch nicht in Wien, wenn ich zwischendurch mal ein paar Wochen am Stück dort war, genieße ich es sehr, in New York mit Vorsatz nicht zu schreiben, keine Notizen zu machen, keine Fotos; Notizbücher bei Kinokuniyah zu kaufen und sie dann nicht mitzunehmen, weil die Zeit zum Schreiben viel zu schade ist, an einem strahlenden Nachmittag ins Kino gehen, um einen total bescheuerten Film anzusehen (Caligula, 1980), wofür die Zeit eben nicht zu schade ist, weil in New York Dinge zu tun, die man überall anders auch machen könnte, mir ganz besonders gut gefällt, und als ich bei einem meiner gleichzeitig planlosen und fehlgeplanten Spaziergänge zufällig an der Brooklyn Public Library vorbeikomme, die auf eine Art »public« ist wie es unsere öffentlichen Büchereien nicht sind, vielleicht auch, weil man reingeht und sofort mittendrin ist, denke ich kurz, wie schön es wäre, mich jetzt dort hinzusetzen und ein paar meiner Eindrücke zu notieren, bevor mir einfällt, dass ich das neue Notizheft genau wegen solcher Situationen nicht mitgenommen habe.
Über New York zu schreiben ist natürlich noch sinnloser als in New York zu schreiben, denn was habe ich dieser Stadt hinzuzufügen, was kann ich an ihr bemerken, was alle anderen nicht schon wüssten? Nichts. Ich denke an all die Romane von jungen Deutschen, die in den USA spielen und die, auch wenn sie gut genug wären, um überhaupt irgendwen zu interessieren, in den von ihnen beschriebenen Städten ganz sicher nie irgendwen interessieren werden. Ich denke an meine Frau, die früher beruflich Wien-Stipendiaten betreut hat und zu höflich war, um ihnen zu sagen, was sie sich dachte, nämlich dass sie während ihres Wien-Aufenthalts keinesfalls Kunst über Wien machen sollten, eine Stadt, von der sie nichts verstehen und zu der sie nichts beizutragen haben. Andererseits: Die Bücher dieser Deutschen richten sich ja an ein deutsches Publikum, das Karl-May-hafte ihrer Beschreibungen stößt also zumindest in der Heimat auf fruchtbaren Boden, und auch die Kunst der Künstlerinnen, die meine Frau betreute, richtet sich an ihre eigenen Länder, wo man wahrscheinlich an genau diesem touristischen Blick interessiert ist.
Gegenüber von meiner Wohnung in Wien steht ein Apartmenthaus. Jede Woche gehen neue Pärchen rein und raus, machen die immergleichen Fotos auf dem Parkplatz, manchmal gemeinsam, meistens fotografieren nur die Boyfriends ihre Girlfriends, zeigen das Foto vor und müssen gleich noch eins machen, gehen Fotos machend rückwärts, hin und wieder bis über den Gehsteig hinaus, werden angehupt und beschimpft, überleben trotzdem. Wieso fahren eigentlich nur Pärchen auf Urlaub?
In New York erscheint es mir unvermeidbar, über Tourismus nachzudenken, darüber, was es bedeutet, als Tourist etwas anschauen zu fahren, für einen selbst und für die so betrachtete Stadt. Ich lerne in Brooklyn den Kellner eines chinesischen Lokals kennen, ein Italiener, der seit zwei Monaten hier lebt. Er kommt aus Venedig, was mich überrascht, weil ich mir gar nicht vorstellen kann, dass dort noch Menschen leben, die keine Touristen sind, während in New York trotz der Millionen Touristen nie zur Debatte steht, die Stadt könnte von ihnen eingenommen werden. Ich sitze auf einer irrtümlich dort herumstehenden Hollywoodschaukel bei der Rockefeller Plaza, dem einzigen konsumfreien Sitzplatz in mehreren hundert Meter Umkreis, und beobachte Menschen und Werbungen. Ein Kleidergeschäft namens Anthropologie, Bars namens The Rock und The Jewel, ein American Girl Shop, ein Swarovski-Shop, ein Fitnessstudio namens Equinox, auf dessen Werbung ein Mann mit einem Arm ein Baby in die Luft stemmt, dazu der Schriftzug »Commit to something«. Ich sehe die Menschen aus dem Fitnessstudio kommen, und auch wenn sie erst vor zwei Wochen nach New York gezogen sind, auch wenn schon der Umstand, dass sie hier in Midtown sind, sie als Zugereiste markiert, beweist die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio ihre zumindest temporäre Ansässigkeit. New York ist nicht Wien, wo man zwanzig Jahre leben muss, um Dazugehörigkeit reklamieren zu dürfen. Im ärgsten Regen laufe ich zum Paris Theater, um mir dort A Roman Holiday anzusehen, als ein Pärchen sich mir aus ihrem Unterstand verzweifelt nähert, weil es den Eingang zur U-Bahn nicht findet. Dass sie Deutsche sind, ist ab ihrem ersten englischen Wort offensichtlich. Ich sage, dass ich leider nicht helfen kann, weil ich auch nur ein Tourist bin, und laufe weiter durch den Regen. In den letzten zwölf Monaten war ich in Kolumbien, England, Deutschland, Slowenien, der Schweiz, Tschechien, Luxemburg, Italien, Schweden, Belgien, Norwegen und Indien, und auch wenn ich nicht überall Kontakt mit den jeweiligen österreichischen Vertretungen hatte, konnte ich doch in relativ kurzer Zeit eine große Anzahl an Beamtinnen und Beamten des Außenministeriums kennenlernen, und ich habe die Zeit und die Gespräche mit diesen Beamtinnen wirklich genossen. Wenn ich an Belgien denke, denke ich an Waltraud, bei Kolumbien an Gerhard, bei Indien an Katharina und Michael, und so werde ich in Zukunft bei den USA immer an Melina denken, an unseren Ausflug zum Gettysburg Memorial und all die interessanten Gespräche, die man mit Diplomatinnen führen kann, weil sie keinen touristischen Blick auf die Welt haben aber auch keinen vor lauter Vertrautheit blinden, weil sie nicht nur A mit B vergleichen können, Heimat mit Fremde, sondern vieles mit vielem, weil sie überall zu Hause und überall fremd sind, nicht zuletzt in Österreich selbst, weshalb sie auch darüber Dinge sagen können, die meine Weltsicht bereichern. Vielleicht hatte ich auch bloß Glück, an besonders sympathische Menschen geraten zu sein, denke ich, und als ich in meiner letzten Nacht in New York träume, von einer Frau angekeppelt zu werden, weil ich meine Wäsche im Gästezimmer nebenan gewaschen habe, bin ich fast erleichtert, dass, zumindest im Traum, jemand auftritt, der ein negativeres und somit realistischeres Bild von Österreich zeichnet als es die Beamtinnen des Außenministeriums tun. An irgendwen erinnert mich diese Frau, vielleicht nicht einmal an einen einzelnen Menschen, sondern an ein österreichisches Lebensgefühl: an fest zupackende Großmütter, nicht zu beeindruckende Magistratsbeamte, Direktorinnen mit Fantasietiteln und Wurstfingern. An ein durch Zähne gepresstes Nein, das jede Frage abwürgt, an Am Schauplatz Gericht und böse Blicke beim Betreten von Wirtshäusern am Land. Das ist Österreich für mich: In New York, umgeben von lauter sympathischen und hilfsbereiten Österreicherinnen nicht anders können als zu träumen, jemand sei unfreundlich.
Tonio Schachinger nahm auf Einladung des Österreichischen Kulturforums New York von 27. bis 30. März 2025 an der Austrian Studies Association Jahrestagung 2025 in Gettysburg, Pennsylvania, teil und las für die Konferenzgäste aus seinem Roman »Echtzeitalter«.