Marinating
New Delhi – Jaipur – Kolkata
29.1.2025 – 8.2.2025
Wenn man sich vorstellt, dass ich einen großen Teil meines Lebens damit verbracht habe, den immergleichen Dialog zu performen, beginnend mit meinem Vornamen, der zur Herkunft meiner Mutter führt, die, um halbwegs genau zu sein, einen eigenen Exkurs notwendig macht, oder, bei umgekehrter Exotisierung, mit meinem schwer aussprechbaren Nachnamen, der zu meinem Vater nach Oberösterreich führt, ins Innviertel, zu einem Dorf namens Mörschwang und einer Mühle außerhalb von Obernberg am Inn, und dass sich aus beiden (entgegengesetzten?) Richtungen ganz selbstverständlich die Folgefrage ergibt, ob ich dort geboren sei oder hier, »allá« oder »aquí«, worauf ich, seit ich ein kleines Kind bin, antworte, nein, ich sei weder dort noch hier geboren, sondern in Neu Delhi, oder in New Delhi oder in Nueva Delhi, dann ist es schon irgendwie faszinierend, dass ich in all den Jahren nie den Impuls hatte, irgendwas über Delhi herauszufinden, und sei es nur, was es bedeutet, dem Namen der Stadt ein Alt- oder ein Neu- oder gar nichts voranzustellen.
Am 29. Jänner 2025, meinem 33. Geburtstag, komme ich in Delhi an, und die Luft riecht nach Neujahr, verbrannt und verheißungsvoll, nicht nach Feuerwerk, sondern nach dem, was davon übrigbleibt, wie der Prater, wenn an einem Tag ohne viel Wind der Rauch von der mit Kohle betriebenen Liliputbahn in den Bäumen der Hundezone hängt. Oder riecht es einfach nur nach Smog? Kann mir von dem ersten Lebensjahr, das ich hier verbracht habe, irgendeine Spur irgendeiner Erinnerung anhaften? Haben meine Begeisterung für das Sonnenuntergangshafte der Tauben- und Papageienschwärme über den Baumwipfeln, das mich irgendwie anfasst, meine Begeisterung für das zurückhaltend Tropische, das Diesige, Verwunschene, Nebelige, das mir immer schon als das Allerschönste erschienen ist, damit zu tun, dass ich hier geboren bin?
Vor der Reise hat meine Mutter mir gesagt, Indien liebe man entweder, oder man hasse es, aber gleichgültig stünde man dem Land nie gegenüber, und als ich zurückkomme, fragt sie, die Indien weiterhin liebt, mich, zu welchem der beiden Lager ich gehöre, und ich weiß es nicht. Während der Reise bin ich vollständig damit beschäftigt, meiner eigenen Erinnerung nachzuspüren, ein Vorhaben, das schon deshalb zum Scheitern verurteilt ist, weil das Nachdenken und das Sich-Vorstellen selbst zu einer Form von Erinnerung werden, die sich von erlebter Erinnerung kaum unterscheidet, und weil ich insgesamt immer schlechter darin werde, zwischen Fiktion und sogenannter Realität zu unterscheiden.
Vielleicht könnte man die ganze Reise so zusammenfassen, dass ich an ihrem Ende nichts weiß, noch weniger als vorher, und vor allem nicht das, was ich mich ursprünglich gefragt habe, und andererseits könnte ich vor lauter Unwissen einen ganzen Roman über diese zwölf Tage schreiben, über meine Todesangst im Kali Tempel in Kolkata mit David Wagner, als in einem kleinen und übervollen Vorraum ein Streit ausbricht, den ich nicht verstehe, und die Menschenmenge beginnt, zu drücken und zu schieben. Über den Ausflug nach Jor Bagh, wo der Fahrer und ich ein paar Sekunden lang ratlos vor dem mehrstöckigen Haus mit der Nummer 189 stehen bleiben, das ganz offensichtlich jünger ist als ich, bevor wir weiterfahren. Über den Flug von Kolkata nach Delhi, wo ich die ganze Zeit aus dem Fenster sehe, weil es mir vorkommt, als flögen wir über eine bebilderte Landkarte.
Direkt vor der Rückreise, auf dem Weg zum Flughafen in Delhi fragt der Fahrer mich, wie es meinem Vater geht und bei meiner Antwort sehe ich aus dem Fenster. Daraufhin ruft er von seinem Telefon aus den einzigen Botschaftsangestellten an, der Anfang der 1990er schon hier gearbeitet und mich, als ich ein Baby war, im Arm gehalten hat. Auch dieser Mann fragt, wie es meinem Vater geht, und ich sehe, während ich ihm antworte, wieder aus dem Fenster, um nicht zu weinen, was der Fahrer bemerkt und was ihn dazu bringt, mir davon zu erzählen, wie er selbst im Teenageralter seinen Vater verloren hat. Danach hält er mir im Stop-and-go-Verkehr sein Handy nach hinten, damit ich eine Tanzaufführung seiner Tochter anschauen kann, und ich verspreche, mich zu melden, wenn mir ein geeigneter Heiratskandidat für sie unterkommt.
Ich würde auch gerne über den Abend im Mocambo schreiben, darüber, wie logisch es den indischen Gästen des Lokals erscheinen könnte, dass diese Gruppe aus Österreichern und Deutschen ausgerechnet über den Zweiten Weltkrieg spricht, über Väter und Musiklehrer, die beim Afrika-Corps waren und diese Zeit später als »gemütlichen Krieg«bezeichnet haben. Und ich würde gerne über Jaipur schreiben, weniger über die Stadt mit ihren hotelhaften Palästen und ihren palasthaften Hotels, als über all die Menschen, die ich kennenlerne, das Britische Pärchen, mit dem ich mich anfreunde, als sich durch einen Verweis auf das Byzantinische Reich herausstellt, dass wir alle Fans der BBC-Serie Peep Show sind, die Bekanntschaften aus den Shuttlebussen, den Mann aus Maharashtra, mit dem ich anderthalb Stunden rede, den ich kaum verstehe und irgendwie doch, die elegante ältere Dame, die bis zu ihrer Pensionierung bei Penguin gearbeitet hat und mich fragt, wie es mit dem Schreiben läuft, und als ich ihr antworte, dass ich zwar viel übers Schreiben nachdenke, aber de facto gar nicht schreibe, es vielleicht sogar verlernt habe, sagt sie lachend, das sei ganz normal, mit dem Schreiben sei es nämlich wie mit der Zubereitung von Fleisch, es müsse zuerst eine Weile in seinem eigenen Saft liegen und vor sich hin marinieren, bevor man es weiterverarbeitet.