Prag und Gedächtnis
Meist habe ich eine Mission, wenn ich einen Ort bereise, ich habe Fragen notiert, Termine in Archiven und Bibliotheken vereinbart. Diesmal nicht, ich fahre nach Prag, um meinen Roman auf der Buchmesse vorzustellen. Obwohl die Stadt leicht und rasch zu erreichen ist, war ich länger nicht hier. Von Wien aus, wo ich studierte, fuhren wir noch zu kommunistischen Zeiten hierher, vor allem um Bücher günstig zu kaufen, die wir für das Studium brauchten. In Prag gab es Buchhandlungen, die die DDR-Ausgaben von Klassikern anboten, und wir fuhren mit schweren Koffern, die wir damals noch schleppen mussten, zurück. In Prag wohnten wir privat, wurden von interessierten Vermieterinnen am Bahnhof abgefangen. Zu einer derartige Bücherbesorgungsfahrt wurde es plötzlich so eisig kalt, dass die nette Pragerin, in deren Wohnzimmer wir schliefen, uns Pelzmäntel auslieh, mit denen wir durch die Stadt liefen. Ein anderes Mal, da wohnte ich bereits in Berlin, traf ich mich in Prag mit einem Freund, der aus Wien anreiste, sehr romantisch. Auf der Karlsbrücke sprach uns ein älterer Herr an, der Becherovka Kräuterlikör verkaufte, nicht die Flasche, sondern die paar Schlucke in Schnapsgläsern serviert, er sprach herrliches Deutsch.
Diesen Mai, unbegleitet, mit einem über Pflastersteine holpernden Rollkoffer, lautstark in Richtung Straßenbahn, angeleitet von einer freundlichen Pragerin, die mir die Fahrkartenautomaten erklärt. Sie begleitet mich fast bis an mein Ziel. Auch wegen des Koffers fiel mir auf, dass sogar außerhalb der touristischen Zonen die Gehsteige mittlerweile gepflastert sind. Arbeiter knieten am Boden und schlugen mit Hämmern viereckige Blöcke in den Sand. Fast wie in Portugal, dachte ich, wo die feinen Muster in Schwarz-Weiß zum Markenzeichen geworden sind, Pflastersteinlegen ist dort immer noch ein respektiertes Handwerk. Kurz blickte ich in die Schaufenster von Antiquitätenhändlern, die Schmuck, Uhren und kleine private Gegenstände von Wert anboten, und fotografierte es. In der Recherche für ein weiteres Buch beschäftige ich mich mit dem Raub von jüdischem Besitz, angefangen von Unternehmen über Villen bis zu Wohnungen, Möbel, Textilien, Schuhen. Alles wurde von den Nazis verwertet. Da ich selbst keinen Familienschmuck besitze, möchte ich die Ringe und Broschen beschreiben können, die einer Romanfigur weggenommen werden.
Dann, beflügelt von apriligem Wind, betrete ich die Zelte der Buchmesse, der Andrang ist groß. Ich stelle meinen Roman Transit Lissabon vor. Tereza Matějčková hat Fragen vorbereitet, wir führen das Gespräch auf Deutsch, es wird simultan übersetzt. Vorher erzählt die Philosophin und Journalistin von ihrem Sprachvermögen: Sie lebte als Kind mit ihren Eltern sowohl in Deutschland, als auch in Ungarn und in Prag. Die Implikationen von biografischen Brüchen und abrupten Sprachwechseln sind ihr vertraut, deshalb ist sie die ideale Gesprächspartnerin, um über psychische Befindlichkeiten im Exil zu reden, auch wenn mein Roman vom Transit jüdischer Geflüchteter in Lissabon erzählt. Sie waren bereits von einem Ort zum anderen gezogen, auf der Suche nach einem sicheren Aufenthalt. Von Berlin und Wien, über Paris und Südfrankreich landeten sie in Portugal.
Überhaupt bin ich beeindruckt von den klugen, akademisch gebildeten, weltläufigen jungen Frauen. Die Moderatorin des nächsten Events fällt mir auf, weil sie ein traditionelles Kleid trägt, in Blaudruck. Sie wirkt darin wie ein junges Mädchen, ist aber Übersetzerin aus dem Spanischen und Hebräischen sowie Universitätsdozentin. Martina Kutková hat das Kunststück vollbracht, sich mit meinem Roman vertraut zu machen, obwohl er nicht ins Tschechische übersetzt ist. So kann sie präzise Fragen stellen. Hier in Prag sprechen wir anders über Literatur als im deutschsprachigen Raum, scheint mir. Wissbegieriger, neugieriger, essentieller, nicht abgeklärt und wie tausendmal gehört. Oder bin das ich, die sich so freut? Die dann das Zelt verlässt, um den nahegelegenen Park zu erkunden. Auf und ab, gewundene Wege, entlang von Teichen, Springbrunnen, Kinderspielplätzen, Cafés, die geöffnet sind, auch wenn das Wetter nicht ideal ist wegen des gelegentlichen Regens. In dieser Umgebung scheint die Stimmung genauso gelassen und angenehm. Oder bin das wieder ich? Möglicherweise rufen die Einstellungen, die ich mitbringe, und die Resonanz, die ich in Prag erhalte, Verbindungen auf, die ich nicht plante, die sich aber dennoch ergeben. In den letzten Jahren meines Schreiblebens bin ich zur Memoryjägerin geworden. Gedenktafeln ziehen mich wie magisch an. Vor dem Hotel Mama Shelter, in dem wir untergebracht sind, entdecke ich eine Tafel mit Relief, die Inschrift tschechisch, die Jahreszahlen 1941-1945 kann ich erkennen. Mit dem Übersetzungsprogramm auf dem Handy versuche ich die Bedeutung des Textes zu klären, obwohl das Relief eindeutig ist –Vertreibung. Ich lege einen Stein oben auf die Tafel.
Am letzten Abend, es regnet wieder, suche ich das Nachbarschaftscafé auf, trinke erfrischendes Bier, bestelle Salat und erhalte hauchdünn geschnittenes geräuchertes Rindfleisch mit ein paar Blättern Grün. Draußen am Řezáčplatz fällt mir ein großer polierter Granitblock auf. Als ich ihn inspiziere, bemerke ich eine Gedichtzeile, die sich um den Stein windet. Von Rilke. Aus den Duineser Elegien. Er ist in Prag geboren. Wieder fühle ich mich verbunden, denn gerade habe ich ein langes Gedicht beendet, das sich u.a. mit den Engeln in Rilkes Elegien auseinandersetzt.
Bevor ich am nächsten Tag in den Zug steige, will ich in der Jerusalemsynagoge die Ausstellung über jüdischen Widerstand in Prag sehen. Der Architekt des Gebäudes stammte aus Wien. Noch im Foyer werde ich von einer jungen Frau in ein Gespräch verwickelt. Sie bietet Führungen an und während sie auf Interessentinnen wartet, beginnt sie, ihr Wissen um jüdische Verfolgte während der Nazi-Zeit vor mir auszubreiten, die eigene Familiengeschichte inklusive, Namen von Orten wie Gusen und Mauthausen fallen. Verbindungen, die schmerzen, die ich aber anerkennen muss. Ich komme nicht los. Als ich die Ausstellung im Obergeschoss betreten will, werde ich von einer sehr alten, sehr gebrechlichen Dame nach dem Ticket gefragt, das ich partout nicht mehr finden kann. Sie bleibt hart, lässt mich nicht hinein. Vorschrift, sagt sie, in gebrochenem Deutsch. Ich fühle mich unwohl, weil ich mir vorstelle, unter welchen Umständen sie dieses Wort gelernt haben mag.
Im Zug zurück nach Wien recherchiere ich. Der Bahnhof Holešovice-Bubny, von dem über fünfzigtausend Juden hauptsächlich nach Theresienstadt deportiert wurden, befindet sich etwa 200 Meter vom Hotel entfernt, in dem ich schlief. Bei der Lesung wurde ich gefragt, ob ich Bezüge zwischen Prag und dem Exil-Thema meines Romans sehe. Ja, antwortete ich, jüdische Geflüchtete wichen, als es in Deutschland und Österreich gefährlich wurde, oft auch nach Prag aus. Walter Serner, ein Autor, den ich zu Studienzeiten verehrte, zog in die tschechische Hauptstadt, wollte von da nach Shanghai flüchten, schaffte es nicht rechtzeitig. Er wurde vom Bubny-Bahnhof zuerst nach Terezin, dann in den Tod deportiert. 50 kg Gepäck pro Person waren erlaubt. Für nichts. Als sie den Zug bestiegen, wurden ihnen Koffer und Wohnungsschlüssel abgenommen. Zurzeit wird das alte Gebäude zu einem Gedenkort umgestaltet. Da es dieses Jahr wegen der Bauarbeiten am Bahnhof nicht möglich war, dort eine Gedenkfeier zu veranstalten, wurden auf die Fassade des Mama Shelter-Hotels Fotos von deportierten Pragern projiziert. So habe ich, obwohl nicht geplant, doch Verbindungen zu meinen Forschungen gefunden. Ich komme wieder.
Sabine Scholl war im Rahmen der Prager Buchmesse von 15.-18. Mai 2025 in Prag zu Gast. Am 16. Mai las sie aus »Transit Lissabon«, einen Tag später nahm sie an der Podiumsdiskussion ›Portugal in den Augen der Welt‹ teil.