Das Palais Yeniköy Bosporus
Vor den drei Flügelfenstern des Botschafterzimmers im letzten Stock des Palais Yeniköy breitete sich, fast zum Greifen nahe, die mächtige Krone einer Immergrünen Magnolie aus. An sonnigen Tagen konnte ich aus ihrem Blattwerk die Stimmen von Papageien – Halsbandsittichen – vernehmen, aber nur selten bekam ich einen zu Gesicht. Kraft des hellgrünen Farbtons ihres Gefieders passten sich die Tiere den Blättern in einer Art und Weise an, dass sie für mich unsichtbar geworden waren. So erfreute ich mich an ihren Lauten und gab die Suche nach ihnen auf, wenn ich an einem der geöffneten Fenster stand, um die mediterrane Luft zu genießen. Manchmal tauchten die kleinen Papageie aber auch für Momente ganz ungeniert gleichsam direkt vor meiner Nase in den Zweigen auf.
Das Botschafterzimmer im Palais des Österreichischen Generalkonsulats und Kulturforums in Istanbul ist – wie der Name schon verrät – für die oberste Vertreterin oder den obersten Vertreter des Staates Österreich in der Türkei reserviert, wenn sie oder er aus diplomatischen Gründen von Ankara nach Istanbul kommt. Wenn es jedoch frei ist und die Botschafterin oder der Botschafter sich nicht angekündigt hat, wird es gelegentlich auch an Österreicherinnen und Österreicher vergeben, die beruflich nach Istanbul reisen.
Die Sammelbalgfrüchte der Magnolie erinnerten in diesem Frühherbst nicht nur der Größe und der gelblichen Farbe wegen an Tennisbälle – die zapfengleich in die Länge gezogenen Früchte waren größer und changierten auch ins Rötliche, bevor sie sich später braun verfärben würden – sondern auch auf Grund der haarig anmutenden stofflichen Konsistenz ihrer Haut. Auf Grund ihrer Festigkeit und des Gewichts sind sie im Flug wahrscheinlich auch nicht weniger schlagkräftig als Tennisbälle, wenn sie einem bei Wind unter dem Baum Stehenden auf den Kopf fallen würden. Anfang Oktober hingen die Früchte jedenfalls noch recht kräftig in den Zweigen, und der Baum machte nicht den Anschein, einer ihrer verlustig zu gehen.
Wenn die Sonne nicht schien, hatten die Papageie keine Lust, zu kreischen. An diesen Tagen ließen sich dann die Muezzins aus den benachbarten Moscheen – manchmal auch sogar jener aus der Moschee am gegenüberliegenden Ufer des Bosporus – besser vernehmen. Am ersten Sonntag nach meiner Ankunft hörte ich, als ich den Bosporus Richtung Schwarzes Meer hinaufspazierte, von einem der Hügelabhänge in der Tarabya-Bucht, auch das Glockengeläut einer orthodoxen Kirche, das mich zur Messe einlud.
Yeniköy war einst ein von den Griechen bewohntes Viertel, Tarabya leitet sich von dem griechischen Wort therapeía (deutsch: Therapie) ab. 1955 war es aber wegen einer Falschmeldung, nach der das Geburtshaus von Kemal Atatürk in Thessaloniki zerstört worden sein sollte, und der leidlichen Zypernfrage, zu von den türkischen Behörden gewollten teils sehr violenten Übergriffen gegenüber der griechischen Bevölkerung gekommen, daher die Griechinnen und Griechen damals scharenweise das Land verlassen hatten. Zurückgeblieben sind ihre Kirchen und eine überschaubare Zahl an Gläubigen. Als ich die sonntägliche Zeremonie für einen kurzen Moment besuchte, waren außer mir, dem Priester, dem Messdiener und dem Kantor nur drei andere Menschen im Gotteshaus anwesend.
Der an einen Vorort gemahnende, jedoch noch zu Istanbul gehörende Stadtteil Yeniköy, was übersetzt Neudorf heißt, war in den heißen Monaten des Jahres einst der bevorzugte Rückzugsort der Diplomaten gewesen, von denen sich einige dieser Residenzen erhalten haben und noch heute eine an einen Sommerfrischeort erinnernde Stimmung zeugt.
Das Palais, in dem sich seit 1991 das Österreichische Generalkonsulat und seit 1994 das Österreichische Kulturforum Istanbul befinden, ist ein Geschenk des Sultans Abdul Hamid II. an Kaiser Franz Josef. Zuvor war es im Besitz eines armenischen Bankiers gewesen, der aber bei den türkischen Machthabern in Ungnaden gefallen war. Die Liegenschaft mit dem weitläufigen Garten weist eine bewegte Geschichte auf, die sich zum Teil durch die politischen Wirren der beiden Weltkriege erklären lässt. Seit 1947 ist jedoch die Republik Österreich laut Eintragung ins Grundbuch Besitzer der Liegenschaft.
In den 1960er-Jahren hatte das Palais einmal als ein von den Barmherzigen Schwestern geführtes Mädcheninternat für Türkinnen gedient. Während meiner Anwesenheit fand in dem an den Wochenenden sonst verwaisten Palast ein Treffen von 160 ehemaligen Schülerinnen statt. Die nicht mehr ganz jungen, aber noch agilen Damen waren nicht nur aus verschiedenen Orten der Türkei, sondern gleichsam aus aller Welt angereist. Es gab zunächst ein Klavierkonzert, und alte Fotos wurden auf einer Leinwand projiziert. Danach wurde sogar Bier getrunken und ausgelassen getanzt.
Nach dem Frühstück, oder wenn ich von den Lesungen aus der Istanbuler Innenstadt nach Yeniköy zurückkehrte, spazierte ich gerne an der vor dem Palais sich erstreckenden Uferpromenade des Bosporus. Abends und in der Nacht herrschte oft eine solche Limpidezza, dass die Straßenbeleuchtungen und Lichter der Häuser auf den Hügeln an der anderen Uferseite wie Edelsteine funkelten.
Sosehr ich mich an der Kuratmosphäre von Yeniköy erfreute, bringt die Lage des Palais – fern vom Zentrum – den kleinen Nachteil mit sich, dass bei Veranstaltungen im Kulturforum, die meistens im beeindruckenden Ballsaal stattfinden, manche den langen Anfahrtsweg scheuen. Jedoch könnte der Besuch des Palastes, soweit jemand die Zeit investieren kann, mit einem erholsamen Spaziergang am Bosporus und einer Einkehr in eines der vielen netten Restaurants dort in der Nähe verbunden werden. Viele Einwohnerinnen und Einwohner von Istanbul kommen genau aus diesen Gründen an den Wochenenden gerne nach Yeniköy.
Die Schenkung des Sultans hatte nicht nur den damals noch renovierungsbedürftigen Palast, sondern auch den beigeschlossenen Garten betroffen. Die ganze Anlage gilt mit seinen dreiunddreißigtausend Quadratmetern als der derzeit größte Besitz Österreichs im Ausland. Ich hatte mich selten wo anders auf Anhieb so wohl gefühlt wie in diesem Palast. Das hatte zum Teil mit der exzellenten Betreuung durch die Leiterin des Kulturforums, Frau Silvia Neureiter, und ihrem vortrefflichen Team zu tun, aber auch mit der Lage des Palais und dem Gebäude selbst. Die drei Lesungen in Istanbul waren von Erfolg gekrönt. Ferner konnte ich Kontakte für die Zukunft knüpfen, und es sind auch neue Freundschaften geschlossen worden.
Der französische Autor und Journalist Daniel Rondeau hat in seinem Istanbul-Buch den Bosporus mit dem Canal Grande von Venedig verglichen. Ich selbst wurde dort auch, obwohl ich vom Botschaftszimmer aus nicht auf die Meerenge schauen konnte, durch das Quarren der Möwen und durch die Geräusche fahrender Schiffe – die selbst bei geschlossenen Fenstern im Zimmer zu hören waren – allein durch diese auditiven Eindrücke an meinen Aufenthalt in San Polo in Venedig dieses Jahres erinnert. Auch sind beide Städte von der byzantinischen Kunst geprägt. Aber Istanbul ist Istanbul, und Venedig ist Venedig.
Peter Simon Altmann war von 4.–12. Oktober 2025 auf Lesereise in Istanbul und nahm im Zuge dessen am 6.10., 8.10. und 10.10. an Veranstaltungen teil.