Zeugnis eines Sturzes
Knapp drei Wochen bevor ich meine Reise zum Literaturfestival in Leukerbad antrat, sah ich mir in einer nicht enden wollenden Fassungslosigkeit die Videoaufnahmen des Gletschersturzes an, der das keine zwanzig Kilometer Luftlinie von meiner Destination liegende Dorf Blatten im Wallis unter eine Gerölllawine begraben hatte. Wieder und wieder spielte ich vor meinem Bildschirm sitzend das Video ab, in dem man sieht, wie eine mit jedem Meter anschwellende braune Wolke entlang eines Berghangs hinab ins Tal stürzt, wo sich dieses Dorf einmal befunden haben soll, das in der Folge sozusagen unter dem Berg begraben wurde. Die Bilder zeigten, so sah ich das zumindest, wie dem Boden die Luft ausgeht. Nach Lebensgeistern greifende Staubhände platzten aus dem Gewölk hervor, neue Dunstbälle bildeten sich, als würde die Welt unter der Oberfläche explodieren, und als ich die Reporter von mitgerissenen Bäumen sprechen hörte, wunderte ich mich, dass man diese Bäume nicht sah, dass man eigentlich überhaupt nichts erkennen konnte, dass da nur dieses erdfarbene Gemisch blieb, das alles so aussehen ließ, als hätte es nie etwas anderes gegeben vor dieser verdreckten Ödnis im Schatten eines zerklüfteten Bergs. Es ist ja nicht gerade so, dass einem derlei Bilder völlig fremd wären, schließlich sind Aufnahmen von ins Meer stürzenden Eislandschaften in der Arktis längst in der kollektiven Wahrnehmung verankert. Die schiere Wucht und Unwirklichkeit der nachgebenden Landmasse bietet ein irgendwie greifbares, wenn auch fernbleibendes Sinnbild für die Veränderungen, denen sich alle in einer seltsamen Starre hinzugeben scheinen, wenn man mal von hilflosen Rhetoriken und gelegentlichen Störungen absieht, die allerdings kein wirkliches Vokabular finden und keine Nähe herstellen zu diesen Bildern. Kein Wunder, dass es Touristen gibt, die dem Spektakel kollabierender Eisberge beiwohnen wollen, das sogenannte Doomscrolling sucht nach Entsprechungen in der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit, um dem anhaltenden und wahrscheinlich großteils sich im Unbewussten ausbreitenden Verdacht einer rein im Virtuellen existierenden Katastrophe zu entkommen. Ein wenig, das gebe ich zu, hoffe auch ich, irgendwann Zeuge zumindest einer der Unglücke zu werden, die unsere Wahrnehmung prägen. Nicht, um die sich in meiner Gegenwart abspielende Katastrophe abzufilmen oder sonstwie zu verbreiten, sondern um die Entfernung zu tilgen, die sich zwischen mir und der Welt aufgetan hat. Um zu spüren, was es wirklich bedeutet, wenn die Welt vor die Hunde geht.
Ich kann nicht genau beschreiben, was ich erwartete, als ich mich auf den Weg ins Wallis begab, aber ich weiß noch, wie ich auf der Zugfahrt von Visp nach Leuk aus dem Fenster auf die überall aufragenden, kahl schimmernden Bergmassive schaute und nicht anders konnte, als mir vorzustellen, dass diese Steinmassen jederzeit in sich zusammensacken könnten. Das erste, was ich dann allerdings bemerkte, als ich über den kleinen Bahnhofsplatz in Leuk vom Zug zum Bus ging, der mich über eine Passstraße in den Ort bringen sollte, war die mediterran anmutende Luft, in der ich fast meinte, das Meer riechen zu können. Natürlich glaubte ich sofort, dass dieses mich geradezu anfallende Klima ein klares Indiz für jene Faktoren wäre, die zu einer solchen Katastrophe wie in Blatten haben führen können. Gleichzeitig aber las ich noch am selben Abend auf einer touristischen Website der Region von Rilke, der einem Reisenden so ziemlich überall begegnet, dass er im nicht unweit des Bahnhofs gelegenen Pfynwald einst einen Hauch der Provence verspürte, was dieser meiner Annahme sich veränderter Bedingungen widersprach. Ich schaute auf die steilen Felswände, die dicht bewachsenen Wiesen und wie die Sonne zu später Stunde noch immer über den Bergkamm blinzelte. Das jäh ansteigende oder abfallende Gelände neben der Straße wirkte auf mich, als wäre es die anhaltende Verschiebung der Bedingungen gewohnt, als wäre eine solche Katastrophe, wie sie sich bei Blatten zugetragen hat, nur ein Extremfall, der anhaltenden Abtragung, die wir als festen Grund wahrnehmen, um nicht im Dauerzustand eines Schwindels leben zu müssen. Aber ich traute meinem Blick nicht. Ich verstehe nichts von Tektonik und der Zeit, die tiefer in diesem Gelände liegt, als ich mir überhaupt vorstellen kann. Ich habe nur zwei Instrumente, um überhaupt zu registrieren, wie sich eine Landschaft verändert: Das eine Instrument ist die Ahnung, das andere die Beobachtung. Die Ahnung setzt sich zusammen aus Wissen, Halbwissen und einem schwer zu greifenden Gefühl, das sich seit geraumer Zeit über meine Tage gelegt hat und das dafür sorgt, dass ich sämtliche Signale einer Unbeständigkeit als Symptome des Verlusts deute. Da wir Menschen im Laufe unserer Geschichte verlernt haben, mit Ahnungen umzugehen, ist dieses Instrument nur äußerst schwer zu bedienen. Das sieht man bei jenen, die ihr eigenes Befinden mit dem der Welt verwechseln. Die Ahnung bräuchte mehr Verständnis für den Zusammenhang von den sich darbietenden Zeichen in der Umgebung mit dem, was wir für unser Innenleben halten. Wenn ich mich mit meinen Ahnungen beschäftigen will, komme ich mir vor, als würde ich eine Ausbildung zum Böttger beginnen, niemand kann mir mehr sagen, welche Handgriffe ich tätigen muss, damit das Fass einen Boden hat. Die Beobachtung dagegen ist ein Instrument, das durchaus noch verbreitet ist, zumindest in bestimmten Kreisen, aber sie täuscht, vor allem dann, wenn sie etwas lernen will. Sie zu beherrschen, ist in gewissem Sinne mein Lebensziel und ich habe längst begriffen, dass ich das nie erreichen werde. Ich habe mich mit zu vielen Gedanken und Sprache beladen, um ein guter Beobachter zu werden. In anderen Worten: Ich sehe nur das, was ich mir vorstellen kann. Das ist nun vor allem deshalb ein nicht zu unterschätzendes Problem, weil ich aus einer Generation komme, die lernen muss, eine Zerstörung zu sehen, damit sie nicht abstrakt bleibt. Es ist nicht so, dass unsere Häuser zerbombt wurden und wir in den Ruinen stehen. Die Bilder sind nicht eindeutig, auch wenn sie manchmal so interpretiert werden. Unsere Trümmer sind fast unsichtbar. Manchmal begegnen wir einem ausgetrockneten Fluß oder ein Gletscher verschwindet. Aber das ist nicht leicht zu deuten und schon gar nicht zu begreifen. Ich frage mich, ob es eine Art Inschrift gibt in der Landschaft, die wir verlernt haben zu lesen. Sie würde nicht aus den Verfehlungen der Menschen oder den Warnsignalen der Natur bestehen, sondern gleich einer Blindenschrift feine Kerben in den Oberflächen hinterlassen, die wir einzig durch Berührung nachempfinden könnten, um endlich wieder die Sonne als die Sonne, den Wind als den Wind und das Eis als das Eis sehen zu können. Ein wenig so, wie jene Bauern der Region, die an der Bewegungsrichtung der Ameisen das Wetter vorhersagen konnten. Ich fürchte nur, dafür ist es zu spät, wir leben in der Zeit der Fatalisten auf der einen Seite und der Egoisten auf der anderen Seite, die Realisten und Mystiker schreiben sich nur heimlich Briefe, die keiner veröffentlicht.
Meine Zeit in Leukerbad fiel in jene Woche, in denen die Tage am längsten sind. Die Rauchschwalben im Ort kamen nicht zur Ruhe. Sie segelten unentwegt hin und her, sodass mir fast schwindlig wurde, als ich ihren Kurven folgte. Die in der Abendsonne glänzenden Hotels mit ihren altmodischen Fassaden erinnerten mich an Opatija, wieder das Mittelmeer also, wo man in architektonischen Gesten noch die ehemalige Geschäftigkeit eines Ortes nachvollziehen kann, die jedoch anderweitig in ein fast geisterhaftes Schweigen verkehrt wurde. Es ist so viel leichter, die Veränderungen menschgemachter Welten zu registrieren als die die menschgemachte Veränderung der Welt. Ein paar Gestalten saßen auf den Hotelterrassen umringt von Daubenhorn und Plattenhörnern, weißgrauen Felsen, die dieses Tal der Dala einkesseln. Vom Balkon meines Hotelzimmers aus konnte ich einen über eine Felsklippe stürzenden Wasserfall sehen, zu dem ich gleich am nächsten Morgen auf einem von Wildblumen umsäumten Weg wanderte. Das dampfartige Wassergemisch, das beim Aufprall des Wassers auf die Steine entsteht, erinnerte mich inmitten dieser in sich ruhenden Gegend noch am ehesten an die Staubwolke aus dem Video bei Blatten, auch wenn das friedliche Dahinplätschern des Katarakts nichts mit der vernichten Urkraft der Gerölllawine gemein hatte. Die Bewegungsrichtung war immerhin die gleiche, ein unaufhaltsames Abwärtsdrängen, das bei einem Starkgewitter am Folgetag durchaus andeutete, den ganzen Berg mit sich in die Tiefe ziehen zu können. Je länger es nämlich regnete, desto mehr Wasserfälle sprangen aus den Felsen, sodass es für wenige Momente so aussah, als wäre der Berg selbst ein Wasserfall. Es war mir völlig unklar, ob dieses Wasser Regenwasser war oder vom Regen abgetragener Gletscherschnee. Als ich vor dem Gewitter ungefähr eine halbe Stunde neben dem Wasserfall saß, habe ich mich gefragt, warum ich das ohrenbetäubende Rauschen dort derart angenehm empfand, ob es also an der Gleichmäßigkeit hinge oder am Naturgeräusch selbst. Ich konnte es nicht sagen, die Frage aber blieb mir. Da an einem der Tage keine Lesung aus meinem Buch vorgesehen war, dessen Wienerischer Inhalt mir in dieser Umgebung ohnehin fremd vorkam, wobei mir alles Wienerische fremd vorkommt, wenn ich nicht in Wien bin, begab ich mich auf einen anstrengenden Fußmarsch zum höhergelegenen Gletscher. Ich hatte mir allerhand Kleidung eingesteckt, weil ich erwartete, auf über zweitausend Metern zu frieren, aber ich blieb den ganzen Tag im T-Shirt. Als ich die schmale Gletscherzunge auf den endlosen Geröllwüsten sah, vernahm ich ein stetes Tropfen und Fließen, das von unter der Schneedecke nach oben zu steigen schien als Tropfen der Erde selbst. Ich konnte der Schmelze des Gletschers lauschen. Zu meiner Verwunderung empfand ich auch dieses Geräusch als angenehm und ich fragte mich, ob diese wohligen, von Futuristen einst in Poesie verwandelten Gefühle, die mich im Angesicht der anhaltenden Katastrophen begleiten, das süchtigmachende Kribbeln des Doomscrolling, das Staunen vor der Erosion, die Farbenspiele im herabstürzenden Schlamm, das liebliche Murmeln schmelzender Gletscher nicht eigentlich von der vollkommenen menschlichen Unfähigkeit erzählt, die Katastrophe als solche wahrzunehmen, weil unsereins wie eine Schwalbe im Kreis fliegt (fraglos mit weniger Anmut) und das Tageslicht bestaunt, zwar insgeheim wissend, aber doch nicht merkend, dass die Häuser verwahrlosen, in deren Nischen wir unsere Nester gebaut haben. Aber das ist nur eine weitere Metapher, die mich von meiner Umgebung entfernt. Eigentlich waren da in Leukerbad nur Berge und manchmal erschienen Wolken über den Bergen und schmelzender Schnee auf den Bergen und die Sonne war warm und die Schwalben wach. Ich habe einen Gletscherstein mit zurück nach Wien genommen. Jetzt kann ich damit beginnen, ihn zu beobachten und dann irgendwann kann ich versuchen, ihn zu beschreiben, und mit viel Glück sagt er mir etwas, bevor ich sterbe.
Während des Internationalen Literaturfestivals Leukerbad 2025 las Patrick Holzapfel auf Einladung des Österreichischen Kulturforums Bern zwischen dem 19. und 22. Juni mehrfach aus seinem Roman.