Einmal fragte ich meinen Schriftstellerkollegen B bei einem Spaziergang, ob er einen Stift zur Hand hätte. Er griff mit einer rhetorischen Geste seine leeren Jackentaschen ab und sagte: Ich trage nie einen Stift bei mir, es könnte mir ja etwas einfallen! Diese das eigene Schaffen sabotierende Nonchalance beeindruckte mich. Ich erkannte, als Schriftstellerin hält man nicht nur Ausschau nach der nächsten Idee, man hat auch Angst vor ihr. Seitdem beschäftigt mich die Frage, ob das ständige Aufschreiben und Festhalten von Beobachtungen, Gedanken und Ideen, ein Grundpfeiler des Berufs, vom Wesentlichen ablenken könnte. Befeuert wurde dieser Gedanke von einer befreundeten Psychotherapeutin, die mir erzählte, dass sie in ihren Sitzungen nie Notizen mache und auch ihren Klienten davon abrate. Was wichtig sei, spüle die Seele nämlich von ganz allein an die Oberfläche.
Ich weiß nicht, ob man sich beim Schreiben nur auf die Seele verlassen kann, ich mache mir immer noch Notizen, aber ich gebe ihnen nicht mehr so viel Macht wie früher. Während meines Aufenthalts als Stipendiatin des Prager Literaturhauses im Sommer 2020 habe ich außerordentlich viel notiert, was wiederum mit der Einsamkeit zu tun hat, die Aufenthaltsstipendien mit sich bringen. Kafkas Tagebücher klemmten, wohin ich auch ging, unter meinem Arm, und ich fragte mich damals sogar, ob ich auch, wie Franz, Tagebuch führen sollte, zusätzlich zu meinen Notizen. Aber was sollte ich denn noch alles aufschreiben!?
Autoren tragen neben Notizbuch und Stift auch ein paar Standardweisheiten bei sich. Eine davon lautet: Man kann nicht immer schreiben, man muss auch leben, damit man etwas hat, worüber man schreiben kann. Als ich im September dieses Jahres zusammen mit Autorinnen aus Deutschland, der Slowakei und Tschechien zum internationalen Festival »Literatur im Park« in den Prague Central Camp eingeladen werde, nehme ich also kein Notizbuch mit, sondern meine Mutter und meine Schwester. Und als mich vor kurzem das Österreichische Kulturforum fragt, ob ich einen Blogbeitrag über meinen Aufenthalt verfassen möchte, erschrecke ich ein bisschen, denn hätte ich das vorher gewusst, ich hätte mir Notizen gemacht!
Um den etwa zwei Monate zurückliegenden Geschehnissen und Gefühlen jener Tage in Prag nachzuspüren, scrolle ich durch die Fotos, die ich gemacht habe. 90% zeigen Vitrinen, in denen Chlebíčky und Faschingskrapfen liegen, was mit meiner andauernden Hoffnung auf einen Proust-Effekt zu tun hat, war doch die Küche meiner längst verstorbenen Großmutter stark böhmisch beeinflusst. Die anderen 10% fallen auf verwackelte Videos, auf einem tanzt meine Mutter im Straßenlaternenlicht neben einem aus Europaletten gebauten DJ-Pult, an dem ein Mann mit Fischerhut tschechischen Rap performt. Umringt von jungen, coolen Menschen streckt meine Mutter beide Zeigefinger in die Luft, wippt mit dem Kopf nach vor und zurück und macht in ihrer Unerschrockenheit einen erstaunlich gut integrierten Eindruck.
Ich rufe meine Mutter an, denn mir fällt ein, Mama führt ja ein Tagebuch! Ja, sie habe Aufzeichnungen, sagt sie, aber ich wisse ja, es handle sich dabei nur um verschriftlichte Tagesabläufe, nicht mehr.
Die Zugfahrt ist vergnüglich, Manu hat Wurstsemmeln für uns gemacht. Wir kommen pünktlich in Prag an, suchen das Österreichische Kulturforum (ÖKF), unser Quartier ist überraschend groß. Auf mein Drängen machen wir eine Sightseeing-Tour zum Hradschin. Unterwegs kauft sich Margit einen Faschingskrapfen, den sie mit viel Genuss verspeist.
Schön langsam spüren wir, dass wir noch nichts Gescheites gegessen haben und suchen nach einem Lokal. Margit gefällt ja nicht jedes. Eines ist vielleicht zu touristisch, das andere hat nichts zum Sitzen im Freien, usw. Schließlich landen wir dort, wo Margit, während ihres 1-monatigen Aufenthalts oft gewesen war. Das Gulasch kommt schnell und schmeckt fantastisch!!!
Wir müssen auf die Uhr schauen, denn Margit muss ja noch arbeiten! Wir brauchen, bis wir den Park finden, wo die Lesung stattfinden soll.
Jetzt erinnere ich mich, wie froh ich war, dass wir rechtzeitig zu Anna Řezničkovás Performance im Prague Central Camp angekommen sind. Die Autorin liest aus ihrem Debütgedichtband. Im Vorgespräch, das mir simultan ins Ohr übersetzt wird, spricht sie vom Wäscheaufhängen. Sie fände es interessant Menschen zu fragen, auf welche Art sie ihre Wäsche aufhängen. Sie beginnt ihre Gedichte zu lesen, bleibt dabei aber nicht auf ihrem Stuhl auf der Bühne sitzen, sondern wechselt nach jedem Gedicht den Platz, stellt sich einmal dort in die Ecke, setzt sich einmal da neben einen Zuhörenden.
Anna Řezničková streift herum wie eine Katze, die erst überlegt, wo sie sich endgültig niederlässt, und ich verstehe etwas über ihre Kunst, das über die Sprache hinausgeht. Ihr raumerkundender Vortrag hätte das Publikum überfordern und zu einer verkrampften Stimmung führen können, aber die Autorin bewegt sich mit solcher Natürlichkeit zu den unterschiedlichen Sitzgrüppchen unter dem heißen Dach der Lesebühne, dass sich alle spürbar damit wohlfühlen. Es ist, als hätte sie die Zeilen direkt für meine Mutter und meine Schwester geschrieben, als sie sich an einer Stelle neben die beiden setzt. Die Autorin hat uns etwas mitgegeben, ohne dass wir ein einziges Wort ihrer Gedichte verstehen konnten.
Wir sind sehr glücklich, genießen die Sonne, das Bier, den Fluss. Margit und ich essen wieder ein Gulasch, weil uns sonst nichts gefallen hat. Es ist nicht schlecht, aber nicht so gut wie das von gestern. Wir gehen zu Kafkas Metallkopf. Wir sehen ihn in Bewegung und in mehreren Farben. Ich habe ca. 6 Minuten das Geschehen gefilmt, dann wurde es uns aber bald langweilig.
Meine Lesung wird von der Übersetzerin Jitka Nešporová moderiert. Sie kommt im Vorfeld auf mich zu und fragt, ob sie unser Gespräch auf der Bühne aufnehmen darf, sie müsse sich dann keine Notizen machen und würde es im Anschluss gerne als Interview auf www.iliteratura.cz veröffentlichen. Ich sage gerne zu. Das Gespräch führt Frau Nešporová auf Tschechisch, mir werden die Fragen von Bianca Lipanská simultan in den Ohrstöpsel übersetzt und mit dem Mikrophon in der Hand fühle ich mich wie eine dieser Auslandskorrespondentinnen im Fernsehen, die in die Kamera blicken und nicken, bis sie das Ende der Frage erreicht hat. Ich nehme diese Zeitverzögerung bewusst wahr. Die Sekunden, die wir für die Verständigung brauchen, bis ich eine Antwort formulieren kann, lösen eine Wachheit, ein Glücksgefühl in mir aus und ich merke, ich bin ergriffen von der Kunst, der Kunst des simultanen Übersetzens nämlich, einer Kunst, die ohne Notizen auskommen muss! Ich bin beeindruckt von der Sorgfalt, die meinen gesprochenen Worten entgegengebracht wird, um sie umzuwandeln und weiterzugeben. An diesem Tag spüre ich die Kraft der Kunst im Jetzt, im Simultanen und Körperlichen, im Beweglichen, im Nicht-Festgeschriebenen.
Margits Lesung ist ein Erfolg. Im Anschluss haben wir Glück und finden ein gutes Lokal für unser Abendessen und um ein letztes Mal das gute Bier zu genießen. Wir haben die drei Tage sehr genossen und sind sehr viel gelaufen. Laut Manu 50.000 Schritte.
Jitka Nešporová sagt bei der Verabschiedung, das Gespräch mit mir fand sie sehr anregend, aber leider, es wäre ihr peinlich, habe sie vergessen das Aufnahmegerät anzuschalten. »Das macht überhaupt nichts!« bricht es ein bisschen zu euphorisch aus mir heraus. Manchmal stimmt es mich einfach glücklich, die Dinge nicht festzuhalten.
Margit Mössmer war von 19.–22. September 2025 auf Lesereise in Prag und nahm im Zuge dessen am Open-Air-Festival »Literatur im Park« teil.