Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich.
Polen-Lesereise 2026 (12.04.2026 – 18.04.2026)
Warst du schon mal in Opole, frage ich meine Mutter vor der Abreise, kurz bevor ich in das Taxi in Wien steige, das mich zum Bahnhof bringt. Wahrscheinlich schon, ich erinnere mich nicht mehr, antwortet sie. Ich nicke. Als Kind, sage ich, habe ich doch immer so eine Sendung im Fernsehen gesehen, wenn wir den Sommer in Polen verbracht haben. Aber meine Mutter erinnert sich nicht. Immer öfter muss ich meinen eigenen Erinnerungen im Netz nachrecherchieren, weil jene, die dabei gewesen waren, entweder bereits verstorben sind oder zu alt, um sich noch zu erinnern. Meine Eltern sind beziehungsweise waren beide aus Polen und kamen Anfang der 1970er Jahre nach Österreich, nach Wien, wo ich 1978 geboren wurde.
Krajowy Festiwal Piosenki Polskiej, klärt mich Małgorzata Jokiel vom Institut für Germanistik in Opole auf, als wir nach meiner Buchpräsentation gemeinsam mit Monika Wójcik-Bednarz von der Österreich-Bibliothek in Opole durch die Stadt spazieren und ich von den Fernsehsendungen meiner Kindheit berichte. Das findet seit 1963 jährlich statt und wird live im Fernsehen übertragen. Ja, genau, sage ich und kann mich selbst nur an die Moderator*innen des Festivals erinnern, aber an keine Lieder.
Als ich Sonntagnacht im Gästezimmer der Wojewodschaftsbibliothek ankomme, funktioniert das W-Lan nicht, die Heizkörper werden nur lauwarm und es dauert eine Weile, bis ich zwei zusätzliche Decken gefunden habe. Kurz fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt. Ich muss an das Warmwasser denken, das manchmal nur lauwarm war, weshalb Wasser in einem großen Topf auf dem Herd heiß gemacht wurde, um es in die Badewanne zu leeren, um im Winter trotzdem ein Bad nehmen zu können. Aber an diesem Sonntag wird das Wasser im Gästezimmer heiß, und gemeinsam mit dem Portier bringen wir zumindest den Fernseher zum Laufen. Am Morgen wache ich ausgeschlafen und bereit für meine erste Buchpräsentation auf Polnisch auf. Zugegeben, ein wenig nervös bin ich schon. Das Publikum ist gemischt, zumeist Student*innen und Menschen, die ich als Pensionist*innen einstufe, was wahrscheinlich auch der Uhrzeit geschuldet ist. Die Veranstaltung findet um 11 Uhr statt und dank der klugen Moderation von Małgorzata Jokiel fließt das Gespräch, wir greifen alle Themen des Buches auf: das Überleben meines Vaters in sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Sibirien, die Gespräche, die ich mit ihm darüber geführt habe, die Pandemie 2020, in der ich als Autorin und Figur in dem Roman schwer an Covid erkrankt bin und die ich als Hintergrund für die Berichte meines Vaters nutzte, das Hochziehen eines verletzten Krähenbabys und schließlich meine Identität als queere Frau heute und in der geschichtlichen Zeitspanne, die der Roman umfasst. Über all das sprechen wir auf Polnisch, aber die Stellen aus dem Buch lese ich auf Deutsch vor, während simultan über Kopfhörer dem Publikum die Übersetzung von Agnieszka Kowaluk eingesprochen wird. Danach wird noch eine Radiosendung aufgenommen, Witold Sułek interviewt mich und Małgorzata Jokiel. Jetzt erst spüre ich meine Müdigkeit.
Ein kurzes Mittagessen, ein kurzer Spaziergang und schon geht es weiter nach Wrocław, wo mich Krzysztof Huszcza vom Institut für Germanistik der Universität Wrocław direkt vom Bahnhof abholt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal von einem Bahnhof oder Flughafen abgeholt worden bin. Es muss etliche Jahre zurückliegen.
In meinen Zwanzigern und Dreißigern bin ich so viel gereist, dass in Europa kaum Großstädte übriggeblieben sind, in denen ich nicht zumindest einen Tag verbracht hätte. Und Polen habe ich mir besonders genau angesehen, bin von Berlin bis an die Polnisch-Ukrainische Grenze getrampt und auf großen Umwegen wieder zurück. Dabei war auffällig, dass ich von Przemyśl bis Kraków zwischen den Fahrtenwechseln nicht einmal Zeit hatte eine Zigarette zu rauchen. Kaum war ich ausgestiegen, hielt schon das nächste Auto an. Aber ab Kraków und bis zur polnischen Grenze wurde es mühsam. In der Nähe von Wrocław begann ich, LKW-Fahrer anzuflehen, mich mitzunehmen. Etwas, das ich normal niemals tat. Diese Bilder gehen mir durch den Kopf, während ich neben Krzysztof stehe und im Hotel Haston Old Town einchecke. Wrocław mochte ich immer schon.
Krzysztof ist der perfekte Gastgeber. Neben einer Rundum-Stadtführung und Mittagessen fühlt sich auch das Gespräch mit den Student*innen so anregend und wohltuend an, dass ich mir sofort vorzustellen versuche, wie es wäre, längere Zeit hier zu wohnen und Workshops zu geben oder Vorlesungen zu halten. Bevor ich jedoch so richtig in meinen Fantasien aufgehen kann, stehe ich schon wieder am Bahnhof und nehme den Zug nach Poznań. Vielleicht ist das der einzige Nachteil, werde ich am Ende dieser Reise denken, dass sie viel zu kurz war. Aber noch bin ich mittendrin, im Zugfahren und Einchecken, den Gesprächen mit Fremden im Abteil oder auf der Straße. Wenn ich reise, rede ich mehr als sonst und fühle mich insgesamt offener, als könnte ich mich durch die Distanz zum Alltag neu erschaffen.
Aleksandra Wiśniewska, Leiterin der Bibliothek in Poznań, kurz Ola, holt mich vom Bahnhof ab. Die Sonne brennt heiß herunter und ich wundere mich, wie das jedes Mal klappt, dass ich erkannt werde. Im Hotel Don Prestige liegen die Fenster schräg und ich kann beim Einschlafen die Sterne sehen. In Poznań ist die Österreich-Bibliothek ein aus der Zeit gefallener Ort, der mit den schmalen Gängen und den dazwischen eingeschobenen Schreibtischen an ein Schiff denken lässt, das gekentert am Meeresboden liegt. Ich bin froh, noch rechtzeitig vor der Übersiedlung der Bibliothek in das Hauptgebäude der Universität eingeladen worden zu sein. Die Aura einer sterbenden Welt schließt mich ein und das gleiche Gefühl wie bei dem Anblick von elf Stockwerke in die Höhe ragenden Plattenbauten, Kiosken mit Brot und Mehlspeisen in der Auslage, riesigen Hallen mit dicht an dicht gedrängten Ständen überkommt mich. Obwohl ich Nostalgie bei anderen für gewöhnlich belächele, in Polen bin auch ich nicht frei davon.
Das Gespräch am Abend, zu dem ich vom Hotel abgeholt und später auch wieder zurückgebracht werde, leitet Anna Szewczuk und zum ersten Mal lese ich alle vorbereiteten Passagen aus meinem Roman auf Polnisch vor. Die Fragen und Kommentare aus dem Publikum berühren mich. Eine Frau erzählt mir nach der Lesung, dass auch sie Gespräche mit ihrem Vater vor seinem Tod geführt und aufgenommen hat und nun motiviert sei, etwas daraus zu machen. Dass es eine herausfordernde Übersetzung werden wird, weil es sich um Videomaterial handle und ihr Vater sich in Gebärdensprache verständige. Ich blicke beeindruckt zu ihr hoch. Wenig später sitze ich mit Ola und Anna in einem Restaurant, an dessen Wänden überall Vögel aufgemalt sind. Extra wegen mir und Karl, erklärt Anna. Und am nächsten Morgen bringt mich Ola zum Zug.
Natürlich ist die Zugfahrt von Poznań nach Warszawa die anstrengendste, wahrscheinlich weil es die letzte ist. Von Warszawa aus werde ich zurück nach Wien fliegen. Ich ziehe zweimal mit meinem üppigen Gepäck um, bis ich endlich ein Abteil gefunden habe, in dem es ruhig ist und die Klimaanlage nicht auf fünfzehn Grad festgezurrt wurde. In Warszawa Centralna anzukommen ist zu Hause anzukommen, so häufig wurde ich an diesem Bahnhof abgeholt oder abgesetzt oder bin einfach angekommen, um dann noch einen Bus zu nehmen oder die Metro oder eine Straßenbahn, je nachdem bei wem ich übernachten würde, Mutter, Schwester, Onkel, Neffe, dass ich keine Zahlenangabe machen könnte. Ich denke, das ist zuhause. Unmöglich, eine klare Aussage darüber zu treffen, wie es denn hier so ist. Sofort erkenne ich jede Kleinigkeit, die ich an dieser Stadt liebe (die alten Kamienice neben den gläsernen Hochbauten) oder seit jeher nicht ausstehen konnte (die vierspurigen immer zugestauten Straßen). Mit meinem viel zu klobigen Rollkoffer strample ich durch den dichten Verkehr rund um den Bahnhof zur Bushaltestelle, weiter zum Hotel, hole mir auf dem Weg einen Coffee-to-go in der besten Geissler-Kette der Welt, Żabka, und werde von einem unfreundlichen jungen Mann an der Rezeption in Empfang genommen: Kaśka? Wirklich? So heißen Sie? – Als ob der Name in Polen eine Seltenheit wäre.
Es ist das erste Mal, dass ich Natalia Wawrzewska in Persona gegenüberstehe. Beinahe ein Jahr lang haben wir über Mails und Telefonate diese Lesereise vorbereitet, hat Natalia versucht, mir jeden Wunsch, den ich geäußert habe, zu erfüllen, sodass es schließlich, ohne zu übertreiben, die beste Lesereise wurde, die ich mir auszumalen geträumt hätte.
Noch vor der Lesung lerne ich Arnold Obermayr, den Direktor des Kulturforums kennen. Noch vor der Lesung führe ich ein kurzes Interview mit Jakub Kukla vom Polskie Radio. Noch vor der Lesung spreche ich mit meiner späteren Moderatorin Marta Przybylik-Wiśniewska. Und auch noch vor der Lesung begrüße ich meine Schwester und ihren Mann, die sich vom anderen Ende Warschaus durch diverse Staus zu mir durchgekämpft haben.
Es ist ein ganz besonderer Abend, in dieser Stadt, in der ich zum Teil aufgewachsen bin, in die meine Eltern nach der Wende zurückgekehrt sind, in der auch heute noch bis auf meine Mutter, die inzwischen wieder in Wien lebt, meine ganze Verwandtschaft verstreut ist, eben dieses Buch über die Widerstandgeschichte meines Vaters vorstellen zu dürfen. Mit dem Versprechen an meinen Vater, diesen ihm wichtigsten Teil seiner Lebensgeschichte schriftlich festzuhalten, hat das Romanprojekt begonnen und Jahre davor meine schriftstellerische Tätigkeit überhaupt. Mit der Präsentation dieses Romans in Polen fühle ich, mein Versprechen gänzlich eingelöst zu haben. In diesem Jahr, 2026, wäre mein Vater 100 Jahre alt geworden. Ich bedanke mich sehr herzlich bei allen, die mir diese Lesereise ermöglicht haben.
Orte und Mitwirkende:
Organisatorin: Natalia Wawrzewska, Übersetzerin: Agnieszka Kowaluk
Opole: Małgorzata Jokiel – Germanistikinstitut der Universität Opole, Biblioteka Austriacka w Opolu, Radio Opole Witold Sułek, Monika Wójcik-Bednarz – Betreuerin der Österreich-Bibliothek in Opole; Lesung: 13.04.2026, 11:00
Wrocław: Krzysztof Huszcza – Institut für Germanistik der Universität Wrocław, und Edward Białek, Bibliothekarin Dalia Zminkowska; Lesung: 14.04.2026, 12:00K
Poznań: Anna Szewczuk und Aleksandra Wiśniewska, Zentrum für Österreichische Kultur der Adam-Mickiewicz-Universität, Österreich Bibliothek; Lesung: 15.04.2026, 18:00
Warszawa: Natalia Wawrzewska, Direktor Arnold Obermayr, Moderation Marta Przybylik-Wiśniewska, Workshop Agnieszka Jezierska-Wiśniewska; Lesung: 16.04.2026, 18:00; Workshop: 17.04.2026, 10:00 – 13:30