Liebe H.,
mein Köfferchen liegt noch – immerhin ausgeräumt – am Zimmerboden. Belege und Ausstellungsprospekte habe ich auf dem Schellack-polierten Sekretär gestapelt, obendrauf thronend eine Zitronen-Tarte. Die gewaschenen und trocknenden Hemden riechen nicht mehr nach meiner Reise. Das karierte Hemd nicht nach Elsässer Sauerkraut, das schwarze nicht nach den Parfüms (Patchouli, Muskat, Vetiver) der Personen, mit denen ich mich in Paris näher unterhielt.
Liebe H., ahnst du, weswegen ich den Koffer bisher nicht verstaute? Nachts, wenn ich im Dunklen und mit halbem Bewusstsein Richtung Bad torkle, stolpere ich darüber. Trotzdem lasse ich ihn, wo er ist. Als wollte ich, dass er mir für ein Weilchen im Weg liegt, um meine Reise zu beglaubigen. Seit dem Auspacken liegt er da, als müsste ich ihn mit Erinnerungen an Frankreich befüllen, bevor ich ihn zuklappen, den Reißverschluss über seine vier Ecken und Seiten ziehen und ihn wieder an seinem Ort unter dem Bett verschwinden lassen darf. Ich stelle mir vor, der Koffer würde durch mein Stolpern die Erinnerungen aus mir herausschütteln. Dass in den Koffer fällt, wie ich mit L. in Rouen vor dem für immer geschlossenen Café Métropole stand (M. wusste, dass Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre sich hier regelmäßig trafen und stritten). Wie ich mich vor dem Haus konzentrierte, als ob ich dadurch etwas aus der Zeit dieser Großen erspüren könnte. »Schade, dass es dicht gemacht hat!« Tatsächlich frustrierte mich, dass ich nichts empfand. Gleich elend ging es mir unter dem Fenster Monets. Dabei war es die Fantasie von Orten wie diesen – mich dort zu erleben –, die mich der Einladung nach Frankreich folgen ließ. Im Lafayette Anticipations woben L. und ich zu Mark Leckeys Arbeiten Gedanken miteinander. In der alten Börse verschwanden wir in den Räumen mit Arthur Jafas Videos. Zwei abstrakte Gemälde berührten mich im Centre Pompidou: Luce Turner, »Composition« von 1970 und Ed Clark, »Red, Blue, & Black« (Paris Series #4) von 1989. Was denkst du, liebe H., wird abstrakte Kunst, indem sie etwas bei den Betrachtenden auslöst, konkret? In Mulhouse, nach Seminarende, brachte sich eine Studentin mit einer Frage an mich selbst zum Weinen. Woher ich den Mut nähme, ohne Zögern zu sagen, dass ich homosexuell sei, wollte sie wissen. Dass ich es als Pflicht verstünde, all jenen ein Vorbild zu sein, die solche Vorbilder bräuchten, und dass mit dem Älterwerden vieles leichter würde, flüsterte ich. U. a. das bleibt von Mulhouse. Neben der Art, mit der F. mich empfing. Wegen F. begriff ich mich am Beginn einer guten Reise. In Rouen machte mich K. auf Flauberts Erzähltheorie aufmerksam (damit beschäftige ich mich seit Tagen). Nach der Lesung in der österreichischen Botschaft (das Lied Vienne in Cs Interpretation klingt noch in mir), folgten S. und ich euch in einen Jazzclub. Davor, auf der Treppe, kamen du und ich miteinander ins Gespräch. Meine Verpflichtungen waren jetzt beendet, und ich fühlte mich, mit einem Plastikbecher Bier in der Hand, als wäre die Stärke aus mir gespült wie aus einem Kragen, ich war wieder ungebügelt und elastisch.
Ich schreibe dir, betrachte die trocknende Wäsche und den leeren Koffer. Könnte es sein, dass meine Frankreichreise erst mit ihrem Ende begann? Weil zurück in Wien all das verschwunden war, weswegen ich die Reise eigentlich antrat.
Liebe H., vielleicht erinnerst du dich, wie ich (es war nur ein Nebensatz) erwähnte, dass mich Form begeistert: Ich kam am Bahnhof Gare de Lyon in Paris an. Die Menschen warfen sich aus dem Zug, trippelten eilig den Bahnsteig entlang. Manche schlängelten sich durch die Menge, andere schleppten müde ihre tonnenschweren Koffer hinter sich her. Aber für einen kurzen Augenblick sortierte sich das eng aneinandergedrängte, wirre Knäuel zu einer Reihe, wie Perlen auf einer Kette. Gleichmäßig ordentlich entließ das Drehkreuz der Kontrollschranken die Menschen einzeln in die Halle und von dort weiter auf die Straßen hinaus. Wie Sauerstoffbläschen eines Schaumweines, die in der Schale nach oben gleiten. Dichte chaotische Masse – organisierte Einzelteile – sich auflösende Masse, in weiteren Massen verschwindend. Kannst du nachempfinden, wenn ich sage, dieses Bild und was mich direkt nach dem Klicken der Schranke selbst erwartete, hat mir Paris nähergebracht als der Blick über die Stadt vom Centre Pompidou, näher als mein Heimweg vorbei an Notre Dame, usf.?
Eine Erinnerung noch, liebe H., ich hoffe ich langweile dich nicht. Aber es sind diese Bilder, Gedanken und Begegnungen, in denen ich weiterreise. Ich saß am Canal Saint-Martin im 10. Arr. in der Sonne, schlürfte Espresso. Als ein ca. Neunjähriger am Skateboard vorbeirollte. Der Junge stand ganz vorne am Brett, fast schon auf der Nose. Seine Arme streckte er seitlich aus. Und sang den »Titanic«-Song, du weißt schon, aus dem Film mit Kate und Leo. Mit Chorknaben-, mit Engelsstimme sang er. Dann stellte er sich seitlich auf das Deck und sprang einen Kickflip. Von dem Knirps hätte ich das nicht erwartet, weder was und wie er sang noch den Trick. Der Junge war das Mädchen, das ich als Junge war, dachte ich.
Liebe H., könnte es sein, dass ich noch nicht aus Frankreich fort bin? Noch dort bin, obwohl oder gerade weil ich noch nicht in Frankreich ankam? Dass erst mit diesem Brief meine Reise beginnt? Mein Koffer liegt schließlich geöffnet vor mir, und die Wäsche ist fast trocken. Müsste ich nicht schreiben: Liebe H., ich freue mich darauf, dir zu begegnen, dort und dann, wo und als ich dich noch nicht kannte.
Liebe H., bitte grüß mir alle, an die ich mich erinnern werde.
Eine Umarmung sendet dir: J.
Lesereise von 31.3. bis 5.4.2025 in Mulhouse, Paris, Rouen (Frankreich)