Prager Pflastersteine im Mai: Drei Tage auf der Prager Buchmesse
Prag begrüßt mich mit Sonne. Als der Zug in die Stadt einfährt, denke ich nicht zuerst an Bücher, nicht an Lesungen und nicht an Termine. Ich denke an meine Füße. An meine Beine. An jeden einzelnen Schritt. Es ist meine erste Lesereise ohne Krücken seit meinem Unfall.
Noch vor einigen Monaten wäre selbst der Gedanke daran vermessen gewesen. Jetzt stehe ich hier, Mitte Mai 2026, eingeladen vom Österreichischen Kulturforum zur Prager Buchmesse. Ich fühle mich mutig. Und gleichzeitig verunsichert. Mut und Unsicherheit sind schließlich keine Gegensätze. Oft reisen sie gemeinsam.
Prag empfängt mich mit warmem Wetter und einem Himmel, der sich über der Stadt ausbreitet, als wolle er sagen: Das wird schon, einfach weitergehen. Die berühmten Pflastersteine der Altstadt sind dabei ein unerwarteter Therapiegarten, ein urbaner Trainingsparcours. Jeder Schritt erinnert mich daran, dass Gehen keine Selbstverständlichkeit ist. Dass Gleichgewicht etwas Kostbares ist. Während Touristengruppen durch die Gassen strömen, gehe ich langsamer und bewusster als früher. Vielleicht sehe ich deshalb mehr.
Die Stadt wirkt vertraut und fremd zugleich. Als gebürtige Slowakin habe ich nie das Gefühl, eine wirkliche Fremde in Tschechien zu sein. Die Geschichte verbindet uns, die Sprache verbindet uns, Erinnerungen verbinden uns.
Mein erster Termin führt mich ins Österreichische Kulturforum am Jungmannovo náměstí. Dort halte ich einen Workshop für Studierende zum Thema »Autobiografisches Schreiben«. Im Publikum sitzen Studierende der Philosophischen Fakultät, der Pädagogischen Fakultät und Erasmus-Studierende aus verschiedenen Ländern.
Wir sprechen über Wahrheit. Nicht über die dokumentarische Wahrheit, die sich an Fakten festhält, sondern über jene literarische Wahrheit, die manchmal tiefer reicht als jede Chronologie. Wie verwandelt man biografisches Material in Literatur? Wie löst man Erlebtes aus seiner ursprünglichen Form heraus und macht daraus eine Geschichte, die auch für andere Menschen interessant wird? Autobiografisches Schreiben ist kein Abschreiben des Lebens. Es ist Verwandlung und Verdichtung.
Wir diskutieren darüber, wie Erinnerungen funktionieren und wie Literatur aus ihnen etwas Neues erschafft. Ich lese aus meinem Roman Ostblockherz. Es entstehen Fragen, Gespräche und jener besondere Austausch, der nur dann möglich wird, wenn Menschen Bücher nicht bloß lesen, sondern sie als Ausgangspunkt für eigene Gedanken begreifen.
Am nächsten Tag spaziere ich zum Messegelände. Wer die Prager Buchmesse nicht kennt, stellt sich vielleicht Hallen vor. Geschlossene Räume. Lange Reihen von immergleichen Ständen. Die Realität ist viel lebendiger. Das Gelände fühlt sich eher wie ein Festival an. Große Zelte stehen zwischen Freiflächen und Bühnen. Dazwischen Terrassen, Sitzgelegenheiten, Essensstände und Getränkewagen. Menschen flanieren mit Büchern unter dem Arm durch die Sonne. Kinder laufen begeistert herum. Vor Bühnen sammeln sich Zuhörerinnen und Zuhörer. Überall wird gesprochen, diskutiert, geblättert. Die Literatur verlässt hier ihre stillen Räume und findet draußen statt. Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieser Tage: Das Buch ist keineswegs verschwunden. Es hat nur neue Orte gefunden.
Immer wieder hört man Klagen über sinkende Aufmerksamkeitsspannen und darüber, dass immer weniger gelesen werde. Doch wenn ich über das Gelände gehe, sehe ich vor allem das Gegenteil. Menschen, die Bücher suchen. Menschen, die Autorinnen und Autoren ansprechen. Menschen, die diskutieren wollen. Menschen, die Antworten suchen, auf kleine wie große Fragen.
Bei meiner Lesung im Václav-Havel-Saal lese ich aus Ostblockherz. Das ausgewählte Kapitel wird parallel auf Tschechisch eingeblendet. Während ich vortrage, laufen die übersetzten Zeilen neben dem Originaltext mit. Hier wird Sprache sichtbar.
Im anschließenden Gespräch passiert etwas, das mich zum Lachen bringt. Die Fragen werden auf Tschechisch gestellt, und ich beginne ganz selbstverständlich, auf Slowakisch zu antworten. Es fühlt sich völlig natürlich an. Die Worte kommen beinahe automatisch. Bis plötzlich eines fehlt. Dann noch eines. Ich suche nach einem Vokabel, finde das Wort nicht und wechsle mitten im Satz ins Englische. Ich entschuldige mich und das Publikum lacht. Später passiert es noch einmal. Und noch einmal.
Der Drang zu sprechen ist stärker als die Sorge um sprachliche Perfektion. Tschechisch und Slowakisch liegen so nah beieinander wie Ringfinger und kleiner Finger. Man spürt die Verbindung ständig. Und doch gibt es kleine Lücken, über die ich stolpere. Vielleicht macht gerade das die Begegnung so lebendig.
Nach der Lesung folgt die Signierstunde. Menschen kommen mit Büchern, stellen Fragen, erzählen eigene Geschichten. Manche möchten ein Foto machen. Andere berichten von Familiengeschichten, die sie mit den Themen des Romans verbinden. Solche Momente lassen sich schwer planen. Sie entstehen einfach. Und oft bleiben sie länger in Erinnerung als die offiziellen Programmpunkte.
Am letzten Tag steht eine Diskussion über europäisches Kulturerbe und gemeinsame Werte auf dem Programm. Wir sprechen über Kulturförderung, über Literatur, über internationale Begegnungen und darüber, wie Austausch in einer globalisierten Welt gelingen kann. Natürlich fallen auch die bekannten Zahlen über sinkende Leseraten. Doch ich denke an das, was ich in den vergangenen Tagen gesehen habe. An volle Veranstaltungen. An junge Menschen, die Fragen stellen. An Schlangen bei Signierstunden. An Leserinnen und Leser, die Bücher kaufen und darüber sprechen wollen.
Ich antworte: Ja, manche Statistiken zeigen Rückgänge. Gleichzeitig beobachte ich eine Gegenbewegung. Die jungen Menschen, die lesen, lesen oft intensiv. Sie kaufen Bücher, empfehlen sie weiter und diskutieren darüber. Auf Booktok und Bookstagram tauschen sich tausende Bibliophile in den sozialen Medien aus. Vielleicht wird das Publikum kleiner. Vielleicht wird es aber auch engagierter.
Die Prager Buchmesse ist dafür ein eindrucksvoller Beweis. Als ich am Ende der Reise durch die Stadt gehe, denke ich noch einmal an die Pflastersteine. Sie sind nicht leichter geworden. Aber ich marschiere anders über sie hinweg. Mit jedem Tag ist mein Vertrauen in den eigenen Körper ein wenig zurückgekehrt. Nicht vollständig. Vielleicht wird es das nie. Aber genug, um nach vorne zu blicken. Danke Prag, denke ich, für deine Pflastersteine und dein Interesse an Literatur.
Für mich hatte diese Reise eine zusätzliche Bedeutung. Sie war nicht nur eine Fahrt in die tschechische Hauptstadt. Sie war ein Schritt zurück ins Leben, in den Literaturbetrieb, in die Selbstverständlichkeit des Unterwegsseins.
Zwischen Lesungen, Gesprächen und Büchern wurde mir etwas bewusst. Heilung verläuft selten geradlinig. Sie ähnelt eher einer Stadt wie Prag: voller Kurven, Unebenheiten und überraschender Perspektiven. Man geht vorsichtig los. Und irgendwann merkt man, dass man schon ein gutes Stück weit gegangen ist.
Didi Drobna war auf Einladung des Österreichischen Kulturforums von 14. bis 16. Mai 2026 in Prag zu Gast, mit den folgenden Stationen:
- 14.5.2026 | 14:00 – Lesung und Workshop für Studierende zum Thema »autobiografisches Schreiben« (Österreichisches Kulturforum Prag, Jungmannovo nám. 18, Prag 1)
- 15.5.2026 | 15:00 – Autorenlesung aus Ostblockherz (Svět knihy, Výstaviště Praha Holešovice, Prag 7, Václav Havel Saal)
- 15.5.2026 | 16:00 – Signierstunde (Stand ›Das Buch‹)
- 16.5.2026 | 13:00 – Diskussion zum Thema »Europäisches Kulturerbe und die Herausforderungen – wie lassen sich gemeinsame Werte in einer globalisierten Welt bewahren.« (Svět knihy, Výstaviště Praha Holešovice, Prag 7, European Square)