Budapest, süß und bitter
Nie mehr werde ich nun den Duft von Budapest vergessen.
Er steigt auf von der schimmernden Schokoladensoße, den hellen, zwischen den Zähnen knackenden Mandelsplittern, vom zarten Teig, aus dem beim Hineindrücken mit Gabel und Löffel eine Füllung aus Walnüssen, Rosinen und Schlagobers quillt.
Meine Zunge badet in etwas Unaussprechlichem, in meiner Mundhöhle, in meinem Inneren ist alles gleichzeitig: ein Weihnachtsgeburtstagsostern.
Ich sehe den Blick meiner jüngeren Schwester, ihren verschmierten Mund, das verzückte Kauen, es ergeht ihr genauso wie mir.
Kaum betrete ich Jahrzehnte später erneut den Boden Budapests, erwachen meine Geschmackspapillen aus ihrem Dornröschenschlaf und erinnern mich an dieses einzigartige und bittere Palatschinken-Glück.
Es ereignete sich in einem Café mit hohen Decken und vergilbten graugrünen Vorhängen vor den herrschaftlichen Fenstern. Draußen lag eine wenig befahrene Straße, auf der gegenüberliegenden Seite ragten schmutzig aussehende Häuser auf.
Weder weiß ich, in welchem Stadtteil dies geschah, noch, welchen Namen Straße oder Café trugen; nichts interessiert ein Kind von zehn Jahren weniger.
Aber das Bittere, das nimmt ein Kind wahr. Es saß in den Augen des Kellners, eines jungen Mannes mit schwarzen Locken und schmalen Händen, Augen, die groß und wimpernumkränzt die gleiche Farbe wie die von Schokolade umflossenen Palatschinken auf den Tellern hatten.
Mit gebrochenem Deutsch in Richtung der Eltern flüsternd, sah er sich, gekleidet in schwarzer Hose und weißem Hemd, immer wieder um, verstummte mitten im Satz, kam jedoch mehrmals an unseren Tisch zurück, um den Aschenbecher zu leeren, mit der Serviette unsichtbare Brösel wegzufächern, daraufhin erneut die Speisekarte zu bringen. Mittlerweile drängte es meine Schwester und mich nach draußen, um der Schwere in und rund um uns zu enthüpfen.
Mein Vater aber nickte, ließ sich ein Bier servieren, meine Mutter einen zweiten Kaffee. Wir Kinder sollten weiterhin still sein und brav.
Es war das Jahr 1972.
Wir waren vom Balaton gekommen, wo wir einige windige, regenkühle Osterferientage verbracht hatten. Nichts war es geworden mit dem versprochenen Schwimmen im Plattensee.
Am Morgen des Ausflugs in die Hauptstadt aber schien plötzlich die Sonne, im Laufe des Tages wurde es sommerlich heiß. Mittags hatten wir die Freiheitsstatue am Gellértberg oben erreicht, verschwitzt, durstig, mit schmerzenden Sohlen, »ihr seid nicht hinaufgegangen«, wie meine Mutter entnervt feststellte, »ihr habt euch nur hinaufgemault«. Einzig die Aussicht auf Essen und Trinken machte das Hinuntergehen dann erträglich, und vom Gellértberg behielt ich immerhin, dass er auch »Blocksberg« genannt wurde, was etwas Hochinteressantes bedeutete:
Hier wohnten also die ungarischen Hexen.
Folgerichtig erschien mir, dass unser trauriger Kellner in Wahrheit ein verzauberter Prinz war, eine Erkenntnis, die ich beim Verlassen des Cafés später meiner Schwester als Geheimnis kundtat. Sie zeigte mir als Zeichen, was sie mittlerweile von meinen Geheimnissen hielt, ihre spitze, gebräunte Zunge.
Beim Zurückfahren zum Balaton in die karge Ferienanlage fragte ich vom Fond aus, warum sich der Kellner so merkwürdig benommen hatte.
Und was »Reisefreiheit« bedeute und »1956«, und warum er wissen wollte, wie groß unser Auto sei.
Die Eltern warfen einander Blicke zu, mein lenkender Vater erzählte Verwirrendes von den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und ließ die Sache mit dem Auto unbeantwortet.
Das alles versank im Nebel der Zeit und fiel mir erst wieder ein, als ich Ende Februar 2025 nach sieben Stunden Fahrt und dem Bezug des Hotelzimmers gleich beim ersten Spaziergang im Café New York landete.
Meine Schwester hatte mir geschrieben, ich solle dorthin gehen, sie habe es beim letzten Besuch wegen des Andrangs nicht hineingeschafft.
Es regnete. Entgegen ihrer Warnung erwartete mich keine Schlange bis zur Straße, sodass ich rasch ins Innere schlüpfte, erst im Eingangsbereich den Regenschirm zuklappte – Oh! Was war das denn hier?
Dies war kein Kaffeehaus. Es war eine in Gold, Licht, Marmor, Samt und mit himmelhohen Fresken schwingende barocke Kathedrale.
Und während ich mich umsah, fiel mir »mein« erstes Budapester Kaffeehaus ein, seine schlichte Einrichtung, die mürben Farben der Vorhänge vor dem von Schlieren durchzogenen Fensterglas, die abgesessenen Bezüge der Stühle.
Es war, als öffneten sich in dieser Luft zwischen den Menschen, die hier an den verzierten Tischen saßen und aus zierlichen Tassen tranken, Türen in viele Zeiten, alles vermischte sich, die jungen asiatischen Frauen mit nackten Schultern und Armen in ihren Abendkleidern vor runden Influencerlampen, die erhobenen Smartphones, die fidelen Musikanten an Bass, Klavier und Geigen, die einem 50er-Jahre-Film entsprungen schienen, die Zeitunglesenden vor ihrem Mokka, die es schon vor hundertdreißig Jahren gegeben hatte, und so wunderte ich mich nicht, als er mir entgegenkam, in schwarzer Hose und weißem Hemd, mit dem Anflug eines Lächelns, das ich durch die Rauchschleier hindurch sofort erkannte – was natürlich nicht stimmen konnte, denn auch im Café New York raucht längst niemand mehr.
Mit einem leichten Nicken deutete er mir, ihm zu folgen, und ich ging vorbei an prunkvollen Spiegeln und gedrehten Säulen, wir schritten eine Treppe mit goldenem Geländer in einen anderen Saal hinunter, wo er mir einen Platz an einem weiß gedeckten Tisch zuwies, worauf er sich sacht verbeugte und nicht wieder kam, sosehr ich auch Ausschau hielt; und natürlich gab es hier, ich sah es in der eleganten Karte, keine Nusspalatschinken, die, wie ich plötzlich meine erfreuten Elternstimmen hörte, »fast nichts kosten«, aber ihr Duft war plötzlich da, all das kindliche Entzücken und besondere Verstehen, ab jetzt, das war sicher, befand es sich an seinem Ort, nie mehr würde es vergessen sein.
*
Am nächsten Tag ging ich zu den Schuhen.
Ich kannte ihre Geschichte, seitdem ich vor einigen Jahren für ein Gedicht recherchiert hatte, das dem Andenken der ungarischen Philosophin Agnes Heller gewidmet war.
Es hatte zu regnen aufgehört, aber ein kalter, scharfer Wind wehte am Donauufer.
Das graue Wasser strömte gleichmütig dahin, und meine Augen sahen die 15-jährige Agnes Heller, die im Winter 1944 mehrere Versuche der Pfeilkreuzler überlebt hatte, sie, ihre Mutter und viele weitere jüdische Menschen in die Donau hineinzuschießen. Beim ersten Mal ging den Mördern die Munition aus, beim zweiten Mal wurden plötzlich Befehle geändert, beim dritten Mal gelang Mutter und Tochter mit einem Sprung auf eine vorüberfahrende Straßenbahn die Flucht – ihre Rettung, sagte Agnes Heller später, sei von reinen Zufällen abhängig gewesen, wie bei allen, die aus dieser Zeit lebend herausgekommen waren.
Nach dem Krieg konnte sie sich weder dem Ufer nähern noch eine Brücke über die Donau überqueren, weil das Wasser seit jenen Momenten, in denen sie auf ihre Hinrichtung gewartet und überlegt hatte, wann der geeignete Zeitpunkt wäre, in die Donau zu springen, eine unheimliche Sogkraft ausübte.
Alle anderen Gewässer in ihrem Leben blieben jedoch frei von dieser dunklen Macht. Bis zu ihrem Lebensende schwamm Agnes Heller jeden Morgen im Pool ihres Wohnhauses in Budapest und verbrachte ihre Sommerferien am Balaton.
Als wollte sie mit ihrem Tod noch einmal ein eindeutiges Zeichen für Selbstbestimmtheit und Freiheit setzen, gegen jede Barbarei, wurde das Wasser, das so eine gewichtige Rolle in ihrem Leben einnahm, schließlich doch noch zu ihrem Grab.
Am 19. Juli 2019 schwamm sie im Alter von 90 Jahren in den See hinaus und kehrte nicht mehr zurück.
Dann sind sie plötzlich da, Schuhe aus braunem Metall, Eisen.
Nicht säuberlich in Reih und Glied aufgestellt, sondern wie hastig abgestreift, manche durcheinanderliegend, Stöckelschuhe, Stiefel, Halbschuhe, einige sind umgefallen, stehen kreuz und quer, in vielen finden sich Blumen und Steine.
Agnes Heller und ihre Mutter hatten sich weiter im Norden am Ufer aufstellen, die Schuhe aber nicht ausziehen müssen wie die tausenden Menschen hier, an dieser Stelle.
Was hätte sie dazu gesagt, dass die meisten nun mit gelben Bändern umwickelt sind, auf denen in Schwarz zu lesen ist: »7.10.2023. Bring them home«?
Ich versuche mir jedes Schuhpaar zu merken, als hätte dies irgendeine Bedeutung.
Erst beim zweiten Mal die Reihe entlanggehen, wird mir bewusst, was fehlt.
Im Internet gibt es Bilder mit zumindest einem Paar Kinderschuhen zwischen allen anderen. Es sind Schuhe für ein drei- bis vierjähriges Kind, sie sind voll mit Steinen und befinden sich am Rand des Abgrunds, der ins Wasser führt.
Ich kann nicht verstehen, warum man sie weggenommen hat, und dieses Unerklärliche ist es, das mich in die Hocke gehen lässt, die Handflächen auf den Steinboden legen, als könnten diese etwas ertasten, Fühlung aufnehmen mit einer nie vergehenden Vergangenheit.
Im Rahmen der Reihe ›Wien-Budapest Transit‹ war Birgit Müller-Wieland am 27. Februar 2025 im ÖKF Budapest zu Gast.