»Mülhooouuse«, verbessert mich die Französin im Regio mit geduldigem Lächeln. Ihre Aussprache legt sich wie eine Schicht Honig um meine kantigen Konsonanten und zieht die Vokale elegant in die Länge.
Ich frage noch einmal, ob sie sich wirklich sicher ist, ob es nicht eine weitere, ähnlich klingende Station gibt, denn der Regio mit den türkis-rosa Polstersitzen im 60er-Jahre-Stil sollte erst in sechs Minuten ankommen. Eine vor der geplanten Zeit eintreffende Bahn übersteigt schlicht meine Vorstellungskraft. Die Frau ist sich sicher.
»Madame«, nennt mich ein Mann beim Aussteigen und fragt, ob er mir mit dem Koffer helfen soll, und dann bin ich angekommen, in Frankreich.
Ich bitte den Hotelangestellten an der Rezeption, mir auf den ausliegenden Stadtplänen die relevanten Sehenswürdigkeiten von Mulhouse zu markieren. Er malt einen weiteren Kreis um das bereits auf der Karte dick eingekreiste Rathaus: »Et voilà.«
Nach einem einstündigen Spaziergang und einem Abstecher in ein Keksgeschäft, in dem ich dem Verkäufer mit Händen und Füßen versuche zu erklären, dass die lokale Spezialität »Berweka« in Österreich Kletzenbrot heißt (minus des Viertelliters beigemengten Obstschnapses, wie ich später nach wenigen Bissen beschwippst feststellen werde), komme ich im Panoramacafé (das Panorama ist freilich der Rathausplatz) »Mozart« zu sitzen und bin entsetzt, dass im Hintergrund tatsächlich nonstop die Kleine Nachtmusik in voller Lautstärke ballert. Bei einem Mangotee sinniere ich darüber, dass ich nun endlich mal nach Frankreich gekommen bin, nur um zwei Stunden später in einem österreichischen Café zu sitzen, vor mir ist das Wort »Linz« mit Aquarellfarbe an die Wand gepinselt, und gegenüber steht eine neugotische Kirche mit der Aufschrift »Jesus Christus – gestern und heute und derselbige auch in Ewigkeit«.
Vor dem rot-gold verzierten Rathaus lassen sich die Mesdames für ihren Social-Media-Auftritt fotografieren, indem sie das hintere Bein leicht nach hinten anwinkeln und die Fußspitze auf den Pflastersteinboden aufsetzen. Die Messieurs tun es ihnen gleich, mit dem Unterschied, dass der Fuß nach vorn ausgestreckt und die Ferse in den Boden gerammt wird. Teenagergrüppchen in zerrissenen Hosen und mit kaputtgefärbtem Haupthaar schlendern über den Marktplatz. Von meinem Beobachtungsposten aus unterstelle ich ihnen, dass sie es kaum erwarten können, aus diesem verschlafenen Touri-Städtchen wegzukommen. Aber vermutlich projiziere ich auch heftig: Immerhin habe ich genau über dieses Sich-als-junger-Mensch-in-Urlaubsidyllen-unwohl-Fühlen ein Buch geschrieben – 2001 – und deswegen bin ich ja eigentlich überhaupt erst hier.
»Meine Stadt heißt Tal und das ist alles, was man wissen muss«, werde ich morgen Vormittag den ersten Satz meines Romans in der Universität Mulhouse (Université de Haute-Alsace) vor einer Gruppe Germanistik-Studierender lesen, deren Interesse an zeitgenössischer Literatur hoffentlich ähnlich groß ist wie meines an französischem Kletzenbrot.
Das literatur- und sprachwissenschaftliche Institut der Universität liegt etwas außerhalb auf einem Hügel. Am Vorabend war ich bereits mit Fabienne, der zuständigen OeAD-Lektorin, und ein paar ihrer Kolleginnen essen, sodass ich in dem Besprechungssaal, in dem die Lesung stattfindet, bereits einige bekannte Gesichter entdecke. Alle sind bemüht: hier noch ein Snack, da noch ein Jutebeutel mit studiengangspezifisch bedrucktem Werbekugelschreiber als Geschenk. Und selbst die Studierenden sind bereits gut mit meinem Werk vertraut und haben wenig Probleme, unserer auf Deutsch geführten Unterhaltung und der Lesung zu folgen. Im späteren Gespräch wird mir wieder einmal klar, wie weit weg sich das Jahr 2001 für heute junge Menschen anfühlt und wie viel mehr sich die eher in meinem eigenen Alter befindlichen Lehrpersonen mit den jugendlichen Protagonist*innen aus meiner Erzählung identifizieren.
Bevor ich es mich versehe, sitze ich auch schon im ersten TGV meines Lebens auf der Fahrt nach Paris Gare de Lyon und beobachte verstohlen die neben mir sitzenden Rentner. Anhand ihres Verhaltens möchte ich herausfinden, ob die Geschwindigkeit, mit der der Zug quer durchs Land rast, noch normal ist, oder ob wir vielleicht am Ende doch noch abheben und in die französische Hauptstadt einfliegen werden. Die Rentner zeigen sich unbeeindruckt, trotzdem kontrolliere ich immer wieder verstohlen die auf der Landingpage des Bahnunternehmens angezeigte Geschwindigkeitsanzeige. Im Hotel treffe ich auf einen lieben Menschen, der via Flieger aus unserem Wohnort Berlin angereist ist, um mich auf dieser Reise zu begleiten.
Weil ein in warmes Licht getauchter, vogelumzwitscherter Pariser Frühling zu kitschig für uns wäre, haben wir uns – natürlich absichtlich – jene frostige, nieselverregnete Märzwoche ausgesucht, die sich trotzig zwischen milde Warmwetterperioden gedrängt hat wie Pistaziencreme zwischen zwei Macaron-Hälften. Gemeinsam werden wir in den kommenden vier Tagen frieren, weil wir nicht ausreichend wärmende Kleidung eingepackt haben, trotzdem kilometerweit durch die Innenstadt spazieren und uns – Zitat der lieben Person – einfach von der Schönheit dieser Stadt erschlagen lassen. Im Palais Garnier stelle ich mich auf einen der inflationär als Instagram-Hintergrundmotiv missbrauchten Balkone und imitiere sorgfältig alle Posen, die ich von den Mulhouser Mesdames et Messieurs gelernt habe. Zwischendurch befüllen wir unsere Mägen mit einer medizinisch vermutlich nicht unbedenklichen Menge Blätterteiggebäcks, und irgendwann fällt mir wieder ein, dass ich ja eigentlich zum Arbeiten hier bin.
Einen Blick auf die vorüberziehenden Banlieues erhaschend, verlassen wir tags darauf die Stadt vom Regionalbahnhof Saint-Lazare aus in Richtung Norden. Durch die Provinz (wie hier alles genannt wird, das nicht Paris ist) fahren wir ins mittelalterlich anmutende Rouen. Eine Stadt, die Großteile ihres Tourismus, entlang des 1431 stattgefundenen Inquisitionsprozesses der Jeanne d’Arc aufgebaut hat. Hier wurde sie dem Gericht vorgeführt, dort wurden ihr zum ersten Mal die Folterinstrumente gezeigt, hier, wo jetzt die nach ihr benannte Kirche steht, wurde sie verbrannt – ja, exakt an dieser Stelle, schau nach, da steht ein Schild.
Das und mehr wird uns OeAD-Lektor Martin später bei einem Stadtspaziergang erzählen. Erstmal holt er uns am Bahnhof ab und spendiert uns einen Croque Monsieur in jenem Café, in dem Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre einst stets zusammengesessen haben sollen. Dass die beiden immer zusammengesessen haben sollen und sich daran erfreut, dass sie die Hässlichsten weit und breit waren, verbreite ich eine nicht verifizierte Halbwahrheit, denn an die Quelle dieser in meinem Hinterkopf schwirrenden Info kann ich mich partout nicht erinnern. Jedenfalls stellen wir uns nun selbst die Aufgabe, das Etablissement erst verlassen zu dürfen, wenn jeder von uns eine Person entdeckt hat, die schöner ist als man selbst. Da die Veranstaltung kurz bevorsteht, verlassen wir das Café doch irgendwann unverrichteter Dinge.
An der Université de Rouen, die wie jene in Mulhouse ebenfalls abschüssig auf einem Hügel liegt, lerne ich die Institutsleiterin Karin kennen, die gemeinsam mit ihren Kolleg*innen tatkräftig am Gelingen der Veranstaltung mitgearbeitet hat. Später werde ich erfahren, dass das Germanistikinstitut in seinen letzten Zügen liegt, dass es hier bald aus ist mit der Literatur und die deutsche Sprache zukünftig nur noch zum Vermitteln wirtschaftlicher Gesetzmäßigkeiten vermittelt werden wird.
Das Sprachniveau der Studierenden während dieser zweiten Veranstaltung, ist sehr heterogen, weswegen sich Martin die Zeit nimmt, alles auf Deutsch Gelesene und Gesprochene noch einmal zu übersetzen.
»Ist es nicht eigentlich so«, stellt eine Rouener Studentin später trotzdem die für mich interessanteste Frage der gesamten Reise, »dass es in Ihrem Buch nur vordergründig um die Politik der 2000er geht, doch eigentlich wird eine Aussage über das Jetzt getroffen?«
Ist das erzählte Gestern im Grunde nicht einfach nur eine Metapher, um das Heute besser verstehen zu können?
Während ich den Studentinnen zuhöre, wie sie von ihnen übersetzte Passagen meiner Romane vorlesen, lasse ich den Blick aus dem Fenster schweifen und denke, wie absurd es ist, dass nun ausgerechnet ich, die als Teenager lange einen Schulabschluss für unmöglich hielt, die während ihrer gesamten Oberstufenzeit keine einzige Woche durchgehend im Unterricht anwesend war, jetzt hier sitze.
Aus dem Haupthaar Duftschwaden des vorabendlich konsumierten Korean Barbecues ausdünstend, den Kissenabdruck noch auf der Wange, taumle ich am nächsten Morgen auf Helene, OeAD-Lektorin und Hauptorganisatorin dieser Reise, zu, die schon mit einer Tüte Chouquettes vor dem Eingang der Sorbonne Nouvelle auf mich wartet.
Die Studierenden hier, werde ich später erfahren, seien besonders kritisch mit meinem Werk gewesen. Referatsgruppen seien sogar von initialen Aufgabenstellungen zurückgetreten, weil die Inhalte meiner Texte ihnen zunächst als zu abschreckend erschienen waren.
Von dieser initialen Abneigung merke ich (vermutlich durch Helenes intensive Vorarbeit und differenzierte Heranführung an Themen und Inhalte) während der Veranstaltung nichts. Die Studierenden stellen viele Fragen, zeigen sich interessiert, arbeiten gut mit. Sie haben tapfer in die Fratze des österreichischen Anti-Heimat-Romans geblickt und sich ihre Chouquettes redlich verdient.
Einige von ihnen entdecke ich wieder, als ich abends zur Abschlussveranstaltung und dem gleichzeitigen Höhepunkt meiner Frankreichreise in die österreichische Botschaft komme. Der voixAUT ist ein durch das Engagement der OeAD-Mitarbeiter*innen entstandener Literaturpreis für auf Deutsch schreibende französische Studierende. Freundlich werde ich von Julia, der Direktorin des Österreichischen Kulturforums Paris, begrüßt und blicke in viele bekannte Gesichter. Denn für die Preisverleihung sind fast alle österreichischen OeAD-Lektor*innen gemeinsam mit teilnehmenden Studierenden nach Paris angereist: Martin und Fabienne sind genauso hier wie Helene, die gemeinsam mit Agnes und dem restlichen engagierten Team dieses Event organisiert hat. Elisabeth, ihres Zeichens OeAD-Lektorin in Dijon, moderiert zugewandt und bestens vorbereitet meine Lesung. Die drei Preise werden vergeben, die Texte vorgetragen, zwischendurch musizieren und singen die Kommiliton*innen aus der Sorbonne.
Besonders im Gedächtnis wird mir von diesem Abend der für die beste Sprachkunst prämierte Text von Thyamise Bourget bleiben. Darin umkreist die kindliche Erzählerin in lakonischer Sprache ihre Beziehung zu der erkrankten Mutter, um welche sie sich kümmern muss. Wie es ihr gelinge, in einer ihr eigentlich fremden Sprache so prägnante, ungeschönte Worte und Formulierungen zu finden, wird die Preisträgerin nach dem Vortrag ihres Textes gefragt.
Sie könne, was sie fühlt, sehr klar vor sich sehen, antwortet diese:
»Meine Gefühle sind einfach, deswegen sind auch meine Worte einfach.«
Angela Lehner nahm im März 2026 an einer durch den Österreichischen Auslandsdienst (OeAD) organisierten Lesereise durch Frankreich teil. Neben Besuchen an der Université de Haute-Alsace in Mulhouse, der Université de Rouen sowie der Université Sorbonne Nouvelle stand eine Teilnahme an der Verleihung des voixAUT-Literaturpreises in der Österreichischen Botschaft Paris auf dem Programm.