English Breakfast
»Ich zog meinen Mantel an als Zeichen meiner Absicht, Abschied zu nehmen, doch weicht sie weiterhin meinen Blicken aus«,
sagt eine Besucherin nach meiner Lesung in dem schönen Londoner Kulturforum, mit dem leeren Weinglas dezent auf eine andere Frau zeigend, und ich grinse, weil mir die Form so gefällt; der Inhalt scheint angesichts dieser Form zweitrangig zu sein, obwohl er, weniger auffällig verpackt, durchaus auch selbst die Macht hätte, mein Interesse zu wecken. Über diese Frau, die gezeigte Frau werde ich sie nennen, um keine Namen zu nennen, hat die zeigende Frau schon zwei andere, nicht weniger schöne Sätze gesagt:
»Sie erscheint mir ab und zu wie ein wiederkehrender Traum, an unerwarteten Orten. Zuletzt im Aufzug in der Royal Albert Hall.«
(»Was haben Sie sich angehört?«, fragte ein anderer Besucher im Sakko.)
Den zweiten schönen Satz habe ich vergessen. Aber jedes Mal erstrahlte ich, mit ihrer Wortwahl konfrontiert, und auch ich fragte etwas Unpassendes, wie: »Reden Sie immer so?«, oder: »Reden alle hier so?« Sie ließ sich auf meine Fragen genauso wenig ein wie ich auf ihre Erzählungen, ich könnte nicht einmal sagen, ob sie ihr schmeichelten oder sie irritierten. (Das war mir relativ gleichgültig, weil sie mir als Erstes gesagt hatte, gleich nach meiner Lesung:
»Es scheint Ihnen egal zu sein, was Leute über Sie denken.«
Das kann durchaus als beleidigend gedeutet werden. (Will sagen sowohl: Sie hat angefangen. Als auch: Sie hatte Recht.) Sie fuhr also allem Anschein nach ungestört mit ihrer Erzählung fort. Eines bestätigt sich immer wieder: Es gibt keine Abkürzungen im Leben. Es bringt nichts, direkte Fragen zu stellen, lange, lange Zeit muss man an einem Ort verbringen, um sie sich dann selbst beantworten zu können. Ich weiß also nur, dass ich in Wien, wo ich schon lange lebe, selten jemanden so reden höre. Erst indem ich mit dieser Andersartigkeit in Berührung komme, fängt der Wunsch, die Form wieder mehr zu pflegen, an, sich zu formen.
(Erinnerung aus der Schule:
»Spoonerism: Half formed wish / half warmed fish.
To do:
Fish and Chips probieren.«)
Denn die Form muss keine leere Hülse sein, die man abwertend außer Acht lassen kann, sie soll wieder, lass uns wünschen, wie in der Poesie, die Kehrseite einer Münze werden. (Die Folgen werden jedoch allumfassend sein. Als Erstes wird die Kleidung folgen, wage ich zu behaupten. In Österreich scheint momentan alles »hauptsache bequem, hauptsache verständlich« zu sein. Hier aber trägt der Herr ein einengendes Sakko, in dessen Brusttasche ein Taschentuch angenäht ist. In seinem Angenähtsein nur scheinbar sinnlos. Tatsächlich vermittelnd: »Ich bin dafür, das Leben mit Ornamenten zu verschönern, auch wenn es Aufwand kostet und keinen Zweck erfüllt.« Und je enger das Sakko, desto lauter sagt er: »Ich strebe nicht nur mein Wohlbefinden an, ich bin bereit, mich zurückzunehmen, dir Platz und Gehör zu schenken.« (Ich glaube, es ist bei weitem nicht zu zugespitzt vermutet, dass der letzte Triumph der Form die Auslöschung des Egozentrismus sein wird.)
Ich möchte den Abend mit dem Anfang beenden: Das Gespräch mit der zeigenden Frau fing so an, dass sie dem Herrn im Sakko sagte, dass es keine Wahrheit gäbe, nur Realität, und ich bin mitten im Vorbeigehen stehengeblieben, von der Synchronizität aufgehalten, und sagte:
»Genau das habe ich gerade gehört!«
Ich zeigte mit meinem halbvollen Weinglas ausgerechnet auf die gezeigte Frau, von der ich es gehört hatte. Es war an Übereinstimmungen zu viel, um nicht an etwas Hohes zu glauben, eine Botschaft zu vermuten. An diesem Punkt war die zeigende Frau die, die erstrahlte. Ja, es wurde viel erstrahlt an diesem Abend. Auch, als sie etwas später preisgab:
»On Wednesdays, we read Joyce.«
(Erinnerung aus der Schule:
»On Wednesdays, we wear pink«, aus Mean Girls.
To Do: Ins Kino gehen. Und in einen Buchladen. Hatchards ist wunderschön. Aber aufpassen: Dort wird manchmal gestohlen. Gestohlen wird auch bei Harrods, aber das ist OK, sind wir alle einverstanden, weil dort kaufen Leute Äpfel, die drei Pfund pro Stück kosten.)
»Das ist wunderbar. Ich habe ihn leider schon oft aufgegeben.«
»Ulysses is manageable.«
»Yes,« bestätigte der Herr.
»But Finnegan’s Wake …«
»Impenetrable!«
»Muss man Ire sein?«
»It certainly helps.«
Am nächsten Tag habe ich viel Zeit, ein paar Mosaiksteine Londons näher zu betrachten. Auf ein Gesamtbild schließen. Man strebt immer das Gesamtbild an, nach dem Gesamtbild wird man dann gefragt, wenn man nach Hause kommt. »Es hat geregnet«, werde ich sagen, auch wenn es nicht regnen wird, weil das reicht, das ersetzt das unmögliche, schwindelerregende Gesamtbild, denn dann kann der andere antworten: entweder »typisch London«, oder »so ein Pech«. Die Mosaiksteine bespricht man selten, dafür braucht man Zeit und Geduld. Über sie schreibt man lieber.
Es fällt mir auf, dass auf allen Mosaiksteinen ein Frühstücksladen ist. Ich frühstücke in London zu jeder Mahlzeit, und das ist OK, weil Frühstück meine Lieblingsmahlzeit ist. Alle Frühstücksläden, die ich sehe, sind Ketten, somit können alle hemmungslos betreten werden. Ketten machen Menschen zahm und locker. Die Tische sind knapp aneinander — ich lausche.
(Erinnerung aus der Schule:
Wir lernten: Eavesdropping. Ich verstand die Lehrerin falsch und dachte noch jahrelang, es heißt earsdropping.)
Ich lasse also meine Ohren fallen und sammle Mosaiksteine, auf denen Menschenteile abgebildet sind.
Dann picke ich die Steine mit den Museen heraus. Alle sind gratis. Ich schaue mir vier an einem Tag an. Es klingt gierig; ist es auch Gier, wenn es nichts kostet? Nennt man es auch Neugier, wenn es alt ist? Würde ich mehr Kultur in Wien konsumieren, wenn es nichts kosten würde? Tate kommt mir leerer als die Albertina vor. Auch meine Freundin aus Rimini geht nie baden. Die Hürde muss wahrscheinlich genau richtig hoch liegen, damit man den Anreiz verspürt, sie zu überwinden. Meine Hürde ist die nahende Abreise. Die Ameisen auf dem Bildschirm schleppen große runde Kreise mit sich. Konfetti, vermute ich. Eine schöne, meditative Makroaufnahme, die ich nur auf eine Weise deuten kann, denn vor dem Bildschirm sitzt zufällig eine Schar Kindergartenkinder, die genauso Buntes tragen. Bunte Mäntelchen. Kürzlich habe ich angefangen, in Museen zu warten, bis ein*e Besucher*in mit dem betrachteten Bild verschmilzt. Ich muss nie lange warten. Heute war es am eindrucksvollsten.
Bald bin ich bei der vierten Tasse English Breakfast. Oft denke ich,Tante Jolesch hatte Recht, indem sie meinte, dass alle Städte gleich sind, nur Venedig e bissele anders. Oft denke ich auch das Gegenteil. Es stimmt wahrscheinlich beides, wie bei den Menschen — alle gleich und gleichzeitig anders. Mit manchen ist man sofort auf der gleichen Wellenlänge und manche brauchen Zeit, wie anstrengende Arbeitskolleginnen, die einem allmählich ans Herz wachsen. Manchmal muss man sich nur im richtigen Moment kennenlernen, um sich zu verlieben. London ist für mich wie eine flüchtige Bekannte, mit der ich einen Tee aus einer Espressotasse trinke, ich in meinem oversized Morgenmantel, sie in einem schulterfreien Partykleid, sie erzählt mir Interessantes, ich fühle kurz yolo und fomo, wir grinsen und schwören uns, nicht wieder eine so lange Zeit vergehen zu lassen, bis wir uns wiedersehen… Und nach dem Treffen bin ich ausgequetscht wie der Teebeutel auf meinem kleinen Teller.
To do: English Breakfast Tee am Weg zum Flughafen kaufen.
»Den habe ich aus London mitgebracht«, werde ich bei meiner Teaparty angeben.
»Harrods?«